Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Rio Reisers Leichnam wird ausgegraben
Nachrichten Panorama Rio Reisers Leichnam wird ausgegraben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 19.01.2011
Auf dem Grundstück seines einstigen Rückzugsortes in Fresenhagen liegt Rio Reisers Leichnahm begraben.
Auf dem Grundstück seines einstigen Rückzugsortes in Fresenhagen liegt Rio Reisers Leichnahm begraben. Quelle: dpa
Anzeige

Es wirkt wie ein schlechter Witz. Im Ton-Steine-Scherben-Lied „Land in Sicht“ sang Rio Reiser einst: „Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen / die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verweh’n / Die durstigen Lippen wird der Regen trösten / und die längst verlor’n Geglaubten / werden von den Toten aufersteh’n.“ Nun soll Reiser, der seit 15 Jahren auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein unter einem Apfelbaum begraben liegt, tatsächlich in einem gewissen Sinne „auferstehen“. Seine Brüder Peter und Gert Möbius haben das Anwesen in Fresenhagen verkauft. Reisers Leichnam muss entfernt werden und soll nach Berlin kommen. Seine Fans sind entsetzt.

Für Gert Möbius selbst ist der Verkauf des Grundstücks und die Umbettung seines Bruders ein schwerer Schritt. Der Berliner ist derzeit in Fresenhagen und bereitet die Übergabe des Hofes vor, der zu einer Einrichtung für betreutes Wohnen werden soll. „Ich bin aus finanziellen Gründen zu diesem Schritt gezwungen“, sagt Möbius. „Es geht mir nicht gut damit.“ Er habe lange das Hofcafé von Berlin aus bewirtschaftet und Veranstaltungen in Fresenhagen mit eigenen Mitteln getragen. Doch der Pilgerstädte für Rio-Fans ging zuletzt die Gäste aus, den Brüdern das Geld.

„Finanziell wäre ein Weiterbetrieb unmöglich gewesen“, sagt Möbius. Hilfe von Sponsoren gab es genauso wenig wie von der Politik. So hatte sich Möbius zum Beispiel an den Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein, Peter Harry Carstensen (CDU), gewandt. Schließlich hatte dessen Vorgängerin Heide Simonis (SPD) einst eine Ausnahmegenehmigung für die Grabstätte möglich gemacht. Carstensen ließ nur ausrichten, dass man da nichts machen könne. Möbius beauftragte einen Makler, der Reisers Rückzugsort als „Künstlerdomizil in einem reetgedeckten Friesenhof“ für 450 000 Euro im Internet anbot. Fresenhagen wurde verkauft. Über die Summe schweigt Möbius. Er habe genug Kommerzvorwürfe ertragen müssen.

Auf das Angebot im Internet hatten sich auch ein paar ehemalige Weggefährten von Reiser beworben. „Wir wollten aus Fresenhagen unseren Alterswohnsitz machen“, sagt Funky K. Götzner, der ehemalige Schlagzeuger der Politrockband Ton Steine Scherben. „Aber woher sollten wir 450.000 Euro nehmen?“ Der Musiker habe keinen Einfluss auf den Verkauf gehabt – und wird ziemlich still, wenn er an den Verkauf des 26 000-Quadratmeter-Areals denkt. „Für uns war das ein magischer Ort, dort hat Geschichte stattgefunden“, sagt Götzner und erinnert an die Tage in den siebziger Jahren, wo sie in Fresenhagen noch gemeinsam Musik machten.

Laut Gert Möbius wird Rio Reiser im Februar nach Berlin gebracht. Derzeit sucht er nach einem passenden Friedhof für den Leichnam, voraussichtlich wird es der Alte St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg. Dazu plant Möbius auch die Eröffnung eines Rio-Reiser-Museums in Kreuzberg und bereitet die Veröffentlichung alter Ton-Steine-Scherben-Alben vor. Schon seit Jahren streiten sich die Möbius-Brüder mit Mitgliedern der Band über Lizenzen, so lang, dass es kaum noch Alben im Original zu kaufen gibt. „Es sieht nun so aus, als könnten wir uns bald einigen“, sagt Möbius. So würde Rio Reiser zumindest musikalisch tatsächlich noch einmal auferstehen.

Jan Sedelies