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13:57 20.08.2013
Zürich

Kein Auto, kein Sex. Das macht die Piktogrammtafel am ersten amtlichen Strichplatz der Schweiz in leicht verständlicher Symbolik klar. Wer auf dem Bike oder dem Motorrad kommen will, wird enttäuscht. Alles durchgestrichen. Ein dickes Kreuz auch über einem Auto, in dem neben dem Fahrer eine weitere Person sitzt. „Nur ein Freier pro Wagen“, sagt ein Wachmann. „Keine Gaffer, und nix zu dritt oder so.“

So gut wie alles im nagelneuen Prostitutionspark auf der unattraktiven Rückseite des Zürcher Hauptbahnhofs ist mit Schweizer Gründlichkeit geregelt. Dennoch sind Zürichs Stadtväter sich nicht sicher, dass die mit Steuergeldern errichtete Anlage - in der Alpenrepublik ist sie seit Wochen ein beliebtes Debattenthema - von Sexarbeiterinnen und Freiern wirklich angenommen wird.

Mit dem ersten Strichplatz der Schweiz wollen Zürichs Politiker Straßenhuren vom berüchtigten Sihlquai am Bahnhof weglocken. Die neue Anlage mit zehn Sexboxen sorgt  für Aufsehen.

Am kommenden Montag wird der Strichplatz Punkt 19 Uhr eröffnet. Erst nach einigen Monaten werde man sagen können, ob das Experiment geglückt sei, sagte Sozialstadtrat Martin Walser Reportern bei einer Vorbesichtigung. „Es gibt keine Erfolgsgarantie, wir probieren hier etwas aus.“

Als Hauptgrund geben die Verantwortlichen an, dass die Zustände am Sihlquai - bislang der größte Schweizer Straßenstrich - „einfach nicht mehr haltbar“ seien. Unweit der malerischen Altstadt am Ufer des Flusses Sihl gelegen, gab es auf Zürichs sündiger Meile oft Zoff. Nicht zuletzt, weil Prostituierte von Gaffern belästigt wurden; immer wieder mal auch von Horden betrunkener Jugendlicher.

Zudem war es vielen ein Dorn im Auge, dass der Strich an attraktiver Uferlage nicht nur Anwohner ärgerte, sondern auch Investoren abschreckte. Zeitgleich mit dem Start der Sexanlage auf der Schattenseite der Bahnhofsgleise tritt ein neuer Strichplan in Kraft. Danach soll Straßenprostitution in der Wirtschaftsmetropole nur noch in der neuen Anlage sowie auf einem Auto- und einem Fußgängerstrich zugelassen werden, die schon länger existieren.

Kleine orangene Regenschirme sollen Freiern den Weg vom Sihlquai zum nicht weit entfernten neuen Sexpark weisen. Als Vorbild diente unter anderem eine ähnliche Einrichtung in Köln. Die Funktionsweise erinnert an das Rundkurs-Prinzip von „Drive In“-Imbissrestaurants: Der Kunde bleibt im Auto, kurbelt die Scheibe herunter, äußert Wünsche und bekommt einen Preis zu hören. Für den Akt stehen dann zehn sogenannte Verrichtungsboxen zur Verfügung.

Vor neugierigen Blicken durch hohe Bretterwände geschützt, sollen von 19.00 Uhr bis 05.00 Uhr gleichzeitig bis zu 40 Prostituierte - ähnlich viele wie am Sihlquai - auf dem 220-Meter-Rundkurs in der Mitte des Strichplatzes für sich werben können. Ohne Sexarbeiterinnen gleicht das Areal einer Carport-Siedlung, die jemand mit Poster-Werbung für die Kondom-Benutzung beklebt hat: „Gib Gummi, wenn du auf Touren kommst“, steht in großen schwarzen Lettern auf einem der gelben Plakate.

Ursula Kocher, Leiterin der Frauenhilfsorganisation Flora Dora, lobt den Strichplatz vor allem wegen der besseren Sicherheit für die Prostituierten. Die Sexboxen seien eigens so angelegt, dass auf der Beifahrerseite immer ausreichend Platz zum fluchtartigen Aussteigen bleibe. Jederzeit könnten die Frauen einen Alarmknopf erreichen.

„Dann geht ein Lichtsignal und ein Flutlicht in der Box an“, sagte Kocher der Zeitung „20 Minuten“. „Wir können sofort intervenieren, schnell ist auch die Polizei da.“ Zudem biete ein Flora-Dora-Pavillon eine Dusche und WCs, einmal pro Woche biete eine Ärztin Beratung an.

Ob das viele Prostituierte überzeugt, wird von Sozialarbeitern mit Spannung erwartet. Manche fürchten, dass Zuhälter, die zum Strichplatz keinen Zutritt haben, Frauen zum „Anschaffen“ auf den noch verbliebenen oder auf illegalen Straßenstrichs nötigen werden.

Im der Zürcher Sozialverwaltung hofft man allerdings auch, dass finanzielle Vorteile den Strichpark für Sexgewerblerinnen attraktiv machen. Der sei nämlich potenziell deutlich profitabler, rechnete Behördenvertreter Michael Herzig Reportern vor: Frauen, die noch am Sihlquai oder anderen Straßenstrichs in Freier-Autos steigen, würden oft weit entfernt aussteigen müssen. „In der Zeit, die sie für die Rückkehr aufwenden müssen, können sie keine Freier bedienen und verdienen somit auch nichts“, gab die Zeitung „Der Landbote“ Herzigs zweifelhaftes Argument pro Strichplatz wieder.

dpa

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