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Panorama Schweres Erdbeben erschüttert Osttürkei
Nachrichten Panorama Schweres Erdbeben erschüttert Osttürkei
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22:01 23.10.2011
Istanbul

Wir hören ihre Hilfeschreie unter den Trümmern – aber wir brauchen jetzt selbst Hilfe, um sie da rauszuholen.“ Celebibag, die kleine Stadt, in der Veysel Keser Bürgermeister ist, „ist von einem großen Unglück heimgesucht worden“. Wohnhäuser, ein Studentenwohnheim, Hotels, Tankstellen – viele Gebäude, berichtet Keser verzweifelt, seien eingestürzt. Und Celebibag ist nicht der einzige Ort, der an diesem Sonntag von einem zerstörerischen Erdbeben verwüstet wurde.

Eingestürzte Häuser, Tote, Verletzte, Verschüttete, Obdachlose: In der Provinz Van boten sich gestern wenige Stunden nach dem Erdbeben Bilder des Grauens, der Verwüstung und der Verzweiflung. Wie viele Menschen von den Trümmern einstürzender Gebäude erschlagen wurden, wie viele Verletzungen erlitten und wie viele möglicherweise noch lebend in den Ruinen eingeschlossen sind und auf Rettung warten, blieb zunächst unklar. Weder die Retter vor Ort noch der Krisenstab, der sofort in Ankara gebildet wurde, konnten dazu verlässliche Angaben machen.

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In ersten Berichten war von mindestens 45 eingestürzten Gebäuden die Rede. Der türkische Vizepremier Besir Atalay bestätigte, in der Kreisstadt Ercis seien 25 bis 30 Gebäude und in der Provinzhauptstadt Van weitere zehn Häuser eingestürzt, darunter ein siebenstöckiges Gebäude. Im Laufe des Tages erhöhten sich die Zahlen stündlich. Vielerorts begannen die Menschen verzweifelt mit bloßen Händen im Schutt eingestürzter Gebäude nach Verschütteten zu suchen.

Fachleute der Erdbebenwarte des Istanbuler Kandilli-Instituts äußerten auf einer Pressekonferenz die Befürchtung, die Katastrophe habe Hunderte Menschenleben gefordert: „Wir rechnen mit 500 bis 1000 Toten“, sagte Mustafa Erdik, der Leiter des Instituts, auf einer vom Fernsehen übertragenen Pressekonferenz. „Mit dieser Opferzahl muss man angesichts der Stärke des Bebens und unter Berücksichtigung der baulichen Gegebenheiten in der Region rechnen.“ Die Seismologen des Kandilli-Instituts berechneten für das Beben eine Stärke von 7,2 Grad auf der Richterskala.

Ministerpräsident Tayyip Erdogan wollte gestern Nachmittag ins Katastrophengebiet nahe der Grenze zum Iran fliegen. Helfer der Organisation Roter Halbmond hatten da schon begonnen, Decken, Wasser und Lebensmittel zu verteilen sowie Zelte für die Obdachlosen aufzuschlagen. Sie arbeiten gegen die Zeit. Im Oktober fallen die Nachttemperaturen in der bergigen Region im Osten der Türkei fast bis auf den Gefrierpunkt. Die Regierung kündigte an, etwa 500 Retter und Notärzte würden nach Van geflogen.

„Es sind viele Gebäude eingestürzt, viele Menschen sind tot, aber wir kennen keine genaue Zahl“, sagte der Bürgermeister der Kreisstadt Ercis, Zulfikar Arapoglu, im Fernsehsender NTV. Er appellierte an die Behörden: „Wir brauchen dringend Ärzte und Sanitäter, unsere Stadt hat nur ein einziges Hospital!“ Die 70.000 Einwohner zählende Stadt an der Nordküste des Van-Sees liegt in der Nähe des Epizentrums des Bebens, das um 13.41 Uhr Ortszeit begann und die Menschen mit zwei heftigen Nachbeben in immer neue Angst versetzte.

Der Geological Survey in Golden im US-Bundesstaat Colorado errechnete die Stärke des Bebens sogar mit 7,6 Grad. Beben dieser Stärke können schwerste Zerstörungen anrichten, zumal in Gebieten mit schlechter Bausubstanz, wie es in der Osttürkei der Fall ist. Überdies lag der Herd des Bebens relativ dicht unter der Erdoberfläche und führte deshalb zu besonders heftigen Schwingungen. Die US-Behörde Geological Survey berechnete die Herdtiefe mit 20 Kilometern, das Kandilli-Institut sogar nur mit fünf Kilometern. Dem Hauptstoß folgten mehrere heftige Nachbeben. Fernsehbilder zeigten Menschen, die in Panik aus ihren vom Einsturz bedrohten Häusern flüchteten. Andere hockten apathisch vor den Ruinen. Verletzte wurden auf den Straßen versorgt.

Auch in der Provinzhauptstadt Van, die etwa 20 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt liegt, richtete das Beben erhebliche Zerstörungen an. In Panik rannten verängstigte Menschen auf den Straßen herum, ebenso panisch versuchten erste Helfer, Überlebende aus den Trümmern auszugraben. In ersten Berichten war von 50 Verletzten und mehreren Verschütteten die Rede. Viele Strom- und Telefonleitungen in der zumeist von Kurden bewohnten Stadt wurden unterbrochen, das Mobilfunknetz war völlig überlastet. Es war deshalb zunächst schwer, einen Überblick über das genaue Ausmaß der Zerstörungen zu bekommen. Sogar im 100 Kilometer entfernten Hakkari sowie im benachbarten Armenien und im Iran war das Beben deutlich zu spüren.

Die Türkei gehört zu den am häufigsten von Erdbeben erschütterten Ländern der Erde. Hier treffen die eurasische und die afrikanische Kontinentalplatte aneinander. Dabei bauen sich im Gestein immense Spannungen auf, die sich immer wieder in heftigen Erdstößen entladen. Bereits 1976 war die Provinz Van von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden. Damals gab es etwa 4000 Todesopfer. 1999 starben bei zwei großen Bebenkatastrophen in der Nordwesttürkei mehr als 20.000 Menschen.

Eines der schwersten Erdbeben ereignete sich 1939 in der ostanatolischen Stadt Erzincan. Damals starben nahezu 33.000 Menschen. Auch der Megastadt Istanbul mit ihren rund 15 Millionen Einwohnern droht nach übereinstimmender Einschätzung aller namhaften Experten eine schwere Bebenkatastrophe. Wann sie sich ereignen wird, lässt sich nicht zuverlässig voraussagen. Fachleute rechnen aber für den Fall eines solchen Bebens mit rund 50.000 Toten und einer halben Million Obdachlosen.

Als erstes ausländisches Land meldete sich übrigens Griechenland mit einem Hilfsangebot in Ankara. Außenminister Stavros Lambrinidis schrieb in einer E-Mail an seinen Amtskollegen Ahmed Davutoglu, „unser Land wird alles in seiner Macht Stehende tun, um der Türkei bei der Bewältigung dieses Unglücks zu helfen“.

Gerd Höhler
 und Selcan Hacaoglu

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