Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Schwierige Wahrheitssuche in bizarrem Kriminalfall
Nachrichten Panorama Schwierige Wahrheitssuche in bizarrem Kriminalfall
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:27 20.10.2010
Die Angeklagten Matthias E. (4. v.r.), Hermine R. (2.v.r.) und ihre Töchter stehen im Gerichtssaal. Quelle: dpa
Anzeige

Dieser Fall wird wohl Rechtsgeschichte schreiben. Vier Beschuldigte sollen vor neun Jahren im bayerischen Neuburg an der Donau ihr Familienoberhaupt Rudolf R. getötet, zerstückelt und dann den Hunden zum Fraß vorgeworfen haben - so urteilte das Landgericht Ingolstadt, das sich auf ein umfassendes Geständnis stützte. Doch das Geständnis erwies sich als falsch. Denn die Leiche des vermeintlich zerstückelten Bauern wurde im vergangenen Jahr zufällig mit seinem Auto aus der Donau gefischt - nun läuft die Wiederaufnahme dieses bizarren Falles.

Im Landgericht Landshut sitzen am Mittwoch die 56-jährige Witwe Hermine R., ihre beiden Töchter Manuela und Andrea sowie Matthias E auf der Anklagebank. Der Koch war früher mit Manuela verlobt, doch die Beziehung ist inzwischen zerbrochen. Alle vier wurden vor fünf Jahren wegen des Todes des 52-jährigen Landwirtes zu Haftstrafen verurteilt, alle vier sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Denn unabhängig von der Neuauflage des Verfahrens wurde ihnen ein Teil ihrer Strafen erlassen, so dass sie vorzeitig aus dem Gefängnis kamen.

Anzeige

Staatsanwalt Ralph Reiter sieht zwar weiter den dringenden Verdacht, dass das Quartett den 52-Jährigen ums Leben gebracht hat - nur eben nicht auf die Art und Weise, wie seinerzeit von Matthias E. geschildert. Dennoch müssen die vier den zweiten Urteilsspruch nicht fürchten. Denn bei einem neuen Schuldspruch müssten sie nicht wieder hinter Gitter - da das Gericht keine höhere Strafe verhängen darf als die bereits abgegoltene.

Die vier setzen vielmehr darauf, rehabilitiert zu werden. „Sie hofft, das Stigma abzulegen“, sagt Klaus Wittmann, der Anwalt der Bauersfrau, über seine Mandantin. In dem früheren Urteil sieht die Verteidigung einen Justizskandal. Das Geständnis kam nach ihrer Darstellung nur unter massiven Pressionen zustande. In stundenlangen Vorgesprächen, die nicht protokolliert wurden, hätten Polizisten die als geistig minderbemittelt eingestuften Beschuldigten in die Mangel genommen.

Der als tyrannischer Hausvater geltende Landwirt war im Herbst 2001 nach Verlassen seiner Stammkneipe, in der er acht halbe Liter Bier getrunken hatte, verschwunden. Zunächst ging die Polizei davon aus, dass der Mann nicht nach Hause zurückgekehrt war. Erst zwei Jahre später kam dann der Verdacht auf, Rudolf R. sei doch nach Hause gekommen und dort getötet worden - Anfang 2004 wurden die drei Angehörigen und der Freund festgenommen.

Laut Protokoll sagten sie anfangs aus, den Bauern erschlagen und in der Donau oder einem Weiher versenkt zu haben. Dann aber legte Matthias E. ein anderes Geständnis ab: Der Bauer sei mit dem Hammer erschlagen und den Hunden zum Frass vorgeworfen worden. Weil Hunde aber Knochen übrig lassen, schloss das Gericht - unabhängig vom Geständnis - , dass die Reste der Leiche von den Schweinen gefressen worden seien.

Der Fall wäre wohl nie wieder aufgerollt worden, wenn nicht zufällig das Auto mit dem Leichnam aufgetaucht wäre. War Rudolf R. also betrunken selbst in die Donau gefahren? Oder hatten ihn doch seine Angehörigen getötet und dann hinein gerollt?

Weil die Angeklagten im neuen Verfahren jede Aussage verweigern, müssen diese Fragen mit Hilfe der Indizien beantwortet werden. Doch Manuelas Verteidigerin Regina Rick wirft der Polizei vor, durch schlampiges Arbeiten die Beweiserhebung beeinträchtigt zu haben. So sei bei Bergung des Wagens die Windschutzscheibe zerborsten und der Torso des skelettierten Toten hinausgespült worden. Die sterblichen Reste hätten die Beamten dann mit dem Donauschlamm ins Auto zurückgeschaufelt - weshalb sich sich nur noch schwer rekonstruieren lasse, in welcher Position R. im Auto saß.

Doch könnte den Beschuldigten die Schlamperei eventuell nützen:
Sollten sie R. doch getötet haben, könnte wegen fehlender Beweise am Ende des bis Februar angesetzten Prozesses ein Freispruch herauskommen - in diesem Falle bekämen sie für jeden in Haft verbrachten Tag 25 Euro Schadensersatz.

dpa/afp