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Panorama Sexualverbrecher soll hinter Gittern bleiben
Nachrichten Panorama Sexualverbrecher soll hinter Gittern bleiben
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14:51 05.08.2009
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Verurteilter Mörder soll in Sicherungsverwahrung bleiben. Quelle: Rainer Surrey (Archivbild)
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Seit den 1970er Jahren verübte der Mann wiederholt schwere Sexualstraftaten bis hin zur Tötung einer 28-jährigen Frau 1988 im badischen Durmersheim. Seine Freiheitsstrafen hat er nun verbüßt. Doch die Staatsanwaltschaft geht von einer hohen Wiederholungsgefahr aus und will den gebürtigen Berliner weiter hinter Gittern sehen. Der Täter selbst beteuert indes, sich geändert zu haben. „Nie wieder sollen unschuldige Menschen von mir geschädigt werden“, verspricht er beim Verhandlungsauftakt.

Als der Schwerverbrecher in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird, versteckt er seinen Kopf unter einer Windjacke vor den Kameras. Nachdem er sich hingesetzt hat, hält er sich schützend einen Ordner aus Pappe vor das Gesicht, auf den er mit Filzstift „TV lügt“ geschrieben hat. Das Publikum würdigt der schwergewichtige Mann keines Blickes. Als der Vorsitzende Richter eine Stunde lang das Urteil des Landgerichts Baden-Baden im Fall der ermordeten Zahnarzthelferin verliest, setzt der Mörder eine Brille auf und liest Zeile für Zeile mit gesenktem Haupt mit.

Die Liste der Grausamkeiten, die der gelernte Kfz-Schlosser begangen hat, ist lang. Schon in den 1970er Jahren wurde er wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in Berlin verurteilt. In den 1980er Jahren folgte ein Urteil des Landgerichts Hannover wegen der Entführung und Vergewaltigung von zwei kleinen Mädchen - begangen zusammen mit einem ehemaligen Mitgefangenen. Und dann geschah der Mord an der 28-jährigen Zahnarzthelferin in Durmersheim, verübt 1988 auf der Flucht. Wenige Tage zuvor war der Triebtäter aus der Psychiatrie ausgebrochen.

Der Mann hatte die Fahrradfahrerin damals in einem Waldstück, in dem er sich versteckt hatte, in seine Gewalt gebracht, sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen und sie schließlich erdrosselt. Wenige Tage später wurde er festgenommen. Das Landgericht verurteilte ihn 1990 wegen versuchter Vergewaltigung und Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Eine lebenslange Haftstrafe war nicht möglich, weil der Täter wegen seiner „seelischen Abartigkeit“, die laut Gutachten auf sadomasochistischer Perversion beruht, zur Tatzeit nicht voll steuerungsfähig war.

Nahezu 36 Jahre hat der Schwerverbrecher inzwischen im Gefängnis oder in einer Psychiatrie verbracht. Die wenigen Momente auf freiem Fuß endeten immer wieder in einer neuen Katastrophe. „Ich habe schwerste, ja schändliche Verbrechen begangen“, sagt der 61-Jährige dazu heute. Und mit zitternder Stimme richtet er dabei sein Wort auch an Opfer und Angehörige: „Bitte verzeihen Sie mir in Gottes Namen.“ Zugleich beteuert er, seine Überzeugungen und Verhaltensweisen geändert zu haben. Dabei räumt er ein, sich lange Zeit Ärzten und Therapeuten verweigert zu haben, weil er „zu feige“ war. Inzwischen habe er jedoch seine Schuld erkannt und die Taten aufgearbeitet.

1990 hatte ein Psychiater trotz geringer Erfolgsausichten zumindest nicht ausgeschlossen, dass der Mann behandlungsfähig ist. Drei Jahre später stellte dann aber das Landgericht Göttingen seine Therapieunfähigkeit fest. Der Verurteilte habe weder Leidensdruck gezeigt noch Krankheitseinsicht vermittelt, hieß es damals. Die Behandlungsmöglichkeiten wurden als erschöpft angesehen. Der Mann kam in den normalen Strafvollzug, nahm dort aber erneut an Therapien teil und ließ sich jahrelang von einer Psychologin betreuen.

In letzter Minute müssen die Richter in Baden-Baden nun entscheiden, ob von dem 61-Jährigen weiter eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Mit Beginn der Verhandlung am Mittwoch hätte der Mann eigentlich auf freien Fuß gesetzt werden müssen. Erst am Montag ordnete das Landgericht seine vorläufige Unterbringung an, um die Freilassung zu verhindern. Vorerst sitzt der 61-Jährige also noch hinter Gittern. Am 20. August soll die Entscheidung fallen.

ddp