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Panorama Sie wollten sich pflegen bis zum Tod
Nachrichten Panorama Sie wollten sich pflegen bis zum Tod
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19:29 13.08.2009
Quelle: Rainer Dröse (Archivbild)
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Er sieht aus wie das sprichwörtliche Häufchen Elend. Gebeugt und ganz in Grau gekleidet, schiebt der Mann aus Woltershausen (Kreis Hildesheim) seinen Rollator in den Gerichtssaal. Ein Greis, der älter wirkt als 75 Jahre. Ernst sitzt er neben seinem Verteidiger Bernward Hink – und doch lächelt er zu Prozessbeginn am Landgericht Hildesheim. Denn der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl fragt ihn nach jenen Tagen, in denen er seine inzwischen verstorbenen Frau kennen lernte. „Das war noch in der Schule, in Schlesien“, antwortet der Angeklagte und strahlt. Fast 70 Jahre ist das her. Eine Ewigkeit.

Knapp 55 Jahre waren die beiden verheiratet. Es gab Höhen und Tiefen, aber es war eine gute Ehe, wie auch Zeugen bestätigen. „Wir haben uns voll vertraut“, sagt der 75-Jährige. Drei Kinder, ein eigenes Haus, in dem das Paar mit einem der Söhne und dessen Frau lebte. „Wir wollten uns gegenseitig pflegen bis zum Sterben“, sagt er. Es war ab Mitte 2005, als er dieses Versprechen einlösen musste.

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Schon länger gebrechlich und zunehmend dement, bekam seine Frau einen Hirnschlag, wurde bettlägerig. Erst konnte sie noch ihre Arme bewegen, Ja und Nein sagen. Dann verstummte sie für immer, vollkommen bewegungsunfähig. Ein Pflegefall, den ihr Mann klaglos schulterte.

Sicher, er bekam Hilfe vom Deutschen Roten Kreuz, das morgens und abends zum Waschen der alten Frau anrückte. Auch die Schwiegertochter ging ihm zur Hand. Den Rest aber übernahm er allein. Klaglos. „Geht schon, geht schon“, sagte er, wenn mal wer Hilfe anbot. Alle drei Stunden bettete er seine Frau neu, stellte sich für jede Nacht um drei Uhr den Wecker. Stunden dauerte schon das Füttern: „Ich musste ihr ganz kleine Happen machen und Trinken mit der Spritze geben, wenn sie den Mund nicht aufmachte.“

Liebe- und verständnisvoll nennt das Oberstaatsanwalt Gerhard Kreuz. Und doch ist er sich sicher, dass der Rentner sich des versuchten Totschlags schuldig machte. Es passierte in der Nacht auf den 16. Januar, um 3 Uhr. Der 75-Jährige war aufgestanden, um seine Frau zu versorgen. Diesmal aber drückte er ihr ein Kissen aufs Gesicht, um sie zu ersticken. Dann griff er sich ein Küchenmesser, und schnitt ihr damit in den Hals. Die Halsschlagader legte er dabei frei – purer Zufall, dass die Frau überlebte, sagt ein Gerichtsmediziner beim Prozess.
In der Tatnacht versuchte der Rentner, auch sich das Leben zu nehmen. Eine Pflegerin fand das Paar und alarmierte die Retter. Der alte Mann kam ins Krankenhaus, dann in die Psychiatrie, schließlich zur Kur. Und jetzt eben vor Gericht.

Über sein Motiv sind sich alle Prozessbeteiligten einig. Seinerseits gesundheitlich schwer angeschlagen, herz- und lungenkrank, völlig erschöpft, habe der Woltershäuser befürchtet, seine Frau ins Heim geben zu müssen. Lieber wollte er mit ihr aus dem Leben scheiden.

Wie aber ist der 75-Jährige für diese Tat zu bestrafen? Schnell wird klar, dass der Rentner nicht ins Gefängnis soll. Am Ende lautet die Strafe: Zwei Jahre Haft auf Bewährung, 8000 Euro Bewährungsauflage.

von Christian Wolters