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Panorama So gefährlich ist der Wolf
Nachrichten Panorama So gefährlich ist der Wolf
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00:15 20.01.2015
Wie gefährlich ist der Wolf? Die Menschen sind dazu geteilter Meinung. Quelle: dpa
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Munster

Das Unterholz knarzt. Britta Habbe marschiert so schnell voran, dass die braunen Farne gleich wieder zurückfedern und die Wolfsexpertin beinahe verschlucken. Ein Krähen ist zu hören, die Luft ist feucht, der Himmel über dem Mischwald ist stumpf und diesig. Aber die Biologin geht zielsicher durch die Lüneburger Heide in der Nähe von Munster, die GPS-Koordinaten auf dem Handy weisen ihr den Weg. Habbe bleibt abrupt stehen und schaut auf einen kahlen Baum. „Kolkraben“, sagt sie. „Ein guter Indikator für Risse.“

Risse durch Wölfe meint die Biologin damit. Habbe, die Wolfsbeauftragte des Landes Niedersachsen ist, ist an diesem Nachmittag auf dem Weg zu zwei Fotofallen, die sie auswerten möchte. „Hier ist das Randgebiet des Munsteraner Wolfsrudels“, erklärt Habbe.

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Aber wo ist der Wolf? Habbe versucht, ihm auf die Spur zu kommen – doch sie selbst hat in freier Wildbahn noch nie einen gesehen. „Uns wurde eine Sichtung von Welpen gemeldet. Da wollen wir mal gucken, ob es hier etwas Neues gibt.“ Dafür hat sie eine Fotofalle auf einer Lichtung im Wald platziert, sie hängt an einem Baum. Habbe holt die Speicherkarte aus dem Fotokasten, 1500 Fotos. Umringt von Sträuchern und herabgefallenen Ästen hockt sie auf einem Baumstumpf und schaut sich die Bilder auf ihrem Laptop an. Rehe, Füchse, Wildschweine, ein junger Hirsch – aber kein Wolf. „So ist es meistens“, sagt die 32-Jährige und macht sich auf den Weg zur nächsten Falle. „Was man fühlt und was man statistisch sieht, das ist ein großer Unterschied.“

Wölfe in fünf Bundesländern

Das „Fühlen“, die Angst und die Bedenken gegenüber den Wölfen in Niedersachsen stehen bei vielen Bürgern im Vordergrund – auch weil der Wolf in Deutschland fast hundert Jahre verschwunden war: Im Jahr 1904 wurde das letzte Tier in der Lausitz in Sachsen erschossen. Genau dort konnten im Jahr 2000 wieder Wölfe nachgewiesen werden, sie sind aus Polen eingewandert. In der Lausitz leben heute auch die meisten deutschen Tiere. Im Moment gibt es in fünf Bundesländern Wölfe, die Schätzungen zu dem deutschen Bestand variieren zwar stark, aber es gibt mindestens 150 Tiere, verteilt auf 35 Rudel und Paare. In Niedersachsen sind die Tiere erst seit sieben Jahren wieder heimisch: Im Jahr 2007 wurde der erste Wolf in Unterlüß im Landkreis Celle nachgewiesen, 2012 wurde Niedersachsen dann „Wolfsland“, als sich das erste Rudel bei Munster dauerhaft etablierte. Derzeit gibt es landesweit etwa 50 Tiere: fünf Rudel, zwei Paare und ein Einzeltier. Tendenz: stark steigend. „Der jährliche Zuwachs in der Population liegt bei 30 Prozent“, erklärt Habbe.

Doch das freut nicht jeden. „Willkommen, Wolf!“ – dieses Motto rief der Naturschutzbund (Nabu) aus, als feststand, dass die Tiere dauerhaft in Deutschland heimisch werden würden, und auch das niedersächsische Umweltministerium wertet die Vermehrung der einst ausgerotteten Tiere als „Erfolg für den Artenschutz“. Helmut Weiß, Sprecher der Nabu-Landesarbeitsgruppe Wolf in Niedersachsen, betont, der Mensch sei es gewesen, der dem Wolf seinen Lebensraum entzogen habe, deshalb müsse jetzt ein natürliches Umfeld wiederhergestellt werden. Doch Kritiker wie Carl Lauenstein, der Sprecher der niedersächsischen Schafzuchtverbände ist, sehen das ganz anders: Für das Wildtier Wolf gebe es im dicht besiedelten Deutschland schlichtweg keinen Platz mehr.

Wölfe töteten seit 2008 insgesamt 120 Schafe

Die starke Vermehrung der Tiere macht vor allem Nutztierhaltern zu schaffen: Seit 2008 töteten Wölfe laut der mit dem Wolfsmanagement beauftragten Landesjägerschaft in Niedersachsen insgesamt 120 Schafe, 24 Hirsche und vier Rinder. Allein 24 Verdachtsfälle mit insgesamt 60 getöteten oder verletzten Tieren werden derzeit geprüft.

Schäfer Gerd Jahnke aus Eimke bei Uelzen hat schon lange Gewissheit. Keine 20 Kilometer von der Fotofalle entfernt blickt Jahnke sorgenvoll auf seine grasende Heidschnuckenherde. Im Januar 2013 verlor er fünf Schafe durch eine Wolfsattacke, Ende September starb zudem ein Mutterschaf. „Die Mutterschafe waren mit den Lämmern eingezäunt. Aber es war Winter, der Boden war gefroren und so war wenig Spannung auf dem Elektrozaun“, erzählt Jahnke. „Bei der täglichen Kontrolle haben wir dann gesehen, dass was passiert sein muss, und eine halbe Stunde später war der Wolfsberater da.“

Wolfsberater arbeiten ehrenamtlich

Die Wolfsberater arbeiten ehrenamtlich, sie sind Ansprechpartner für Tierhalter, wenn Schafe, Ziegen oder junge Rinder gerissen wurden. Viele von ihnen sind Jäger, rund 140 gibt es derzeit in Niedersachsen, das sind zwei pro Landkreis. Sie sind es auch, die die Proben nehmen, mittels derer per Gentest festgestellt wird, ob ein Wolf für den Schaden verantwortlich ist – und nicht etwa ein Hund. Denn nur wenn der Wolf eindeutig als Verursacher festgestellt werden kann, bekommen die Nutztierhalter eine finanzielle Entschädigung vom Land.

Die „Richtlinie Wolf“ wurde Ende November aktualisiert. Pro Jahr stehen jetzt 100.000 Euro zur Verfügung, mit denen vor allem Schaf- und Ziegenhalter beim Kauf von Elektrozäunen und Herdenschutzhunden finanziell unterstützt werden sollen. Diese Präventionsmaßnahmen werden mit bis zu 80 Prozent gefördert. Bei nachgewiesenen Rissen bekommen die Halter maximal 5000 Euro pro Tier – das gilt allerdings nur für Landwirte, die eine Nutztierhaltung im Haupt- oder Nebenerwerb betreiben, und nicht für Hobbytierhalter.

Schäfer kritisieren die Entschädigungspraxis

Die Entschädigung erfolgt auf freiwilliger Basis, einen Rechtsanspruch auf Ausgleich haben die Tierhalter nicht – was die Schäfer ärgert. „Wenn die EU und die Gesellschaft wollen, dass der Wolf hier ist, soll man wenigstens denen helfen, die dadurch einen Schaden haben“, sagt Schäfer Jahnke. Die Schäfer kritisieren die Entschädigungspraxis auch noch aus anderen Gründen: „Das reicht noch lange nicht“, sagte Mathias Brockob, Geschäftsführer des Landesschafzuchtverbandes. Denn die Erstattungen für getötete Tiere würde bei Weitem nicht ausreichen: Wenn eine Herde einen Wolfsangriff erlebt, seien danach alle Tiere verstört und viele Mutterschafe hätten Fehlgeburten. „Ich habe im Frühjahr 400 bis 500 hochträchtige Schafe. Wenn die durch einen Wolf verängstigt werden und dann 50 bis 100 Stück verlammen, kann ich das nicht beweisen“, sagt Jahnke und zuckt mit den Schultern.

Damit Landwirte überhaupt Geld bekommen, muss bereits ein „wolfsabweisender Grundschutz“ bestehen. Doch das ist nach Aussage der Schäfer nicht überall möglich: An Deichen etwa können Herden nicht komplett eingezäunt werden. Viele Schäfer kämpften ohnehin um ihre Existenz, die Auflagen, das geringe Einkommen und der jetzt zusätzlich nötige Schutz vor Wölfen könne Schäfer in den Ruin treiben, befürchtet Brockob. Die Entschädigung kann zudem mehr als ein halbes Jahr dauern, sagt Schäfer Lauenstein.

„Die Politik lässt uns im Stich“

„Die Politik lässt uns im Stich“, sagt auch Jahnke und rückt seinen Hut zurecht. Er steht auf seiner Wiese und schweigt, doch tatenlos bleiben will er nicht. Der Schäfer hat einen Elektrozaun um die grasende Schafherde gespannt. 800 Tiere sind es, die meisten sind Heidschnucken, außerdem einige Fleischschafe und Ziegen. Und zwischen ihnen steht: ein Esel. „Der ist wehrhaft, kann beißen und treten“, sagt Jahnke, während der Esel sich an ihn schmiegt. Jahnke lächelt und streichelt sein wuscheliges Fell. „Früher haben wir besser und ruhiger gelebt.“

Jahnkes Betrieb, die Glockenbergsschäferei, ist einer der größten in der Lüneburger Heide. Den Betrieb hat der 52-Jährige von seinen Eltern übernommen, jetzt arbeitet auch seine Tochter mit den Schafen. Die Wölfe bereiten dabei ausgerechnet den Landwirten Probleme, die nicht mit Massentierhaltung, sondern mit ökologischer Landwirtschaft und Landschaftspflege versuchen, Geld zu verdienen. Doch der Lebensunterhalt ist ohnehin schwierig, und seit der Wiederausbreitung des Wolfes kämpft der Kleinunternehmer nicht nur um gute Preise für Wolle und Lammfleisch, sondern auch für Elektrozäune und Entschädigungen.

Jahnke will nicht aufgeben. Der Schäfer, der sich mit sechs Angestellten um 1500 Schafe und 100 Ziegen kümmert, hat neben 20 Hütehunden jetzt auch drei Herdenschutzhunde. Angeschafft auf eigene Kosten. „Die kann man nicht zusammen mit den Hütehunden halten, aber sie passen nachts auf die Herde auf.“ Hat er Angst, noch mehr Tiere zu verlieren? „Bevor man morgens bei den Viechern ist, ist man schon nervös.“ Jahnke versucht sich mit dem Wolf abzufinden: „Einmal im Jahr, zwei bis drei tote Tiere, damit könnte ich leben.“ Jahnke wirkt ein wenig hilflos – und dass, obwohl er derzeit alle Schutzmaßnahmen anwendet. „Im Moment hat man ein bisschen was getan“, sagt er und schaut wieder ins Leere.

Wölfe zum Abschuss freigeben?

Einigen Schäfern ist auch das viel zu wenig: Sie wollen nicht warten und bangen, sondern handeln und kämpfen. Sie fordern, die Wölfe zum Abschuss freizugeben – oder sogar wieder komplett zu verdrängen. „Der Wolf hat hier kein Lebensrecht“, schrieb etwa Schäfer Wendelin Schmücker aus Winsen an der Luhe im Oktober des vergangenen Jahres in einem Brandbrief an die Landesregierung. Wölfe seien „Schädlinge und nutzlos wie Ratten, Flöhe oder Zecken“, wetterte der Sprecher der niedersächsischen Schäfer. Jahnke formuliert das zwar weniger drastisch, fordert aber ebenfalls einen Abschuss. „Soll man so lange warten, bis ein Mensch angegriffen wird, bis die Politik aufwacht?“, fragt er.

Er plädiert zwar für einen „vernünftigen Umgang“ mit den Wölfen. Doch mit der Gefahr des Angriffs auf Menschen spricht Jahnke eine Angst an, die viele in der Region beschäftigt. Und auch die Interessengemeinschaft der Weidetierhalter Nordost Niedersachsen (WNON) betont auf ihrer Internetseite, durch die Vermehrung der Wölfe bestehe durchaus eine Gefahr für die Bevölkerung. Mehr noch: Die WNON bezeichnet die derzeitige Informationspolitik als „bewusste Irreführung der Bevölkerung“.

„Heute Rinder, morgen Kinder“

Tatsächlich hat besonders die Tötung von zwei Rindern im August 2014 im Landkreis Cuxhaven große Ängste in der umliegenden Bevölkerung geschürt. „Heute Rinder, morgen Kinder“ lautete etwa der Slogan bei von Städten und Gemeinden einberufenen Informationsveranstaltungen und im Internet, wo aufgebrachte Bürger um ihre im Wald spielenden Kinder bangten. Ferienhausvermieter in Bergen im Landkreis Celle berichteten im Jahr 2013, Familien mit Kindern hätten ihren Urlaub in der Heide mit Hinweis auf die Wölfe abgesagt.

Wolfsexpertin Habbe hält dies für unbegründet. „Das Wolfsbild vieler Menschen stammt vielfach aus Märchen und hat viel mit dem Mythos Wolf, aber wenig mit dem Wildtier Wolf zu tun.“ In 60 Jahren seien in ganz Europa nur neun Menschen von Wölfen getötet worden und bei fünf dieser Fälle habe bei den Wölfen Tollwut nachgewiesen werden können.“ Gefahr könne nur bei Provokation entstehen, wenn man die Tiere in die Enge treibe. „Normalerweise gehen Wölfe Menschen aus dem Weg.“

Keinesfalls weglaufen, sondern stehenbleiben

Aber gibt es nun eine Gefahr für im Wald spielende Kinder oder nicht? „Ein Waldkindergarten zum Beispiel besteht ja aus vielen Kindern. Die sind laut und verjagen die Tiere. Man muss die Kinder gut aufklären, im Rahmen des gesunden Menschenverstandes.“ Doch wenn man tatsächlich ...? „Begegnet man einem Wolf, sollte man keinesfalls weglaufen, sondern stehenbleiben. Man kann sie vertreiben, indem man sie laut anspricht, in die Hände klatscht oder mit den Armen winkt. Dann wird der Wolf dem Konflikt aus dem Weg gehen wollen und umdrehen.“

Habbe betont, man dürfe keinesfalls versuchen, die Tiere anzufassen oder zu füttern. Aber auch die Biologin räumt ein, dass das viele Menschen in der Lüneburger Heide nicht überzeugt. „Die Diskussion wird sehr emotional geführt“, sagt Habbe auf dem Weg zurück zu ihrem Auto. „Die Leute brauchen einfach noch Zeit, sie müssen mehr Erfahrungen mit den Tieren machen und lernen, dass die Gefahr gering ist. Dieser Aha-Moment fehlt in unserer Gesellschaft noch.“

Fünf Zeichen, dass ein Wolf in der Nähe ist

Wolfsabdrücke: Die Pfotenabdrücke des Wolfes sind am besten bei Wasserstellen, Sandwegen, Fahrspuren oder auf feuchter Erde zu finden. Der Abdruck eines ausgewachsenen Wolfes ist, ohne Krallen gemessen, mindestens acht Zentimeter lang und hat eine länglich-ovale Form. Die Krallen des Wolfs sind auf dem Abdruck deutlich zu sehen.
Fährte: Der Wolf läuft meist im geschnürten Trab: Dabei setzt er die Hinterpfote exakt in den Abdruck der Vorderpfote, sodass Doppelabdrücke entstehen, die hintereinander in einer Linie liegen. Die Doppelabdrücke haben einen gleichmäßigen Abstand von mindestens 50 Zentimetern.
Losungen: In der Losung (Kot) eines Wolfs sind immer Haare, Knochenteile und Zähne zu finden. Losungen finden sich häufig an exponierter Stelle auf Wegen und Kreuzungen, die der Wolf dort zur Reviermarkierung absetzt. Der Kot ist in der Regel zweieinhalb bis vier Zentimeter dick und mehr als 20 Zentimeter lang.
Risse: Mittelgroße und große Beutetiere wie Rehe, Rothirsche und Schafe tötet der Wolf meist mit einem gezielten Biss in die Kehle, dem sogenannten Drosselbiss. Bei größeren Beutetieren wie Hirschen gibt es außerdem häufig Verletzungen an den Flanken und Keulen, weil der Wolf versucht, die Tiere zu Boden zu reißen. Hunde haben im Vergleich meist weniger Übungen, sie beißen wahllos und verursachen dadurch Bissverletzungen am ganzen Körper.
Körperbau: Wer glaubt, einen Wolf zu sehen, kann ihn so vom Hund unterscheiden: Ein Wolf hat längere Beine als ein Hund und im Vergleich zum Hund eine eher quadratische Form. Der Wolf hat im Gegensatz zum Hund eine waagerechte Rückenlinie und eine Schulterhöhe von 60 bis 90 Zentimetern. Das Fell ist graubraun, die Zeichnung ist heller als bei Hunden. Die Haarspitzen sind schwarz. Oft sind die Unterseite der Schnauze sowie die Kehle weiß. Der Wolf hat eine viel längere Schnauze als ein Hund und ein schmaleres Gebiss. Der Wolf trägt seinen Schwanz gerade, er ist buschig und hat am Ende des oberen Drittels einen dunklen Fleck.

Sie erzählt, dass die Wölfe in Gartow, einem kleinen Dorf in der Nähe des ehemaligen Truppenübungsplatzes Munsters nachts durch die Dorfstraßen laufen. „Die Tiere nehmen eben den kürzesten Weg, und natürlich müssen sich die Leute daran gewöhnen“, räumt die Wolfsbeauftrage ein. Die Angst vieler Städter, dass die Tiere auch in ihre Straßen kommen, hält sie jedoch für unbegründet. „In der Eilenriede wird es keine Wölfe geben.“ Das Wolfsvorkommen, das Hannover derzeit am nächsten ist, befindet sich in Fuhrberg nördlich von Burgwedel. „Dass es am Randbereich von Hannover ein Kerngebiet geben wird, glaube ich aber nicht. Der Wolf lebt vorrangig in den störungsarmen, dünn besiedelten Teilen Niedersachsens, also in der Heide und im  Emsland. Und der Wolf ist kein Kulturfolger, der den Menschen in ihren Lebensraum hinterherkommt wie etwa Fuchs oder Marder.“

Die mit Abstand meisten Sichtungen von Wölfen haben die Jäger der Reviere, die bereits Wolfsterritorien sind. Doch auch die Jäger haben ihrerseits ein gespaltenes Verhältnis zu den Raubtieren. Offiziell befürworten sie die Anwesenheit der Tiere in ihren Revieren, weil die Wölfe den derzeit hohen Wildbestand reduzieren, indem sie vor allem alte und kranke Tiere fressen. Hinter vorgehaltener Hand hört man jedoch, dass auch die Jäger lieber keine Wölfe in ihren Revieren hätten: „Die Jäger haben häufig einen Alleinvertretungsanspruch für ihr Revier. Sie möchten lieber selbst jagen, als sich vom Wolf ihre Abschüsse und Erträge aus der Jagd wegnehmen zu lassen“, sagt ein Schafzüchter. „Ich bin mir sicher, dass die meisten Jäger gut ohne Wölfe klarkommen“, meint auch Jahnke.

Wie sich die Anwesenheit der Wölfe jedoch auf den Wildbestand in Niedersachsen auswirkt, könne man aber noch nicht absehen. „Das Verhalten der Tiere wird sich ändern, sie werden vorsichtiger und rotten sich mehr zusammen – doch das an sich ist kein Problem.“
Im Auto schaut sich Habbe die Bilder der zweiten Fotofalle an, 3200 sind es. Wölfe sind wieder nicht zu sehen. „Aber auch das Territorium, wo wir jetzt auf den Fotofallen noch nichts sehen, wird sich bei den Wölfen etablieren.“

Die Sorge der Schäfer kann sie zwar verstehen, doch sie sieht die Verantwortung auch bei den Nutztierhaltern selbst. „In Niedersachsen haben wir bislang noch keinen wolfssicheren Zaun. Die Schäfer sind die Haltung ohne Wolfsschutz seit Jahrzehnten gewohnt, sie müssen sich noch mehr auf die Anwesenheit der Wölfe einstellen.“

Schafe und Rinder gehörten nicht zur Hauptbeute

Das Argument, die Wölfe hätten es gezielt auf Schafe abgesehen, lässt sie nicht gelten. Schafe und Rinder gehörten nicht zur Hauptbeute des Wolfs. „Sie greifen meist nur auf diese Tiere zurück, wenn das Nahrungsangebot schlecht ist oder die Nutztiere leicht zu erlegen sind. Die Hauptbeute von Wölfen sind Rehe und Damwild.“ Eine angemessene finanzielle Entschädigung hält allerdings auch Habbe für notwendig.
Dass Wölfe geschossen werden dürfen, befürwortet allerdings auch die Wolfsexpertin. So einfach ist das aber nicht: Der Wolf gilt als stark gefährdete Art und unterliegt in der EU dem höchsten Schutzstatus. Dennoch: „Ich glaube, dass eine Erlaubnis kommen wird. Das wird dann auch die Grundsituation ändern: Die Leute werden das Gefühl haben, etwas ausrichten zu können. Eine Bejagungserlaubnis wird die Akzeptanz erhöhen“, sagt Habbe, die selbst Jägerin ist.

Im sächsischen Wolfs-Management-Plan ist das Abschießen von Wölfen bereits jetzt unter Umständen erlaubt: Etwa wenn ein Wolf keinen Respekt vor Herdenschutzhunden hat oder sich Menschen aggressiv nähert. Ob ein Abschuss erlaubt ist, entscheiden dann die Landratsämter – bislang gab es aber noch keinen derartigen Fall.

Für Jagderlaubnis müssten sich Wölfe noch vermehren

Bis zu einer generellen Erlaubnis werden noch Jahre vergehen – für eine Jagderlaubnis müssten sich die Wölfe noch vermehren. Auf EU-Ebene wird dann entschieden, ob ein sogenannter „günstiger Erhaltungszustand“ vorliegt, das heißt: „Die mitteleuropäische Flachlandpopulation, die sich aus den Beständen in Deutschland und Westpolen zusammensetzt, muss 1000 erwachsene Tiere haben – mindestens“, erklärt Habbe.  Derzeit gibt es aber erst 160 Tiere – in beiden Ländern zusammen. „Die Tiere können sich hier behaupten, so zeigen sie, dass sie aus biologischer Sicht einen Platz haben“, sagt Habbe. „Wir haben hier noch viel Platz für die Wölfe.“

Von Sabrina Mazzola

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