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Panorama Sparkurs bremst Bahn aus - Notfahrplan gestartet
Nachrichten Panorama Sparkurs bremst Bahn aus - Notfahrplan gestartet
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09:20 23.12.2010
Ein Mann arbeitet am Mittwoch an einer Anzeigetafel der Deutschen Bahn im Hauptbahnhof in Dresden. Quelle: dpa
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Die vielen Zugverspätungen und -ausfälle sind nicht nur die Folgen des Winterwetters, wie die Bahn bisher behauptet hat. „Wir haben mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen, die aus der Vergangenheit herrühren“, sagte am Mittwoch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und räumte damit gravierende technische Versäumnisse des Unternehmens ein, das sich immer noch zu 100 Prozent in Bundesbesitz befindet. Nach seinen Worten „macht sich jetzt bemerkbar, dass man geglaubt hat, man könne sich das eine oder andere an der Reserve sparen“. Auch der Experte der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Döring, kritisierte gegenüber dieser Zeitung, der Fuhrpark der Bahn sei zu sehr „auf Kante genäht“.

Jetzt räche sich der umstrittene Spar- und Börsenkurs der Bahn, schimpft Winfried Hermann von den Grünen, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag. Denn um die Rendite zu trimmen, verringerte die frühere DB-Spitze um Hartmut Mehdorn die Flotte und sparte massiv bei der Wartung.

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Mit den Interregios wurde eine ganze Zuggattung aufs Abstellgleis geschoben, Zehntausende Kilometer Nebenstrecken und Überholgleise wurden abgebaut, bei Reservezügen wurde ebenso gespart wie bei Weichenheizungen und der Gleisinstandhaltung. Selbst die Kontrolle gefährlicher Achsen wurde sträflich vernachlässigt, bis immer mehr Unfälle passierten und das Eisenbahnbundesamt endlich eingriff. Nun müssen die ICE-Züge bis zu zehnmal häufiger zur Inspektion – und fehlen ebenfalls. Bis 2013 wird zudem der nötige Achsentausch dauern.

Die Folgen dieses Sparkurses bekommen die Fahrgäste nun massiv zu spüren. Denn die DB hat viel zu wenig freie Kapazitäten, um die steigende Nachfrage zu bedienen, die der harte Winter verursacht. Wegen der Flugausfälle und eisglatten Straßen seien zwischen den Metropolen München, Stuttgart, Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin derzeit rund ein Drittel mehr Fahrgäste unterwegs, sagt DB-Manager Berthold Huber. An Spitzentagen habe man nun 100.000 Kunden mehr. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) kritisiert das scharf. Statt rechtzeitig funktionierende Konzepte zu entwickeln, produziere das DB-Management ständig Chaos, schimpft VCD-Experte Matthias Lieb. Was fehle, sei mehr Konkurrenz auf der Schiene und eine bessere Regulierung durch die Politik.

Die Bahn wies am Mittwoch darauf hin, dass es über die Weihnachtsfeiertage erneut zu starken Verspätungen kommen könnte, wenn sich das Winterwetter in Deutschland wieder verschärft. Selbst am Mittwoch, bei schwachem Frost, gab es Zugausfälle und Verzögerungen von bis zu einer Stunde auf der Schiene.

Bahn startet Notfahrplan

Flexibel sollten die Reisenden sein, hat die Bahn zu Wochenbeginn gefordert, weil so mancher Zug überfüllt war. Jetzt geht die Bahn in Sachen Flexibilität mit gutem Beispiel voran: Seit Mittwoch, mit dem Start des weihnachtlichen Notfahrplans, gibt es auf der Nord-Süd-Strecke zusätzliche Züge.

Von Hamburg über Hannover bis Frankfurt und von dort nach München oder Stuttgart fahren täglich zusätzlich vier IC-Züge und vier weitere auch wieder zurück. Allerdings nur dann, wenn es auf den Bahnsteigen in Hamburg, Stuttgart oder München so richtig voll wird. „Dispositiv“ nennt die Bahn den Einsatz der Verstärkungszüge, die in erster Linie all jene Fahrgäste aufnehmen sollen, die auf ihre innerdeutschen Flüge verzichten müssen, weil diese dem Winterwetter zum Opfer fallen.

Regelmäßig dichter wird der Verkehr auf der Bahnstrecke HannoverBerlin. Acht IC-Züge zusätzlich verkehren dort; acht weitere in umgekehrter Richtung. Was die einen Fahrgäste freut, wird andere ärgern: Die zusätzlich benötigten IC-Waggons werden dadurch gewonnen, dass auf weniger überlasteten Strecken der Fernverkehr ausgedünnt wird. So rollt der IC HannoverLeipzig nicht mehr alle zwei, sondern nur noch alle vier Stunden, weil eben diese Waggons nun nach Berlin fahren. Wer von Hannover nach Leipzig will, muss auf die Regionalzüge ausweichen – und 50 Minuten mehr Zeit einplanen. Auch auf der Strecke NürnbergKarlsruhe wird das IC-Angebot um die Hälfte verringert, um anderswo mehr Züge aufs Gleis zu setzen.

Am Mittwoch, bei nur mäßigem Frost, entspannte sich die Lage bei der Bahn etwas. Die Verspätungen im Fernverkehr seien auf etwa 30 Minuten zurückgegangen; im Nahverkehr seien es etwa fünf bis zehn Minuten gewesen, so eine Bahnsprecherin in Hamburg. Einige Zugausfälle habe es aber auch am Mittwoch gegeben.

Heute jedoch drohen volle Bahnsteige und volle Züge, weil der Hauptreisetag zu Weihnachten traditionell der 23. Dezember ist. An wichtigen Bahnhöfen will die Bahn zusätzliches Personal einsetzen, um Reisende zu informieren. Wer statt des gebuchten ICE nur einen billigeren IC nutzen kann, bekommt den Differenzpreis kostenfrei erstattet; wer einen verbilligten Fahrschein hat und eigentlichen einen bestimmten Zug nutzen muss, diesen aber wegen Verspätung verpasst, darf einfach den nächstmöglichen nehmen. Und: Wem die Lust aufs Bahnfahren vergangen ist, der kann weiterhin seine Fahrkarte zurückgeben und bekommt den vollen Fahrpreis erstattet.

Voll wird es in den Zügen zur Weihnachtszeit in jedem Fall. Laut Bahn kaufen derzeit rund 50.000 Menschen mehr als sonst eine Fahrkarte. Und wenn das Wetter sich wieder von seiner garstig-winterlichen Seite zeigt, dann kehrt auch der Frust auf den Gleisen zurück. „Mit Verspätungen ist bei schlechtem Wetter leider zu rechnen“, sagt die Bahnsprecherin.

Ob Ihr Zug pünktlich ist, erfahren Sie hier.

Thomas Wüpper und Alexander Dahl