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Panorama Spiekeroog nur noch per Hubschrauber erreichbar
Nachrichten Panorama Spiekeroog nur noch per Hubschrauber erreichbar
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21:48 10.02.2012
Spiekeroog ist nur noch auf dem Luftweg erreichbar. Quelle: dpa
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Spiekeroog

Kein Durchkommen mehr. Die Insel ist seit Mittwoch nur noch auf dem Luftweg erreichbar. Der Hafen von Neuharlingersiel ist vereist, die Krabbenkutter sind ebenso eingefroren wie die größeren Kähne. Wo sonst die Fähre in Richtung Spiekeroog ablegt, starten jetzt Hubschrauber. Der Flug ist nicht billig: 70 Euro pro Person und Strecke, das Gleiche noch mal für jeden Koffer. Aber Sabine Bruns will dennoch mit ihrem Mann zwei Wochen auf die Insel. „Das ist es uns wert“, sagt die Rentnerin aus Düsseldorf. „Wir lieben die Stille – gerade jetzt in der Karnevalszeit.“

Nicht alle denken so. Die „Spiekerooger Leidenschaft“, das einzige Inselhotel, das derzeit geöffnet hat, rechnet mit einem Umsatzverlust von 50.000 Euro. Denn rund 150 Gäste haben ihre Buchung storniert. „Viele finden es nicht so toll, auf den Hubschrauber angewiesen zu sein – und ziemlich teuer ist es ja auch“, sagt Manager Roman Schmidt.

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Dennoch haben sich am späten Freitag 30 Menschen auf dem Fährhafen eingefunden, um auf die Insel zu kommen. Die einen kehren vom Arztbesuch zurück, andere wollen nach einer Arbeitswoche auf dem Festland das Wochenende bei ihrer Familie verbringen. Da im Hubschrauber nur fünf Passagiere Platz finden, muss sich manch einer in Geduld üben. Aber schon nach zehn Minuten kehrt der Helikopter zurück, um neue Gäste aufzunehmen.

Der Flug ist zwar kurz, aber imposant. Riesige Eisschollen haben sich auf dem Wattenmeer zusammengeschoben und im Zusammenspiel von Schnee, Wasser, Wind und Frost bizarre Formen gebildet. All das glitzert im Licht der Wintersonne wie auf einem Gemälde.

Auch die Insel selbst zeigt sich von einer besonderen Seite. Die meisten Restaurants, Cafés und Geschäfte sind geschlossen. Die Dünen sind verschneit, die Schaumkronen am Strand gefroren. Wo sonst die Brandungswellen auflaufen, türmen sich Eisschollen. Nur eine einsame Möwe segelt im kalten Wind. Der Strand ist still und nahezu menschenleer. Nur hin und wieder mischt sich das Knattern eines Hubschraubers in das ewige Rauschen der See.

Auf den Salzwiesen dagegen ziehen jugendliche Schlittschuhläufer ihre Kreise, im Dünengarten wird Eishockey gespielt. Wer sich allerdings zu weit aufs Eis wagt, begibt sich in Gefahr. Timon ist gerade noch mit dem Schrecken davongekommen. Der 16-Jährige ist am Donnerstag auf einer Eisscholle am Strand eingebrochen und hütet immer noch das Bett. Seine Mutter sitzt strickend in ihrem Laden „Duft und Faden“ und wartet auf Kundschaft. Vergebens. Doch Kerstin Muchow sieht es gelassen. „Diese Winterruhe hat auch ihr Gutes“, sagt die 48 Jahre alte Ladeninhaberin. „Man kann nach der hektischen, langen Saison endlich wieder nach seinem eigenen Takt leben. Ist doch schön, die Naturgewalten zu spüren.“

So sehen es offenbar die meisten der 750 Bewohner. „Die Insulaner sind sehr entspannt“, sagt Bürgermeister Bernd Fiegenheim. „Die Versorgung ist zwar etwas eingeschränkt, hier und da fehlt es an Eiern und an frischem Salat. Aber im Großen und Ganzen leiden wir keine Not. Wir waren ja vorbereitet.“

In der Tat: Post, Medikamente und wichtige Lebensmittel werden mit dem Hubschrauber transportiert, und das Fremdenverkehrsgewerbe befindet sich zum größten Teil ohnehin im Winterschlaf. Viele Hoteliers nutzen die ruhige Zeit, um selbst Urlaub zu machen.  In der nächsten Woche allerdings sollten die Kassen eigentlich wieder klingeln. „Dann kommen gewöhnlich die Karnevalsflüchtlinge aus dem Rheinland auf unsere Insel“, sagt der Bürgermeister. Doch das Inseloberhaupt ist zuversichtlich. Denn das Eis bricht allmählich auf.

Gerhard und Hella Gring aus Burgdorf bei Hannover können daher hoffen, in der nächsten Woche mit der Fähre zu fahren. Nach fünf Wochen Spiekeroog sollte ihr Inselaufenthalt eigentlich längst zu Ende sein. Aber sie haben darauf verzichtet, den Hubschrauber zu besteigen. Nicht nur aus Kostengründen. „Wir sind begeistert“, sagt das Rentnerehepaar. „Am Anfang haben wir hier die Sturmflut erlebt und jetzt diese Ruhe. Wunderbar.“

Robert Weinschenk dagegen hat keine Zeit für Mußestunden. Der 36-Jährige fliegt den Inselhubschrauber. Der Blick aus dem Cockpit fasziniert ihn: „Schon toll, dieses Eismeer. Das hat man nicht alle Tage.“

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