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Panorama Staatsanwaltschaft ermittelt nach Baby-Tod‎
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15:46 03.11.2011
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Bremen

Im Fall der drei toten Frühchen in einer Bremer Klinik gab es möglicherweise Schlampereien bei der Weitergabe von Informationen. Zwischen August und Oktober starben drei Frühgeborene an einem resistenten Keim. Bremens Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) will dem Verdacht einer Info-Panne nachgehen. Noch wichtiger sei aber, "den Keim im Krankenhaus Bremen-Mitte zu finden, ihn zu stoppen und die Versorgung der Frühchen zu sichern", teilte sie am Donnerstag mit. "Zweite Priorität hat die Aufklärung, wer wann und wo etwas weitergegeben hat." Sie wollte sich am späten Nachmittag auf einer Pressekonferenz äußern. Die Klinik weist den Vorwurf von sich, vertuscht zu haben.

Die Bremer Staatsanwaltschaft ermittelt nach Angaben von Sprecher Frank Passade wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in drei Fällen und der fahrlässigen Körperverletzung in einer nicht bekannten Zahl von Fällen. Er bestätigte, seine Behörde habe erst am Mittwoch aus der Presse von dem Fall erfahren. Ein medizinischer Sachverständiger soll die Krankenunterlagen begutachten.

Die ersten Infektionen bei den Frühchen mit einem Gewicht von weniger als 1000 Gramm waren Ende Juli aufgetreten. Das erste Frühgeborene starb im August, die beiden anderen im Oktober. Insgesamt wurde der Keim bei 15 Säuglingen nachgewiesen. Sieben erkrankten schwer, den vier Überlebenden gehe es inzwischen wieder besser. Öffentlich gemacht wurden die Fälle erst am Mittwoch. Weil das Immunsystem der Frühchen schwach ist, können ihnen Keime gefährlich werden, die gesunde Erwachsene leicht wegstecken.

Senatorin Jürgens-Pieper äußerte sich am Mittwochabend verärgert. "Das hat noch Konsequenzen anderer Art", sagte sie in der Gesundheitsdeputation, einem Ausschuss mit Abgeordneten, Behördenvertretern und Bürgern, wie am Donnerstag der "Weser-Kurier" zitierte. "Spätestens im Oktober nach Wiederausbruch hätte man mich und die Deputation informieren müssen."

Der Chef des Klinikverbundes Gesundheit Nord, Diethelm Hansen, beteuerte zeitgleich zu der Sitzung, sein Haus habe alles getan, um die Todesfälle aufzuklären. Die Sprecherin des Klinikverbunds, Karen Matiszick, versicherte, das Gesundheitsamt sei am 7. September informiert worden. Ob es innerhalb der Behörde eine Panne gegeben habe, werde jetzt geklärt, sagte eine Sprecherin der Senatorin.

Die Klinik hatte nach Angaben ihrer Leitung nach den ersten Fällen den Eindruck, das Problem mit Hygienemaßnahmen in den Griff zu bekommen. Das erneute Auftreten des gleichen Keims im Oktober sei aber so schwerwiegend, dass Experten des Robert Koch Instituts zur Hilfe gerufen wurden, die mehr Erfahrung im Umgang mit solchen Infektionen haben. Die Klinik räumte ein, die Quelle der Keime nicht zu kennen. Die betroffene intensivmedizinischen Station für Frühgeborene nimmt zurzeit keine Frühchen mehr auf.

Die Keime, an denen die Frühchen in Bremen erkrankten, tragen nach Angaben der Direktorin vom Berliner Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Petra Gastmeier, viele Menschen in ihrem Darm in sich. Wenn eine Mutter entbindet, überträgt sie die Keime auf das Kind. "Was natürlich nicht passieren darf, dass es zu einer Häufung kommt, und dass andere Kinder auch betroffen sind", sagte die Professorin. An der Charité würden die Ärzte deshalb vor der Geburt immer einen Abstrich bei den Müttern machen, um den Erreger feststellen zu können. Wenn dieser vorliege, werde das Neugeborene isoliert.

Die Fachgruppenvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie, Iris Chaberny, forderte, den Einsatz von Antibiotika zu überdenken. Resistenzen entstünden, weil Antibiotika in der Tiermast eingesetzt würden und dadurch in den menschlichen Körper gelangten. Außerdem verschreiben ihrer Ansicht nach viele niedergelassen Ärzte immer noch zu häufig Antibiotika.

Klaus-Dieter Zastrow von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene fordert mehr Pflegepersonal. Studien hätten gezeigt, dass die Infektionsraten in die Höhe schnellten, sobald sich Krankenschwestern und Pfleger um mehr als drei Frühchen kümmern müssten. Zurzeit würden in deutschen Krankenhäusern 200 bis 300 Hygiene-Fachärzte und 1500 extra geschulte Fachkräfte fehlen.

dpa

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