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Panorama Die Legende lebt fort
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01:15 09.12.2013
Von Stefan Stosch
 Die Stätten seines Leids sind heute touristische Attraktionen: Nelson Mandela bei einem Besuch des Gefängnisses auf Robben Island, in dem er lange Jahre inhaftiert war. Quelle: rtr
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Kapstadt/Johannesburg

 Es waren nicht viele Leute, die am Ende beim schwer kranken Nelson Mandela ein- und ausgegangen sind. Xoliswa Ndoyiya war eine von ihnen. 23 Jahre hat sie für den einstigen Staatsfeind Nr. 1 und späteren Nationalhelden gekocht. Essen habe dem 95-Jährigen immer noch Freude bereitet, sagt die Frau in der weißen Küchenschürze. Besonders seine Leibspeise: Ochsenschwanz-Eintopf. „Mandela war für mich wie ein Vater“, sagt Xoliswa Ndoyiya. Und dann, ganz ohne Pathos: „Der Tag, an dem ich Mandela begegnet bin, war der beste meines Lebens.“
Solche Sätze hört man oft auf einer Reise durch das Land am Kap, das nun seinen Gründervater verloren hat.

Am Donnerstagabend starb Mandela an Altersschwäche und den Folgen einer Lungeninfektion. Das Charisma des Mannes aber, dessen Name wie kein zweiter für die Verwandlung des geächteten Apartheidregimes in eine Demokratie steht, ist legendär. Die Verehrung ist unübersehbar: Plätze, Straßen, Brücken, Hotels tragen seinen Namen. Vor Shoppingmalls ragen überlebensgroße Denkmale auf – Mandelas Erbe wird vermarktet.

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Freiheitskämpfer, Versöhner, Friedensstifter, Stimme und Gewissen Afrikas - Nelson Mandela, Friedensnobelpreisträger und erster schwarzer Präsident Südafrikas wird weltweit verehrt und geachtet. Jetzt ist er gestorben.

Wie Wallfahrtsorte lassen sich die Stätten seines Leids und seines Triumphs bereisen. Gefängnisse, in denen Mandela während seiner 27 Jahre Haft einsaß, sind touristische Attraktionen, ebenso die erste schwarze Anwaltskanzlei Südafrikas, die er 1952 zusammen mit Oliver Tambo in Johannesburg gründete. Oder auch das winzige Backsteinhaus mit der Nummer 8115 im Township Soweto, das Mandela mit seiner Frau Winnie bezog.

Episches Drama

Zeitgleich mit seinem Tod werden die Südafrikaner nun im Kino an die Lebensleistung Mandelas erinnert: Ein episches Drama breitet die Geschichte jenes Mannes aus, der ein von Hass und Furcht zerrissenes Land vor dem Abdriften in die Gewalt bewahrte. „Der lange Weg zur Freiheit“ (deutscher Kinostart: 30. Januar) ist mit 35 Millionen Dollar der bislang teuerste südafrikanische Film.

Mandela schaute sich noch Ausschnitte des Films an: Er glaubte, in Hauptdarsteller Idris Elba sich selbst zu entdecken, der da über die grünen Hügel der Transkei spazierte, verfolgt von einer Horde spielender Kinder. „Wo habt ihr diese Bilder von mir her?“, soll der alte Mann gefragt haben.

Der Film umspannt sieben Jahrzehnte, beginnt mit Mandela als stolzem Xhosa-Jüngling in einer Lehmhütte in der Transkei und endet 1994 mit seiner Wahl zum Präsidenten. Die Regenbogen-Nation war geboren – in ihr sollten Rasse und Hautfarbe keine Bedeutung mehr haben. Die einstigen weißen Unterdrücker wurden von der schwarzen Mehrheit nicht zurück ins Meer getrieben. Vor allem ein Mann predigte Versöhnung: Nelson Mandela.

Enttäuschungen und Korruption

In die Freude über das Erreichte mischt sich heute aber auch Enttäuschung. Ein Grund dafür ist die Korruption: Die Vertreter des African National Congress (ANC) haben sich Stammplätze an den Fleischtöpfen gesichert. Skandale begleiten Präsident Jacob Zuma. Soeben ließ er sich Wohnungen für Verwandte mit Steuergeld finanzieren.

Die ANC-Führung ist dabei, die Grundpfeiler des neuen Südafrika zu untergraben. Könnte es sein, dass sich die Schwarzen gar nicht so sehr von den Weißen unterscheiden, wenn sie an den Schalthebeln der Macht sitzen?
„Es bringt wenig, 20 Jahre Demokratie zu feiern, wenn wir nicht wissen, wie wir sie gewonnen haben“, sagt Nicholas Wolpe. Sein Vater Harold, Soziologe und Jurist, gehörte zum engsten Kern der Anti-Apartheid-Kämpfer. Harold flüchtete vor seiner Verurteilung aus dem Gefängnis und ging ins Exil nach England. In den Neunzigern kehrte er mit seiner Familie zurück.

Sohn Nicholas leitet heute die zur Erinnerungsstätte ausgebaute Liliesleaf-Farm, das einstige Hauptquartier der Regimegegner am Rande Johannesburgs. Hier tauchte Nelson Mandela Anfang der Sechziger als Farmarbeiter unter, um im Untergrund den militärischen Arm des ANC zu organisieren. Denn gewaltloser Widerstand und ziviler Ungehorsam, das hatte das Massaker von Sharpeville 1960 bewiesen, richteten wenig aus gegen einen militanten Gegner.

Als seine Mitstreiter drei Jahre später im beschaulichen Cottage von Liliesleaf verhaftet wurden, saß Mandela bereits im Gefängnis. Im international viel beachteten Rivonia-Prozess wurden acht ANC-Mitglieder, darunter Mandela, wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber wer kennt noch Walter Sisulu, Govan Mbeki, Raymond Mhlaba oder Ahmed Kathrada?

„Nicht einmal Oliver Tambo ist für Jugendliche ein Begriff. Sie glauben, dass der Mann, der den ANC in seiner schwersten Zeit zusammenhielt, der Flughafen in Johannesburg ist“, sagt Wolpe. Dabei sei Mandela stets nur ein Führer unter gleichen gewesen und der Kampf für Menschenrechte in Südafrika nie eine One-Man-Show.

Der ANC selbst stilisierte den athletischen Freizeitboxer mit dem gewinnenden Lachen zum Widerstandshelden. Mandela wurde der „Posterboy der Revolution“, so Wolpe. Mandela versuchte stets, seine Heiligsprechung zu verhindern. „Ich bin kein Prophet, sondern nur ein demütiger Diener des Volkes“, wiederholte er und verwies gern auf die vielen verpatzten Prüfungen seines ein halbes Jahrhundert währenden Jurastudiums. Aber die Südafrikaner ließen sich nicht abbringen.

Der Ehrenplatz bleibt leer

Emelia Potenza, Kuratorin im Anti-Apartheid-Museum in Johannesburg, muss in der üppigen Mandela-Ausstellung lange suchen, um Schatten der Lichtgestalt zu finden: Erst nach dem Aidstod seines Sohnes Makgatho 2005 habe er seine Landsleute dazu aufgefordert, mit der verheerenden Krankheit offen umzugehen. Und er habe zu schnell Verantwortung in die Hände zweifelhafter Vertreter abgegeben. Aber Potenza sagt: „Mehr als dieser Mann für sein Land getan hat, kann man von einem Einzelnen nicht verlangen.“

Dennoch: Die tiefen Wunden der Apartheid schmerzen noch. Ob ein Film dazu beitragen kann, sie zu heilen, jetzt, nach dem Tod des Helden? Die Schauspieler der Prestigeproduktion sind davon überzeugt. Bei Premieren sanken ihnen Zuschauer, überwältigt von Gefühlen, in die Arme: Die Menschen durchleben im Kino noch einmal ihre eigene Biografie – ganz gleich, auf welcher Seite sie standen.

Im nächsten Jahr haben sie Grund zum Feiern – der 20. Geburtstag der Demokratie in ihrem Land steht bevor. Südafrika muss nun den Festtag ohne Nelson Mandela begehen. Es wird eine Feier sein, bei der der Ehrenplatz leer bleibt.

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