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Panorama Teenager verabredeten sich vermutlich im Internet zum Selbstmord
Nachrichten Panorama Teenager verabredeten sich vermutlich im Internet zum Selbstmord
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07:28 18.08.2011
In diesem Wald bei Cloppenburg wurden die Leichen der Teenager entdeckt. Quelle: dpa
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Oldenburg

Sie stammten aus dem Emsland, aus Bayern und aus Thüringen, und erst der Tod hat ihre Lebenswege zusammengeführt. Nach der Untersuchung der drei Leichen in der Rechtsmedizin in Oldenburg gibt es kaum noch Zweifel daran, dass die drei jungen Frauen, die am Montag in der Nähe des niedersächsischen Cloppenburg tot aufgefunden wurden, sich selbst getötet haben. Die drei Mädchen, die sich in einem Zelt in einem dichten Waldgebiet zwischen Holle und Damme im Kreis Vechta gemeinsam das Leben nahmen, sind nur 16, 18 und 19 Jahre alt geworden.

Als die Polizei am Dienstag vom Tod der jungen Frauen berichtete, gab es einen so kurzen wie erschütternden Satz: „Der Tod ihrer Töchter hat die Eltern nicht überrascht.“ Alle drei Mädchen hatten große psychische Probleme, waren deswegen teilweise auch jahrelang in Behandlung gewesen. Rätselhaft aber bleibt trotz der Vorgeschichten: Wie sind sie zusammengekommen? Was hat sie verbunden, dass sie so gezielt ihren gemeinsamen Tod vorbereiten konnten und wollten?

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Seit Sonnabend hatten Polizisten aufgrund einer Handyortung im Kreis Vechta nach der 19-Jährigen aus Thüringen gesucht, die als vermisst gemeldet war. Am Montagabend gegen 18.45 Uhr entdeckten sie dann die Leichen der drei Mädchen in einem gut unter Bäumen versteckten Igluzelt, das mit Folie und Klebeband praktisch luftdicht versiegelt war. Neben ihnen fanden sie drei Grillschalen mit Holzkohleresten. Die Mädchen sind an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben. „Es gibt keine Anhaltspunkte für äußere Gewaltanwendung“, sagt Kathrin Schmelzer, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Auch nach der Obduktion konnte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch nicht sagen, wann genau der Tod eingetreten ist. Mit Ergebnissen ist frühestens in vier Wochen zu rechnen.

Ermittlungen konzentrieren sich auf Verabredung zum Suizid

Vor allem jedoch richten sich die Ermittlungen darauf, wie sich die drei jungen Frauen zum gemeinsamen Suizid verabreden konnten. Polizei und Staatsanwaltschaft untersuchen, ob sich die drei über ein Internetnetzwerk kennengelernt hatten. Computer und Mobiltelefone der Toten sind beschlagnahmt, die Auswertung hat begonnen. Die Ermittler wollen nicht offen spekulieren. Aber vieles deutet darauf hin, dass die jungen Frauen sich zum ersten Mal in einem „Suizidforum“ begegnet sind.

Es gibt diese Seiten, in denen die Nutzer über Selbstmordmethoden diskutieren und sich auf „Partnersuche“ für den Suizid begeben können. Das Netz ist voll davon – und die Foren sind leicht zu finden. Dabei gibt es im Internet beides: Hinweise auf einen Ausweg aus der Verzweiflung oder detaillierte Anleitungen für den Selbstmord.

„Ich fühle mich so tot. So leer. So unwichtig, wertlos und nichtssagend“, schreibt „Tristina“ beispielsweise in einem Selbstmorddiskussionsforum. „Ich fühle mich so zerbrochen und sehne mich nach dem Tod. Nach Betäubung! Ich weiß nicht, was ich machen soll – ich wäre gern ,weg‘...“

Suzidportale gelten Experten schon lange als gefährlich

Manche wollen helfen – andere bestärken „Tristina“ in ihrer Verzweiflung: „Ich kenne das Gefühl, dass man nicht zu dieser Welt gehört. Dem Psychiater habe ich nur mehr Lügen erzählt, dass ich glücklich bin und so. Ich bin nämlich der Meinung, dass so ein Psychiater eh nicht helfen kann“, heißt es in einer Antwort. Die nächste ist ermutigender: „Das Gefühl kenne ich nur zu gut. Ich wünsche dir von Herzen, dass die anderen dir helfen können.“ Ein weiterer niedergeschlagener Diskussionsteilnehmer erhält den Rat: „Ich kann dir nur raten, dir einen Psychologen zu suchen, ihm alles zu schildern, um anschließend eine Therapie zu beginnen.“

Derartige Portale gelten Experten schon lange als gefährlich. Bereits vor zehn Jahren wies Albert Lingg, Psychiatriechef im Vorarlberger Landeskrankenhaus Rankweil auf ihre Gefahren hin: „Suizidgefährdete, die professionelle Hilfe brauchen, treffen in den Foren nur auf andere Hilflose.“

Eva Hentrich aus Berlin kennt sich mit Suizidforen aus, denn sie hat im Internet die Wege ihrer Tochter nachvollzogen. Vor neun Jahren nahm sich die 21-jährige Jana das Leben. Sie erschoss sich gemeinsam mit dem 16-jährigen Mario aus Baden-Württemberg in ihrem weißen Toyota auf einem Berliner Parkplatz. Kennengelernt hatten sich Jana und Mario in einem Suizidforum. „Diese Foren bewegen sich auf einem schmalen Grat“, sagt Janas Mutter heute. Einerseits könnten dort gefährdete Jugendliche Verabredungen zum gemeinsamen Freitod anbahnen, obwohl das in vielen Foren offiziell ebenso tabu ist wie der Austausch über Selbstmordmethoden. „Andererseits gibt es auch junge Leute, die sich dort öffnen, über ihre Probleme reden und Hilfe suchen“, sagt die 57-Jährige. „Ich kenne junge Leute, die psychisch in diesen Suizidforen im Netz so runtergezogen wurden, dass sie gerade noch den Absprung schafften, ehe sie sich selbst etwas antaten.“

Gefährdete Jugendliche ziehen sich oft zurück

Auch Christa Rempe-Zurheiden sieht die Foren im Internet mit gemischten Gefühlen. „Es kommt immer darauf an, in welcher Verfassung sich Jugendliche in so ein Forum begeben“, sagt die Therapeutin von der Arbeitsgemeinschaft Suizidprävention für Kinder und Jugendliche in Hannover. Mit Ausstellungen, Lehrerfortbildungen und Vorträgen vor Schulklassen kämpft die Arbeitsgemeinschaft seit Jahren gegen Selbstmorde unter Jugendlichen an. Mehr als 200 von den rund 9600 Menschen, die sich in Deutschland 2009 das Leben nahmen, waren jünger als 20 Jahre. Fast zwei Drittel aller Jugendlichen, die versuchen, sich selbst zu töten, sind Mädchen. Oft spielen die Selbstsuche während der Pubertät, Perspektivlosigkeit in Job oder Schule oder Probleme mit der Familie eine Rolle. „Durch Suizide sterben mehr Jugendliche als durch Verkehrsunfälle oder Drogen“, sagt Rempe-Zurheiden.

Gefährdete Jugendliche ziehen sich oft zurück, brechen Kontakte ab, schwänzen die Schule oder geben vertraute Hobbys auf. „Sie senden fast immer Signale aus“, sagt Rempe-Zurheiden: Mal legen sie fest, wer ihre Stereoanlage erben soll, mal bitten sie jemanden, sich um ihr Haustier zu kümmern, wenn sie selbst nicht mehr sind: „Es ist wichtig, bei solchen Äußerungen gleich nachzufragen, wie sie das gemeint haben“, sagt Rempe-Zurheiden.

Mutter Eva Hentrich hat sich nach dem Tod ihrer Tocher Jana selbst ins Internet begeben. „Ich hatte Angst, dass meine Tochter vergessen werden könnte“, sagt sie. Um die eigene Trauer zu bewältigen, eröffnete sie die Seite www.jana-unvergessen.de, auf der sie über die Liebe zu ihrer Tochter und den Schmerz des Verlustes schreibt. „Ich wollte mir das Leben nehmen“, schrieb ihr kürzlich ein junger Besucher der Seite. „Doch jetzt weiß ich, was ich meinen Eltern damit angetan hätte.“

Bernhard Remmers, Simon Benne und Kathrin Klette