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Panorama Trauer und Tränen in den Bergen von Rio
Nachrichten Panorama Trauer und Tränen in den Bergen von Rio
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20:24 16.01.2011
Rettungskräfte sind im Dauereinsatz und können mancherorts noch Überlebende aus ihren verschütteten Häusern befeien. Quelle: dpa
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São José ist am Ende, São José existiert nicht mehr. Nur noch Reste. Alles ist vorbei. Alles vorbei“, sagt eine geschockte Bewohnerin der 20 000 Einwohner zählenden Stadt São José do Vale do Rio Preto. Der Ort wurde von Schlammlawinen nahezu völlig zerstört. Häuser, Autos, Straßen - alles unter Morast begraben. Fünf Brücken zerbarsten unter dem gewaltigen Druck der braunen Fluten. Wie ein Wunder wurden aus dem Ort bislang nur zwei Todesopfer gemeldet. Doch Lebensmittel und Trinkwasser werden knapp. Verzweifelt winken die Einwohner zu Hubschraubern hinauf, führen die Hände zum Mund und signalisieren, dass sie Hunger und Durst haben.

Immer neue Regenfälle verschärfen die Tragödie im Hinterland von Rio. Viele Menschen haben Angst, dass die völlig aufgeweichten Hänge erneut ins Rutschen geraten und neue Schlammlawinen in die Täler niedergehen. Immer wieder ziehen Feuerwehrleute und Anwohner Leichen aus den braunen Schlammmassen. Es sind mehr als 610 bislang. Die Rettungskräfte sind nach vier Tagen Dauereinsatz am Rande der Erschöpfung. In Teresópolis mussten die Arbeiten teilweise unterbrochen werden, es fehlte Strom. Und in der Dunkelheit der Nacht war an ein Weiterarbeiten nicht zu denken.

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Luftaufnahmen aus dem Gebiet zeigen völlig verwüstete Landstriche. Das braune Wasser floss auch am Sonntag, wenn auch nicht mehr so reißend wie Tage zuvor, mitten durch Städte und mitten durch die Häuser. Zahllose Autos lagen wie von Geisterhand weggeschleudert auf der Seite. Einige Fahrzeuge wurden durch die Macht der Schlammlawinen sogar bis auf Häuserdächer emporgespült. Der wirtschaftliche Schaden war noch gar nicht zu ermessen, dürfte aber in die Milliarden gehen.

Aber diejenigen, die Angehörige und Freunde bei der Tragödie verloren, denken weniger an die materiellen Schäden. Sie sind voller Trauer und müssen sich so rasch wie möglich um die Bestattung ihrer Verwandten kümmern. Eigentlich müssen in Brasilien Verstorbene binnen 24 Stunden beigesetzt werden. Doch die Behörden warten auf die Identifizierung der Opfer durch Angehörigen. In den Gebäuden, wo die Leichen aufbewahrt werden, bilden sich lange Schlangen. Die Helfer tragen weiße Schutzmasken. Nach drei Tagen liegt Leichengeruch in der Luft. Viele Opfer können nur noch anhand von Bildern identifiziert werden.

Auf dem Friedhof São João Batista in Nova Friburgo kam es zu erschütternden Szenen. Die Friedhofsverwaltung konnte den vielen Trauerzügen kaum Herr werden. „Ich habe schon meine Schwester, meinen Bruder und meinen Neffen beerdigt. Zwei Kinder unserer Familie sind noch nicht gefunden“, sagt der Metzger Alcides Correia da Silva, der selbst am Kopf und an der Schulter verletzt wurde. Bei der nächsten Beerdigung trägt ein Mann seine Frau zu Grabe. Er hat keine Hoffnung mehr an diesem Tag. „Mein Leben ist weg: Meine Frau, mein Fusca (VW-Käfer), mein Haus. Mir blieben nur die Kleider am Leib.“

dpa