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Panorama Über 14.000 Besucher beim Nacktrodeln im Harz
Nachrichten Panorama Über 14.000 Besucher beim Nacktrodeln im Harz
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18:00 21.02.2010
Von Dirk Schmaler
Kleidervorschrift beim Nacktrodeln: Die Frauen trugen knappe Höschen, die Männer Boxershorts. Quelle: dpa
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Eigentlich ist Braunlage ein ziemlich ruhiger Ort: Wanderer sitzen in Cafés, Wintersportler stapfen über die Hänge, Familien spazieren an Geschäften vorbei. Eigentlich, denn plötzlich ist alles anders. Ein skurriler Wettbewerb hat den beschaulichen Harzort am Wochenende in eine riesige Partymeile verwandelt. Einziger Programmpunkt: Nacktrodeln auf der Rathauswiese. Das schlichte Konzept kommt an. 14 000 Besucher sind am Sonnabend angereist, um zu sehen, wie ein paar junge Männer und Frauen nur mit Unterhosen und Schuhen bekleidet mit einem Schlitten die Piste herunterrutschen. Ballermann in Braunlage.

Im Stadtzentrum geht schon Stunden vor dem Wettbewerbstart nichts mehr. Die Straßen sind verstopft, einige Autofahrer lässt die Polizei wegen Überfüllung nicht einmal mehr in die Stadt hinein. Auf den Gehwegen rund um das Rathaus stimmen sich junge Nacktrodelfans lautstark mit Getränken ein. Über allem dröhnt der Bass von der Rodelbahn. „Wollt Ihr nackte Haut sehen?“, fragt Moderator Marco vom veranstaltenden Radiosender 89.0 RTL ein ums andere Mal, bevor das Rennen startet.

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Großer Besucheransturm beim Nacktrodeln 2010: Insgesamt kamen 14.000 Besucher nach Braunlage.

Und wirklich: Die nackte Haut spielt die Hauptrolle. Die knapp 30 Nacktrodler, die sich freiwillig (!) zuvor bei dem Sender beworben hatten, treten in mehreren Runden gegeneinander an. Die schnellsten landen im Finale, für die anderen bleibt kalte Haut und viele, viele Tausend Blicke. Einigen scheint die Aufmerksamkeit aber durchaus zu gefallen. „Das ist eine super Party hier, die Leute sind gut drauf“, sagt die 24-jährige Franzi Stuhr, nachdem sie zum dritten Mal bei minus vier Grad oben ohne den Hügel heruntergerodelt ist – zum Gejohle des Publikums. „Mir ist nichts peinlich. Ich liebe es.“ Auch die meisten Zuschauer haben Spaß. Der 19-jährige Martin hat einen „Jägermeister“-Hut auf dem Kopf, eine Sonnenbrille auf der Nase und ein Motto-T-Shirt an. Er sagt: „Die Idee ist genial. Partymachen, Brüste sehen, und das alles im Schnee, genial!“

Auch Braunlages Kurdirektor Christian Klamt freut sich über so viel Trubel – auch weil durch die Veranstaltung, die schon zum zweiten Mal in Braunlage gastiert, ungewöhnlich viele junge Leute in den Harzort kommen. „Nacktrodeln verbindet wohl alle Altersgruppen“, meint er. Allerdings sind da nicht alle so euphorisch. „Ich find das blöd, aber den jungen Leuten gefällt diese Art zu feiern offenbar“, sagt Karl-Heinz Seidler aus Magdeburg. Der 46-Jährige macht Urlaub im Harz und ist mit seiner Familie eher zufällig vorbei gekommen.

Gerade rechtzeitig, um den neuen Nacktrodel-Champion zu sehen. Es ist der 26-jährige Christian Schmidt aus Blankenburg. „Ich habe mir vorher angeschaut, wie die Skeletonfahrer das bei Olympia machen“, sagt der gelernte Mediengestalter nach seinem Sieg im Finallauf – und fürchtet sich ein bisschen vor dem ersten Arbeitstag mit dem neuen Titel: „Einige im Büro können das vielleicht nicht nachvollziehen, wenn man sich hier vor Tausenden Menschen zum Affen macht“, sagt er. Aber: „Ich steh dazu.“