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Panorama Über Mütter: Warum immer mehr Frauen unter der Mutterschaft leiden
Nachrichten Panorama Über Mütter: Warum immer mehr Frauen unter der Mutterschaft leiden
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14:00 16.02.2019
Immer 120 Prozent geben: Moderne Mütter sind gezwungen, Beruf, Erziehung, Freundschaften und Partner unter einen Hut zu bringen – und dabei idealerweise perfekt gestylt zu sein. Wer soll das schaffen? Quelle: Dakota Corbin/Unsplash
Hannover

Beim Privatsender Vox ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls die Mütterwelt. Sängerin, Entertainerin und Vierfachmutter Ute Lemper plaudert in der Dokusendereihe „6 Mütter“ bereits in der dritten Staffel mit anderen Promi-Müttern über sich und ihre Kinder und ja, Sorgen kommen auch zur Sprache. Der fordernde Alltag Alleinerziehender, Gewalt in der Ehe und Fehlgeburten sind beispielsweise Thema.

Aber das Grundprinzip der Sendung, das da etwa lautet, „Mutter zu sein ist eine tolle Sache“, wird nicht angetastet. Im Gegenteil, die Sendereihe basiert darauf. Immer wieder fallen Sätze wie: „Meine Kinder sind alles, Kinder sind der Sinn des Seins.“ Aber ist das wirklich so? Ist Mutterschaft für Frauen heute tatsächlich die schönste Aufgabe der Welt?

Wer sich umhört, im privaten Kreis, in der Wissenschaft, in internationalen Feuilletons, kann einen ganz anderen Eindruck bekommen. Von gestressten Frauen ist da vorzugsweise die Rede, von Überforderung, Druck, Perfektionszwang, von modernen Müttern, die sich zwischen Job, Kind und Hausarbeit so aufreiben, dass sie zuweilen ein Fall für das Müttergenesungswerk sind.

Ein Konflikt, von dem man hoffte, dass er sich erledigt hat

Dazu passt, dass die Kanadierin Sheila Heti, Tochter jüdischer Emigranten aus Ungarn, studierte Kunstgeschichtlerin, Philosophin, jetzt ein Buch über das Phänomen „Mutterschaft“ geschrieben hat. Am 19. Februar erscheint es auf Deutsch (Sheila Heti: „Mutterschaft“, Rowohlt-Verlag, 320 Seiten, 22 Euro).

Aufgeklärter, reflektierter, als die heute 42-Jährige kann man kaum sein. Mittlerweile acht Werke hat Heti publiziert. Die „New York Times“ bezeichnete sie als eine der 15 bedeutsamsten Frauen, die bestimmen, wie wir im 21. Jahrhundert Literatur lesen und schreiben. Die „Time“ bezeichnete sie als einen der 150 einflussreichsten Menschen weltweit. Hetis Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Umso schwerer wiegt: Heti widmet sich einem Konflikt, von dem man gehofft hätte, dass er sich heute – fast 70 Jahre nach dem Erscheinen von Simone de Beauvoirs Klassiker „Das andere Geschlecht“ – zumindest in Teilen erledigt hat. Beauvoir forderte, dass Frauen sich nicht durch Sitten oder Natur genötigt fühlen dürften, ein ihnen vorgezeichnetes Leben zu leben.

Will nicht Mutter, sondern Schriftstellerin sein: die Kanadierin Sheila Heti. Quelle: Verlag

Auch Heti möchte – ganz schlicht – nicht Mutter, sondern lieber Schriftstellerin sein. Aber sie ringt mit dieser Entscheidung, auf mehr als 300 Seiten. Sie tut dies, obwohl sie eigentlich seit Jugendtagen weiß, was sie will: „Hätte mir keiner etwas über die Welt erzählt, dann hätte ich Liebhaber erfunden. Ich hätte Sex, Freundschaften, die Kunst erfunden. Die Kinderaufzucht hätte ich nicht erfunden.“

So beschreibt Heti die „echten Sehnsüchte“ ihres Lebens. Dem entgegen stehen Einsichten wie diese: „Als Frau kannst du nicht einfach entscheiden, du willst kein Kind. Du musst schon einen ausführlichen Plan oder eine Vorstellung davon haben, was du stattdessen machen willst. Und das sollte lieber etwas Großartiges sein.“

Es ist im Grunde zum Verzweifeln, dass sich die „New York Times“ durch Hetis namenlose Erzählerin an eine Figur aus dem Buch „Sula“ der Schriftstellerin Toni Morrison erinnert fühlt. Vor die Frage gestellt, wann sie endlich heiratet und Kinder kriegt, antwortet Sula, dass sie sich nicht auf die Entwicklung eines Kindes, sondern auf ihre eigene konzentrieren wolle, schreibt Kritiker Dwight Garner. Morrisons Werk ist von 1973.

Verzweifeln an den Rollenbildern

Bücher wie das von Sheila Heti folgen einem bedrückenden, aktuellen Trend. Es gibt zurzeit bemerkenswert viele Bücher von Frauen, die in Bezug auf das Kinderkriegen an ihren Rollenbildern (ver-)zweifeln. Gewollt oder ungewollt Kinderlose wie die kanadische Intellektuelle leiden immer noch unter dem Bild einer Frau, die nicht komplett ist, wenn sie keine Kinder hat.

Mütter wie die deutsche Journalistin und Schriftstellerin Antonia Baum leiden immer noch darunter, dass zumeist die Mutter und nicht der Vater nach der Geburt die Verantwortung fürs Kind übernimmt. „Es ist ganz einfach, dachte ich. (...) Ich will ein Mann sein, (...) aber ich will nicht aussehen wie einer. (...) Aber die Möglichkeit aufzustehen, mich nicht zuständig zu fühlen und weiterzugehen, diese Möglichkeit wollte ich besitzen, für immer.“

Das wünscht sich Baum in ihrem bezeichnenderweise „Stillleben“ übertitelten Buch. Die heute 35-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal Mutter, sie steht fünf Wochen vor der Niederkunft. Dennoch hat sie jetzt schon das Gefühl, „unsichtbar geworden zu sein“. „Wie gestrichen. Arbeitslos und behindert“.

Vor allem andere Frauen machen Frauen ein schlechtes Gewissen

Es kommt noch schlimmer: Denn nicht nur Mutter zu werden, ist schwer, Mutter zu sein ist noch schwerer. Sie habe schon ihre „Performance als werdende Mutter“ als „komplett unzureichend“ empfunden, schreibt Baum: Da habe sie noch nicht mal gewusst, wie sehr „ein Baby auch den Start eines Wettlaufs um das bessere, das richtige Leben bedeutet“.

Dabei sind es immer noch vor allem Frauen, die anderen Frauen in Bezug auf das richtige Leben ein schlechtes Gewissen machen. Die neueste Variante ist die Insta-Mom, die auf Instagram Bilder eines idealen Mutterlebens postet. „Fiona hat gleich fünf Jungs zu Hause und schafft es nebenbei noch, diese regelmäßig in coolen Boybandposen und lässigen Klamotten abzulichten.“

Bloggerin Christine Neder ist voll des Lobes über Fiona Findeis von „House of Boys“. Wenn wundert’s, dass Supermom Fiona auch noch ausgesprochen verkaufstüchtig ist: „Die Klamotten kann man übrigens auf ihrem zweiten Account auch gebraucht erstehen. Yeah!“, schreibt Neder.

Stress, Depressionen, sozialer Rückzug

Weniger „yeah“ ist, dass das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer neuen Studie herausgefunden hat, dass sich das mentale Wohlbefinden eines Drittels aller befragten Mütter in den sieben Jahre nach der Geburt eines Kindes substanziell verschlechtert. Die Mütter leiden unter mentalem Stress, stressbedingtem, sozialem Rückzug, depressiven Verstimmungen, Angstgefühlen.

Eine repräsentative Studie des Rheingold-Instituts konstatiert, dass sich berufstätige Mütter in Deutschland stark unter Druck setzen, damit in Job, Erziehung und Partnerschaft alles reibungslos läuft. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der befragten Frauen geben an, immer 120 Prozent zu geben.

Sieben von zehn Frauen (72 Prozent) wollen stets alles perfekt machen. Der Erfolg des permanenten Spagats ist dennoch gering: Fast jede zweite Befragte (46 Prozent) hat ständig ein schlechtes Gewissen, Familie, Partner und Freunde zu vernachlässigen.

Veränderung des mentalen Wohlbefindens als Mutter Quelle: RND

Der Einfluss von Frauen in der Weltwirtschaft könne nur steigen, wenn sie Beruf und Familie besser vereinen könnten, konstatieren die Forscher. In Deutschland fänden berufstätige Frauen derzeit „nicht die optimalen Bedingungen“ vor. Hinzu komme ein Machbarkeitsideal der Gesellschaft, das den Druck auf die Frauen noch erhöhe. Ein Großteil der Working Moms hole sich zu wenig Unterstützung von ihren Partnern und stelle zu hohe Ansprüche an sich selbst.

Woher aber, so fragt man sich, soll die berufstätige Mutter von heute, eine Art moderne eierlegende Wollmilchsau, neben Job, Partnerschaft, Haushalt und Kind eigentlich die Kraft nehmen, „optimalere Bedingungen“ zu erstreiten? Die gute Nachricht ist: Viele junge Frauen von heute schaffen selbst das.

„Dieser Text entsteht als Sprachnachricht auf dem Fahrrad, ich fahre vom Büro zur Kita“, schreibt die Journalistin Mareice Kaiser in ihrem Essay „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ für die Onlineplattform ze’tt. Zehn Minuten Zeit für ein paar Gedanken über Mutterschaft hat sie, Gedanken, die die Mutter eines behinderten und eines nicht behinderten Kindes fahrradfahrend in ihr Smartphone spricht, bevor um 16 Uhr Kita-Abholzeit ist.

“Wer soll das schaffen?“

Kaisers wichtigste Botschaft: Es ist nicht das Kind, das die Psyche von Müttern belastet. Es sind die Bedingungen, zu denen Mutterschaft in Deutschland möglich ist. Kaiser beklagt die vielen Ansprüche an Mütter, die Vorbildfunktion fürs Kind, das Bild von der ewig umsorgenden Mutter, das der erwerbstätigen Mutter, die zu funktionieren hat, weil sie ja heutzutage die gleichen Chancen hat wie ihre Kollegen. „Wer“, fragt Kaiser, „soll das schaffen?“

Viel wichtiger aber noch ist: Es brauche bessere Bedingungen für gleichberechtigte Elternschaften. „Eine hoch qualifizierte Betreuungssituation steigert das Wohlbefinden“, zitiert sie die Studie des DIW.

Für ihren Text wird Mareice Kaiser später für den Deutschen Reporterpreis nominiert. Das ist bemerkenswert und adelt Kaisers Arbeit. Mit einer flächendeckend längeren Kita-Öffnungszeit, die es ermöglicht, Kinder ohne schlechtes Gewissen auch mal erst um 17 Uhr abzuholen, wäre ihr aber vermutlich noch viel mehr geholfen.

Von Jutta Rinas

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