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Panorama Uelzener pilgern 850 Kilometer für Arbeitslosenprojekt
Nachrichten Panorama Uelzener pilgern 850 Kilometer für Arbeitslosenprojekt
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09:01 02.04.2010
In Wanderkleidung und mit Rucksack posieren Maren Warnecke und Steffen Siegert vor dem Stadtschild von Uelzen. Quelle: lni
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Drei Paar Wanderstiefel stehen in Uelzen für eine ungewöhnliche Tour bereit: Geschnürt werden sie am Ostermontag von Maren Warnecke (35), Steffen Siegert (49) und Dieter Morawietz (68). Die drei wollen zu einer Pilgertour nach München zum Ökumenischen Kirchentag aufbrechen, der am 12. Mai beginnt. 850 Kilometer in 38 Tagen - und das nicht zum Privatvergnügen. „Wir wollen aufstehen und ein Zeichen setzen gegen Arbeitslosigkeit“, sagt Morawietz. Dabei steht für die leidenschaftlichen Wanderer das Projekt „Woltersburger Mühle“ im Vordergrund. Die Wassermühle bei Uelzen wird derzeit von Arbeitslosen zu einem Qualifizierungszentrum für Arbeitslose ausgebaut.

„Wir können natürlich den 3,5 Millionen Arbeitslosen in Deutschland keine Arbeit geben, aber den Anstoß: Tut auch etwas und wartet nicht nur darauf, dass jeden Monat 424 Euro kommen“, sagt Morawietz. Der Rentner, der als einziger von den drei Wanderern das Gefühl kennt, ohne Arbeit zu sein, war täglich an der brachliegenden Mühle vorbeigejoggt. „Eines Tages war dort Leben“, berichtet er. Das interessierte ihn. Inzwischen unterstützt er die Arbeitslosen ehrenamtlich mit Beratungsgesprächen und Seminaren wie „Raus aus dem Hamsterrad Hartz IV“.

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Geraard Minnaard, Vorsitzender des Arbeitslosenprojekts „Integration durch Arbeit“ (IDA) in Uelzen ersteigerte 2007 das 1,5 Hektar große Mühlengelände mit mehreren historischen Gebäuden. Seitdem werden dort jedes Jahr 40 Arbeitslose beschäftigt. Entweder als sogenannte Ein-Euro-Kräfte oder in Qualifizierungsmaßnahmen lernen sie, beim Bau, bei der Sanierung der Elektroanlagen, im Büro, in der Hauswirtschaft oder im Textilbereich mitzuarbeiten.

Handwerksmeister aus der Region geben ihr Wissen in der „Mühle“ gern weiter - auch, um dort Arbeitskräfte oder Auszubildende zu finden. Erste Erfolge haben sich schon eingestellt: Im ersten Jahr konnten 65 Prozent der Leute in Jobs vermittelt werden, im zweiten Jahr waren es 50 Prozent. Das Miteinander wird in der Mühle großgeschrieben: Wie in einer Großfamilie essen alle gemeinsam warm. Wenn der Küchenanbau fertig ist, soll auch gemeinsam gekocht werden.

„Das Projekt ist eine Chance, die Ausbildungs- und Beschäftigungssituation von gering qualifizierten Menschen in unserer Region deutlich zu verbessern“, sagt Dörte Steinmann, Teamleiterin Markt und Integration bei der Uelzener Agentur für Arbeit. „Ganz besonders ist dort, dass der Mensch wirklich im Mittelpunkt steht.“ Mit dem Konzept würden die individuellen Lebenssituationen, Erfahrungen und Defizite berücksichtigt, die sich während einer längeren Arbeitslosigkeit einstellten, sagte Steinmann. Etwas Vergleichbares gebe es nicht in der Region.

Die Idee, mit einem Fußmarsch durch Deutschland die Aufmerksamkeit für Arbeitslose und das Projekt zu wecken, hatte Steffen Siegert vor drei Monaten. Der Diplom-Soziologe war selbst 13 Jahre ohne Job und hat durch IDA viel ehrenamtliche Aufgaben und einen teilgeförderten Job gefunden.

Die Pilgerroute führt unter anderem über Celle, Hannover, Magdeburg, Leipzig und Nürnberg. Überall haben die Pilger eine kostenlose Übernachtung gefunden. Sie werden Gespräche mit Pastoren und Bürgermeistern führen. In der Marktkirche in Hannover erhalten sie den Reisesegen. In Magdeburg treffen sie Domprediger Giselher Quast und in der Leipziger Nikolaikirche erleben sie den Arbeitslosenchor La Bohème. Durch die neuen Bundesländer zu pilgern ist besonders Steffen Siegert wichtig: „Weil die Arbeitslosigkeit hier größer ist und weil ich selber aus dem Osten komme.“

Vor den bis zu 30 Kilometer langen Tagesetappen haben Siegert, Morawietz und Warnecke keine Angst. „Unsere 26 Kilometer lange Probewanderung war nass, aber erfolgreich“, scherzt Maren Warnecke. Die seit kurzem arbeitslose Journalistin erhofft sich von der Tour persönlich, einen neuen Arbeitgeber zu finden - “über tausend Umwege“. Die Pilgerroute im Internet.

lni