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Panorama Ungewohnte Ruhe an der Hochwasserfront
Nachrichten Panorama Ungewohnte Ruhe an der Hochwasserfront
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08:00 21.01.2011
Die Elbe steigt und steigt – doch Hitzacker, das sonst immer abgesoffen ist, bleibt diesmal trocken. Quelle: Udo Heuer
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So etwas hat es in Hitzacker noch nie gegeben: Da führt die Elbe ein gewaltiges Hochwasser, und die Altstadt bleibt trocken. Nicht einmal zu sehen sind die Fluten von den meisten Standorten aus. Die neue Schutzwand versperrt die Sicht auf den Fluss – so wie sie dem Wasser den Weg in die Gassen des 5000-Einwohner-Ortes im Wendland versperrt. Für das 938 Meter lange Bauwerk mit mobilen Stahlelementen und für das angrenzende Schöpfwerk ist das Januarhochwasser 2011 die erste Bewährungsprobe.

Lange haben sich viele Menschen in Hitzacker gegen die Beeinträchtigung des Stadtbildes gewehrt. Von kommunaler wie privater Seite gab es über Jahre gerichtliche Klagen. Jetzt aber lässt die moderne Großanlage die Inselbewohner trotz des Hochwassers ruhig schlafen.

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„Es ist ein irre gutes Gefühl“, sagt Wirtin Michaela Krüger. Ihre „Drawehner Torschänke“ am Elbe-Zufluss Jeetzel war bei Hochwasser stets das erste Gebäude, das „absoff“. Diesmal mache sie sich keine Sorgen, erzählt die 41-Jährige in der trockenen Gaststube, während am Seniorinnen-Stammtisch Schlagermusik läuft. Sie brauche weder Pumpen noch Sandsäcke zu besorgen und müsse nicht einmal die Möbel in die Wohnung nach oben schleppen. Dass ein wenig Wasser durch das fast 400 Jahre alte Gemäuer in den Bierkeller einsickert, sei undramatisch.

Dabei steht der Elbepegel am Jachthafen am Donnerstag mit 7,19 Metern nur unwesentlich unter dem des „Jahrhunderthochwassers“ vom August 2002 und der noch schwereren Überschwemmung im April 2006. Beim ersten Mal hatte bei Krüger vor allem das Gebäude gelitten, beim zweiten Mal das Inventar, weil die Behörden nicht rechtzeitig gewarnt hatten. Damals schwammen nebenan in Ingrid Meyers Friseursalon die Stühle in einer braunen Brühe herum, knietief. Danach waren Salon wie Gaststätte monatelang nass und ohne Strom und nicht zu gebrauchen. Geld von Versicherungen gab es nicht, bloß einige Spenden. Diesmal, da sind sich auch Mitarbeiter, Kunden und Passanten sicher, wird alles heil bleiben. Wie eine magische Wand erscheint manchen die Schutzmauer.

Am Pegel in Neu Darchau im Landkreis Lüchow-Dannenberg wurde dann am Freitag um 3.00 Uhr ein Wasserstand von 7,17 Metern gemessen. In Hitzacker erreichte die Elbe 7,39 Meter. Stündlich kamen ein bis zwei Zentimeter hinzu.

Am Sonnabend, nachdem das Magdeburger Meldezentrum eine mehrtägige Elbwelle angekündigt hatte, haben 40 Feuerwehrleute die Stahlteile aufgesteckt. Inzwischen ist das Bauwerk zu einer solchen Touristenattraktion geworden, dass der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) sie mit Flatterband abgesperrt hat. „Es nützt nichts“, sagt Bereichsleiter Heiko Warnecke, in dieser Hinsicht fast resigniert. „Die Leute klettern hoch, um rüberzu­gucken, das ist gefährlich.“ Vielleicht werde es demnächst doch ein Aussichts­podest geben, wie es Zollhaus-Museumsleiter Klaus Lehmann gefordert hat – derzeit lässt sich die Weite der Wasserlandschaft nur von Hitzackers Weinberg aus richtig erfassen.

Begeistert sind die Fachleute vom NLWKN von der Funktionstüchtigkeit ihres neuen Schöpfwerks am Hafen. Bisher drückte die Elbe bei Hochwasser reichlich Wasser in die Jeetzel. „Die Elbe wird zornig und stark“, beschreibt es Schöpfwerkmeister Frank Grell. Seit Freitag nun versperren Sieltore der Elbe den Weg in Richtung der kleinen Schwester. Gleichzeitig wird kontrolliert Jeetzel-Wasser in die Elbe gepumpt. „So schützen wir die ganze Jeetzel-Niederung bis Salzwedel“, sagt Grell, der auf Hitzackers bis dato dem Wasser ausgelieferten Altstadtinsel aufwuchs. Bilder von Deichwachen entlang der Jeetzel wird es seiner Überzeugung nach bei diesem Hochwasser nicht geben.

Von der Ruhe stromaufwärts profitiert auch das kleine Neu Darchau. Dort drohte am Donnerstag ein von der Elbe voll Wasser gedrückter Mühlenteich Ärger zu machen. Doch 82 Mitarbeiter von Technischem Hilfswerk und Freiwilliger Feuerwehr hatten die Lage innerhalb weniger Stunden vorerst im Griff – ohne dass der Landkreis Lüchow-Dannenberg Katastrophenalarm auslösen musste. „Weil es an der Jeetzel und in Hitzacker ruhig ist, sind hier schnell genügend Helfer zur Stelle“, sagte Einsatzleiter Jens Schulz.

Ob Hitzackers neue Schutzwand und das Schöpfwerk halten, was sie versprechen, wird sich spätestens zum Wochenende erweisen. Dann könnte die Elbe laut NLWKN ihren Höchststand erreichen. „Ich habe keine Angst“, sagt Vincent, der Sohn von Wirtin Michaela Krüger. Der Junge ist 14 und erlebt gerade sein drittes „Jahrhunderthochwasser“.

Gabriele Schulte/dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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