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Panorama Unterschiedliche Blicke auf Jan O.
Nachrichten Panorama Unterschiedliche Blicke auf Jan O.
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00:35 26.11.2010
Jan O.(r.), wie er sich selbst am liebsten sieht: Lässig und überlegen.
Jan O.(r.), wie er sich selbst am liebsten sieht: Lässig und überlegen. Quelle: Handout
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Der überblitzte Schnappschuss, den die Zeitungen am Mittwochmorgen zeigen, ist nur wenige Stunden alt. Am Abend zuvor ist er entstanden, am Bahnhof von Bodenfelde. Ein Mann in Handfesseln ist darauf zu sehen, den Kopf mit einer Jacke verdeckt. Polizisten führen ihn zu einem Wagen. Wer dieser Mann ist, darüber gibt es zu dieser Stunde nur Gerüchte und Spekulationen. In Uslar soll er wohnen, heißt es im Radio. Er hat wohl eine Drogenentzugstherapie hinter sich, sagen sie im Fernsehen. Nur so viel, mehr ist nicht bekannt. Und doch genug für Andrea O. Sie greift zum Handy und schreibt: „Das kann nur Jan sein.“

Andrea O. ist die Mutter des Tatverdächtigen Jan O. Zu ihrem früheren Ehemann, Jan O.s Vater, hat sie so gut wie keinen Kontakt. Nur wenn es wirklich sein muss, dann schickt sie ihm eine Kurznachricht aufs Handy. Am Mittwochmorgen musste es sein.

Die Geschichte der Familie O. ist eine Geschichte von Verzweiflung, gegenseitigen Schuldzuweisungen und Gewalt. Im Sommer 1986 geben sich Andrea und Klaus O. im Uelzener Standesamt das Jawort. Da ist ihr gemeinsamer Sohn Jan zwei Jahre alt. Ein halbes Jahr später, sagt Andrea O., habe ihr Mann sie zum ersten Mal geschlagen. Immer häufiger sei er dann „ausgetickt“, irgendwann habe er nicht davor zurückgescheut, sie im Beisein ihres Sohnes zu prügeln. Sie lässt sich scheiden, als Jan acht Jahre alt ist. Weil Andrea O. psychisch stark erkrankt ist, entzieht man ihr das Sorgerecht. Jan lebt fortan bei seinem Vater.

In ihrer eigenen leidvollen Geschichte sucht Andrea O. wenn nicht eine Erklärung, so doch wenigstens einen Anhaltspunkt für die Aggression ihres Sohnes. Ohne große Verwunderung erzählt sie, Jan sei schon in der Grundschule auffällig gewesen, habe oft geschwänzt, „mit 13 hat er mit einer Schreckschusspistole ein Geschäft überfallen“. Was folgt, sind unzählige Diebstähle, mit denen sich Jan seinen zunehmenden Alkohol- und Drogenkonsum finanziert. Er wird in betreuten Wohnungen untergebracht, auch in Heimen.

Für Jan O.s Mutter steht fest: „Auch Jan ist ein Opfer – das seines Vaters.“

Mit 18 ist Jan wieder zu Hause, die Probleme sind die alten. Der Vater stellt ihn nach eigener Schilderung vor die Wahl: Entweder er begibt sich in Therapie oder aber er fliegt raus. „Da ist er richtig ausgetickt“, sagt Klaus O., „er hat Fensterscheiben eingeworfen und gedroht, das gesamte Haus anzuzünden“. In den vergangenen fünf Jahren haben sich Vater und Sohn nicht gesprochen. „Das alles hat mich psychisch so belastet, dass ich seit Jahren arbeitsunfähig und in Behandlung bin“, sagt Klaus O. und zündet sich die nächste Zigarette an. Klaus O. ist tief gekränkt, er will an nichts Gutes mehr in seinem Sohn glauben. Die Gewissheit in der SMS von Andrea O. klingt auch in Klaus O.s Stimme an.

Der Vater sagt: „Ja, ich kann mir vorstellen, dass es Jan war.“

Seine Resignation aber teilt Jan O.s Mutter nicht: „Ich hasse ihn nicht, ich werde zu ihm stehen. Auch wenn er jetzt ganz unten ist.“

Seit seiner Haftentlassung im Frühjahr 2009 hatte auch Andrea O. kaum Kontakt zu ihrem Sohn. Im Februar 2009, nach einem Drogenentzug in einem Krankenhaus, beginnt Jan O. eine einjährige Therapie in der Einrichtung „Neues Land“ in Amelith, einem Ortsteil von Bodenfelde. Dort soll er den Weg in ein normales Leben finden, mit Arbeit und sinnvoller Freizeitgestaltung. Das Bild, das die Mitarbeiter der christlichen Einrichtung von Jan O. zeichnen, hat andere Konturen als das seiner Eltern. In den zwölf Monaten, die er dort stationär untergebracht war, war er gut integriert in der rund 20-köpfigen Patientengruppe, nahm motiviert teil an therapeutischen Einzelgesprächen, an Bibelstunden mit der Gruppe und arbeitete in der Holzwerkstatt. Handgreiflich sei er nie geworden, sagt der Leiter der Einrichtung, Eberhard Ruß. Auch an die Hausordnung habe er sich gehalten: eingeschränkter Kontakt nach draußen, keine harte Musik, keine harten Filme und eingeschränkter Internetzugang. Aber mit Kritik konnte er nur schwer umgehen, hat sich schnell in der Defensive gefühlt, wurde verbal ausfallend. „Er hat sich wie ein Teenager verhalten“, sagt Ruß.

„Im Drogenrausch hat er seine Pubertät versäumt“, sagt der Sozialarbeiter.

„Er ist im Entwicklungsstadium eines Jugendlichen stehen geblieben.“ Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er den Kontakt zu Mädchen gesucht hat.

Hätte, wäre, könnte, würde. Ein Leben im Konjunktiv, so fühlen sich die Tage seit Dienstag für Ruß an. Seit der Leiter des Therapiehauses Amelith weiß, dass der mutmaßliche Mörder von Nina und Tobias einer seiner Patienten war. „Hätten wir etwas anders machen müssen?“ Und: „Was wären die richtigen Ansätze gewesen?“ So und so ähnlich klingen die Fragen, die Ruß sich jetzt stellt. Es sind Fragen, sagt er, keine Vorwürfe. Aber die Grenze zwischen Frage und Vorwurf ist nicht immer eine scharfe.

Jan O.s Therapie endete im Februar 2010, so hatte es der Kostenträger vorgesehen. Die „notwendige psychische Stabilität“ für ein Leben in Selbständigkeit habe der 26-Jährige da aber noch nicht erreicht, sagt Ruß. Jan O. kam in ein Nachsorgeprogramm, von der Drogenhilfe-Einrichtung „Neues Land“ finanziert, die in Hannover ihren Sitz hat und neben Amelith ein weiteres Therapiehaus in Schornborn (Holzminden) betreibt. Voraussetzung dafür war aber, dass er sich von Alkohol und Drogen fernhielt. Doch in dieser Zeit fing Jan O. wieder an zu trinken. „Er sagte, er habe den Alkohol im Griff, aber so war es leider nicht“, sagt Ruß. Jan O. musste seine Wohnung in der Therapieinrichtung vorzeitig verlassen. Arbeiten durfte er dort auch nicht mehr in der Holzwerkstatt, was ihm wohl zusetzte. „Aber so lange er Alkohol trank, konnten wir ihn nicht wieder hier aufnehmen. Das wäre unverantwortbar gegenüber unseren anderen Suchtpatienten“, sagt Ruß.

Seine Beziehung zu Jan O. sei eine besondere gewesen, sagt Ruß. Er sei so etwas wie ein Vaterersatz für den jungen Mann gewesen, Jan habe ihn respektiert. Umso schwerer sei es ihm gefallen, Jan O. in der Einrichtung nicht mehr willkommen heißen zu können, sagt Ruß. Die Menschen im Therapiehaus seien für Jan O. so etwas wie eine Ersatzfamilie gewesen. Das Foto in der schweren Lederjacke, mit den lässig gespreizten Fingern, ist dort entstanden.

Das letzte Foto, das Andrea O. von ihrem Sohn hat, ist zehn Jahre alt. „Aber ich bin immer noch seine Mutter“, sagt sie.

Thomas Mitzlaff und Marina Kormbaki

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