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Panorama Vereint - und doch getrennt: Eine Ost-West-Liebe
Nachrichten Panorama Vereint - und doch getrennt: Eine Ost-West-Liebe
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20:11 01.10.2010
Von Gunnar Menkens
Vereint – und doch getrennt: Heiderose Zahn hat ihre Wohnung in Gera behalten – und besucht Klaus Feller oft in dessen hannoverscher Wohnung. Das Paar lernte sich Mitte der Fünfziger in Hannover kennen.
Vereint – und doch getrennt: Heiderose Zahn hat ihre Wohnung in Gera behalten – und besucht Klaus Feller oft in dessen hannoverscher Wohnung. Das Paar lernte sich Mitte der Fünfziger in Hannover kennen. Quelle: Martin Steiner
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Als Klaus Feller Anfang 1990 zum allerersten Mal in die Heimatstadt der Frau fuhr, die er später heiraten würde, war er entsetzt. Die Mauer war erst wenige Monate zuvor gefallen, und die auf dem Papier noch existierende DDR präsentierte sich dem Besucher, als wolle sie alle Vorurteile und Klischees bestätigen. Schäbige Häuser, marode Straßen und eine kaum zu atmende Luft, als hätte eine erboste Frau Holle Säcke voll Kohlenstaub über das Tal ausgeschüttet. Ein Blumenladen stellte drei angefaulte Kakteen in das, was Feller in Hannover Schaufenster genannt hätte. Er parkte sein Auto im thüringischen Gera vor einem Plattenbau, und das Erste, was er zu Heiderose Zahn sagte, war die typische Frage eines Westdeutschen. „Wie könnt ihr denn hier leben?“ Sie entgegnete mit sozialistischem Realismus, was man wohl sonst hätte machen sollen.

Die Geschichte der zwei deutschen Staaten hat für die Liebe zwischen Klaus Feller (83) und Heiderose Zahn (69) wohl die größte Rolle gespielt. Ein wenig spiegelt ihre Geschichte sogar die Geschichte des Landes wider. Die Lüge Walter Ulbrichts („Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“) machte alle Kontakte zunichte, Erich Honeckers historischer Irrtum („Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben“) führte das Paar doch noch zusammen. Dazwischen lagen Jahrzehnte der Trennung. Von seiner Liebe erzählt das Paar immer noch ein wenig erstaunt.

Sie hatten sich Mitte der fünfziger Jahre in Hannover kennengelernt. Das 16 Jahre alte hübsche, blonde Mädchen reiste in den Ferien zum Besuch nach Hannover, wo der Onkel Pastor der Pauluskirche war. Dessen Schwager Klaus Feller, damals 30 Jahre alt, schaute auch vorbei, und man schickte den jungen Mann los, spazieren zu gehen mit Heiderose. Die beiden schlenderten zum Maschsee, Klaus eher aus Höflichkeit denn aus Begeisterung. Er zeigte ihr die Skulptur „Putto auf dem Fisch“, und sie sprachen miteinander, so gut es eben ging bei 14 Jahren Altersunterschied. „Ein großer Unterhalter war er nicht“, erinnert sie sich. Aber bei der Abreise blieb Sympathie für den älteren und gut aussehenden Begleiter, dessen zurückhaltende, aufmerksame Art so gar nichts hatte von einem Schürzenjäger und Großschwätzer. Dass er ihr gefallen könnte, das war dem Teenager klar. Heiderose verbrachte die Tage im Gefühl, gerade eine Jungmädchenschwärmerei zu erleben. Eine ohne Zukunft. Die Entfernung, das Alter, Klaus’ bevorstehende Verlobung, alles stand einer Verbindung entgegen.

Und das war es dann. Ein Besuch 1957 war der letzte, ohne dass es beide ahnen konnten. Im August 1961 stoppte der Mauerbau den Flüchtlingsstrom in den Westen. In Gera wollte es die Familie nicht recht glauben, und als alle begannen, das stacheldrahtbewehrte Bollwerk als unveränderliche Tatsache hinzunehmen, glaubte auch Heiderose, dass es nun für immer so bleiben würde.

Dazwischen richtete sie sich ihr Leben ein. Sie lernte Porzellanmalerei, arbeitete in einem Modekombinat und später als Verkäuferin in der Buchhandlung eines Verlages. Sie heiratete in Gera einen anderen Mann, bekam drei Kinder und ließ sich wieder scheiden. Oft kam sie abends nach Hause und erlebte, dass es nach all der Arbeit in Geschäften nichts zu kaufen gab fürs Geld. „Nix beim Bäcker, nix beim Fleischer.“ Dem Druck des Kollektivs, in die Partei einzutreten, beugte sie sich. Heute beschreibt sie ihr Verhalten wenig beschönigend als das einer Mitläuferin. Heiderose Zahn führte ein normales Leben in der DDR. Klaus vom Maschsee war aus den Augen, aus dem Sinn, aus ihrer Welt, in einem anderen Staat.

Obwohl: In Hannover hatte ebendieser Klaus den Päckchen seines Pastorenschwagers über die Grenze noch lange Aufmerksamkeiten für das junge Mädchen beigelegt, mit dem er am Seeufer spazierte. Parfüm, Süßigkeiten fand sie darin. Der gelernte Maurer, spätere Fahrer und schließlich Gebietsverkaufsleiter des Kartoffel verarbeitenden Konzerns Pfanni baute zwei Häuser und lebte privat ein Leben nicht unähnlich dem der jungen Frau in Gera. Heirat, zwei Kinder, Trennung sogar im selben Jahr wie Heiderose, 1979. Lange, bevor die Mauer fiel, wären beide frei gewesen füreinander, hätten sie noch Kontakt zueinander gehabt. Als aber die Grenze ein einziges Mal durchlässig wurde für Heiderose Zahn, sie durfte 1987 nach Hannover reisen zum 70. Geburtstag des Onkels, da trafen sich beide zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder und erzählten sich von ihren Leben in Ost und West. 30 Jahre nach dem ersten Treffen erlebte sie Klaus Feller immer noch zuvorkommend, hilfsbereit und höflich, wie sie keinen Zweiten kannte. Ihm blieben im Gedächtnis ihre „vielen Vorzüge“. Ein großer Redner war er noch immer nicht.

Die Wende begann auch in Gera mit Demonstrationen. Heiderose Zahn schloss sich den Menschen auf der Straße nie an. Irgendwie, sagt sie, habe es nie gepasst. Sowieso war sie der Meinung, dass der Widerstand zu nichts führe und irgendwann die da oben in Berlin alles unterbinden würden, jedenfalls irgendwas machen. Aber schon Monate vorm Mauerfall hatte sie allen Mut zusammengenommen und war aus der SED ausgetreten. Die Eingesperrten, so nahm im Westen Klaus Feller DDR-Bürger bisher wahr, befreiten sich.

In Gera machte sich an einem Tag im Dezember 1989 Heiderose Zahn auf den langen Weg nach Hannover. Im Trabant bewältigte sie 320 Kilometer, um zu vollenden, was sich zwei Jahre zuvor schon angedeutet hatte. Dieser Tag wenige Wochen nach dem Mauerfall ist für das Ehepaar seither der persönliche Tag der Einheit und „Putto auf dem Fisch“ der symbolische Ort, den wohl jede Liebe kennt. Erledigt hatte sich damit ein Plan von Klaus Feller, mit dem Wohnmobil nach Ungarn zu fahren und sich dort zu verabreden. Sollte er auf Republikflucht gehofft haben, er wäre enttäuscht worden. Nie, sagt Heiderose Zahn, wäre sie ohne ihre Kinder abgehauen.

Erledigt hat sich mit der Geschichte des Paares aus Gera und Hannover vielleicht auch die Vorstellung, dass Leben in zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen völlig gegensätzliche Mentalitäten hervorbringt. Der Berliner Psychotherapeut Thomas Kornbichler, er forscht seit Langem über deutsch-deutsche Paare, glaubt jedenfalls nicht an trennende landsmannschaftliche Wesenszüge, verursacht durch Kapitalismus und Sozialismus. „In 40 Jahren ändern sich nicht die charakterlichen Grundzüge eines Volkes.“
Doch nach 20 Jahren Einheit sind Ehen zwischen ost- und westdeutschen Männern und Frauen eine Seltenheit. Vier Prozent aller Verbindungen vor dem Standesamt zählen zu dieser Kategorie. Eine Kluft zwischen Mentalitäten hüben und drüben lässt sich daraus kaum ableiten, denn ähnlich rar sind Ehen zwischen Nord- und Süddeutschen. Experten vermuten, dass Entfernungen bei der Partnersuche größere Bedeutung zukommen als charakterliche Unterschiede von Volksgruppen: Das Statistische Bundesamt weiß, dass vier von fünf Deutschen nur einige Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt leben – und meist dort Partner finden.

Die Wende aber hat der Ostdeutschen aus Gera beruflich kein Glück gebracht. Der Buchladen brauchte sie nicht mehr, woanders fand sie keine neue Stelle. Die Einheit führte die damals 48-Jährige in die Arbeitslosigkeit, nahtlos ging es in die Rente über. „Plötzlich war Schluss. Das war unbegreiflich.“ Nicht gebraucht zu werden, obwohl doch an jeder Ecke im Westen Überfluss zu sehen war, das war nicht in Einklang zu bringen mit dem Luxus von sechs Sorten Schinken und vollgestopften Schaufenstern. Dass die im Westen so leben können, das stand außer Frage. Aber wie wenig man gehabt hatte im vergangenen Leben! Für Heiderose Zahns Partner in Hannover änderte sich nichts. Pfanni öffneten sich neue Märkte.
Das Paar steht ein wenig auch für das Verhältnis der Deutschen in Ost und West nach 20 Einheitsjahren. Heiderose Zahn hat ihre Wohnung in Gera, die Klaus Feller nach Investitionen in den Aufbau Ost inzwischen ganz hübsch findet, nicht aufgegeben. Er lebt weiter in Hannover. Sie besuchen sich abwechselnd, sie sind vereint, aber auch ein wenig getrennt. Im Osten erlebt die Ostdeutsche, wie sich Menschen nach der Wende verändert haben. „Früher war ein sehr großer Zusammenhalt. Heute ist es ein täglicher Kampf.“ Aber zurück zur DDR, wie es eine Minderheit Ostdeutscher in Umfragen wünscht? Nein, sagt Heiderose Zahn, nach 40 Jahren Sozialismus, das kann nicht sein.