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Panorama Verheerende Überschwemmungen im Südosten Frankreichs
Nachrichten Panorama Verheerende Überschwemmungen im Südosten Frankreichs
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22:39 16.06.2010
Draguignan ist am schwersten von dem Unwetter in Südfrankreich betroffen. Quelle: afp
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Verheerende Überschwemmungen haben im Südosten Frankreichs mindestens 19 Menschen in den Tod gerissen. Nach sintflutartigen Regenfällen stand das Wasser in der Kleinstadt Draguignan nahe Toulon am Mittwoch mehr als zwei Meter hoch. Straßen verwandelten sich in reißende Flüsse. Durch die Wucht der Wassermassen wurden ganze Autos zu einem Haufen zusammengeschoben. Mehr als 1200 Menschen mussten in Notunterkünften untergebracht werden. Am Mittwochmittag waren noch immer etwa 100.000 Haushalte ohne Strom.

Diejenigen, die mit heiler Haut davongekommen sind, suchen nach Worten für etwas, das sie so noch nie erlebt haben. Es sei ganz schnell gegangen,erzählt die Besitzerin eines Hotels in Draguignan, einer von sintflutartigen Regenfällen besonders schwer heimgesuchten Stadt. Es sei ihr vorgekommen, als sei „ein Tsunami“ über den doch gut 30 Kilometer vom Mittelmeer entfernten Ort geschwappt, erzählt die Frau. Die mit Brettern verbarrikadierte Eingangstür des Hotels habe den Wassermassen auf wundersame Weise standgehalten. Fassungslos habe sie zugesehen, wie „draußen mit Lehm, Gestein und Ästen vermengte Fluten Autos unter sich begruben, deren Dächer wie glitzernde Surfboards aus dem dreckigen Braun ragten“.

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Im Südosten Frankreichs sind bei sintflutartigen Regenfällen mindestens 19 Menschen ertrunken. Draguignan ist am schwersten von dem Unwetter betroffen: Die Stadt stand zu weiten Teilen unter Wasser, Autos trieben durch die Straßen.

Nicht alle Autofahrer konnten ihren Wagen rechtzeitig verlassen und in Treppenhäusern angrenzender Gebäude Schutz suchen, nicht alle Barrikaden haben dem Druck der Wassermassen standgehalten. Wobei die Mehrzahl der Todesopfer Autofahrer sind, die offenbar geglaubt hatten, in ihrem Wagen den Wassermassen trotzen zu können, und ertrunken sind.

Im 37.000 Einwohner zählenden Draguignan wie auch in den Nachbargemeinden wurden bis zum Mittwochmorgen 450 Menschen in Sicherheit gebracht, die sich auf Auto- oder Hausdächer geflüchtet hatten. Schulen und Gemeindehallen wurden zu Notunterkünften umgerüstet.

Auf dem Parkplatz von Les Arcs, wenige Kilometer von Draguignan entfernt, klafft ein sechs Meter großes Loch. Bäume sind umgestürzt, Häuser eingerissen, Autos an die Wand gedrückt. „So etwas haben wir noch nie gesehen“, sagt der Bürgermeister des 6000-Einwohner-Ortes im Hinterland der Côte d’Azur. Ein Grüppchen Menschen auf dem Parkplatz schaut sich ungläubig um. Zwar hatten die Behörden vor einem Unwetter gewarnt. Dass der Regen aber derart flutartig kommen und binnen weniger Minuten alles überschwemmen würde, hatte keiner gedacht.

„Die Apokalypse“, sagt Bürgermeister Alain Parlanti, und ihm ist anzumerken, dass er das Unglück noch gar nicht fassen kann. Der kleine Real, der durch die Gemeinde fließt, sei am Dienstagnachmittag binnen kürzester Zeit über das Ufer getreten und habe eine Spur der Verwüstung hinterlassen, berichtet er. Glücklicherweise sei in Les Arcs niemand verletzt.

Feuerwehr-, Polizei- und Militäreinheiten haben am Mittwoch mit den Aufräumarbeiten begonnen. Frankreichs Innenminister Brice Hortefeux hat der Region einen Besuch abgestattet und schnelle Hilfe versprochen. Max Piselli, der Bürgermeister von Draguignan, zeigt sich zuversichtlich, dass der Schlammwelle „nun eine Welle der Hilfsbereitschaft folgt“. Staatspräsident Nicolas Sarkozy sicherte den Bewohnern des Überschwemmungsgebiets Solidarität zu.

Nach Angaben der Meteorologen zählt das Unwetter vom Dienstagabend mit Regenfällen von bis zu 400 Millimeter zu den schwersten der vergangenen Jahrzehnte.

Axel Veiel und Anne Beade