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Panorama Verschüttete Bergleute kämpfen mit Routine und Wartezeit bis zur Befreiung
Nachrichten Panorama Verschüttete Bergleute kämpfen mit Routine und Wartezeit bis zur Befreiung
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08:31 03.09.2010
„So einfach ergeben sich Kumpel nicht dem Tod“: Zwischen Abraum und Nationalfahnen harren die Angehörigen aus – so nahe wie möglich an den Eingeschlossenen. Quelle: dpa
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Wenn jemand weiß, wie es um die 33 verschütteten Bergleute in der chilenischen Atacama-Wüste bestellt ist, dann ist es Hernán Rivera Letelier. In den vier Wochen seit dem Zusammenbruch der Kupfer- und Goldmine San José, steht sein Telefon nicht mehr still. Medien rund um den Globus haben den Schriftsteller gebeten, Artikel oder Aufsätze zu verfassen. „Es war sogar ein Angebot für ein Drehbuch dabei“, sagt der 51-Jährige. Abgelehnt hat er alle Anfragen. Aber dazu später.

Hernán Rivera Letelier ist nicht nur einer der meistgelesenen Schriftsteller Chiles, sondern er war in seinem früheren Leben selber einmal Bergmann. Genau wie die 33 Arbeiter, die jetzt im schwarzen Schlund der Mine im Norden Chiles gefangen sind, ist Letelier drei Jahrzehnte lang in die Kupfer- und Goldschächte der chilenischen Atacama-Wüste eingefahren. Wer also könnte besser beschreiben, was die Männer empfinden müssen, die seit 28 Tagen unter Millionen Tonnen von Gestein begraben sind – so lange wie noch niemand vor ihnen. Wer sich das Ausmaß des 688 Meter tiefen Bergverlieses, in dem die Arbeiter verschüttet sind, vergegenwärtigen will, der stelle sich viermal den Kölner Dom mit seinen 157 Meter hohen Türmen aufeinander gestellt vor. Und dann fehlen immer noch ein paar Meter.

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Letelier wusste von Anfang an eine Sache: Wenn die Arbeiter beim Einsturz der Mine nicht getötet wurden, dann werden sie überleben, bis man sie findet. „Ich konnte mir genau vorstellen, wie sie sich organisieren, sich Geschichten erzählen, Witze reißen und sich kleine Notlügen ausdenken, um nicht den Mut zu verlieren“. Bergleute seien wie Fischer, sagt der Autor. Gewöhnt daran, gegen widrige Umstände zu bestehen, gegen die Kräfte der Natur zu kämpfen. „Sie sind erfindungsreich und zäh. So einfach ergeben sich Kumpel nicht dem Tod.“

Aber der Schriftsteller weiß auch, dass es ein „unaussprechliches Leid“ bedeutet, was den 33 Männern unter Tage widerfährt. Rivera Letelier nennt es das „Zentrum der Hölle“. Tatsächlich ist es fast so heiß. Rund 36 Grad sind es in dem Schutzraum, in den sich die Männer am 5. August, dem Tag des Einsturzes, gerettet haben. In den Schächten und Gängen daneben ist es kaum kühler, und die Luft ist so dick und feucht, als seien sie in einer Sauna. Licht spenden nur die Grubenfahrzeuge mit ihren schweren Batterien.

Immerhin ist das Leid jetzt ein bisschen erträglicher geworden, seit Rettungskräfte die Arbeiter rund zwei Wochen nach dem Unglück geortet haben. Über kleine Versorgungsschächte wird den Eingeschlossenen fast alles hinabgeschickt, was sie sich wünschen: Faltbare Feldbetten, damit sie nicht mehr auf dem Boden schlafen müssen. Medizinische Kits, damit sich die Ärzte über Tage ein Bild ihres Zustands machen können, Socken mit Kupferdrähten, die vor Infektionen und Pilzen schützen sollen, sowie Artikel für die persönliche Hygiene. Die Männer wurden zudem gegen Tetanus, Diphterie, Grippe und Lungenentzündung geimpft.

Auch für das Entertainment ist gesorgt. Eine Mini-Playstation, MP3-Spieler, Lautsprecher und sogar ein Minibildschirm, damit die Kumpel die Spiele der chilenischen Fußball-Liga verfolgen und Spielfilme sehen können, gehen in die Tiefe der Mine. Nur eines fehlt: Alkohol. Denn einige der Eingeschlossenen sind alkoholkrank und plötzlich auf kalten Entzug gesetzt. „Einige der 33 Männer haben sogar regelmäßig große Mengen Alkohol zu sich genommen, um ihre Angst unter Tage zu besiegen“, sagte Gesundheitsminister Jaime Mañalich. Bisher bleiben die Verantwortlichen dabei, dass die Eingeschlossenen weder Tabak noch Alkohol bekommen. Dabei hatten sie sich bei ihrer Telefonverbindung mit Präsident Sebastián Piñera sehnlichst ein „Gläschen Wein“ gewünscht.

Unterdessen ist am Montag die Rettungsaktion in ihre entscheidende Phase getreten. Zwei Tage später als erwartet begannen die Spezialisten damit, den 66 Zentimeter breiten Rettungsschacht in 700 Meter Tiefe zu bohren, durch den die Kumpel die Freiheit wiedererlangen sollen. Bergbauminister Laurence Golborne will die Kumpel Weihnachten befreit haben. Beschleunigt wird die Rettung durch einen zusätzlichen Antrieb aus Deutschland für den Bohrer Strata 950. Zehn bis 15 Meter soll der Bohrer den Tunnel pro Tag vorantreiben. Zunächst wird der Bohrer einen Schacht von 38 Zentimetern Durchmesser fräsen, der dann später auf 66 Zentimeter verbreitert wird. Dadurch sollen die Kumpel dann spätestens Weihnachten zusammengerollt in Transportkörben einer nach dem anderen ans Tageslicht bugsiert werden. Allein diese Fahrt kann bis zu zwei Stunden dauern.

Zudem hofft Bergbauminister Golborne auf einen Plan B. Dieser sieht vor, einen bereits bestehenden rund 15 Zentimeter breiten Versorgungstunnel zu verbreitern. Dies könnte die Bergleute einen Monat früher aus ihrem Grubenverlies befreien. Auch dieser Versorgungstunnel, der derzeit Sauerstoff in den Schutzraum pumpt, könnte zunächst auf 30 und später auf 70 Zentimeter verbreitert werden. Sollte es die Beschaffenheit der Mine zulassen, wollen die Rettungskräfte beide Tunnel parallel vorantreiben. „Wir suchen aber auch noch einen Plan C und D“, sagte André Sougarret, leitender Ingenieur der Rettungsarbeiten.

Unterdessen versuchen die Helfer, den Verschütteten das Warten so angenehm wie möglich zu gestalten. Am Mittwoch gab es die erste warme Mahlzeit: Buletten mit Reis. Um für die Kumpel so etwas wie Alltag unter Tage zu schaffen, wollen die Helfer mithilfe von Lampen Tag- und Nachtverhältnisse simulieren. Das haben die Experten der US-Raumfahrtbehörde Nasa empfohlen, die seit Kurzem in Chile sind und die Retter beraten.

Für die eingeschlossenen Kumpel beginnt jeder Tag früh um 7.30 Uhr. Nach dem Frühstück mit Sandwiches und Joghurt räumen sie auf, bevor sie über die Gegensprechanlage medizinisch beraten oder von ihrem Chef Luis Urzua auf den neuesten Stand der Rettungsarbeiten gebracht werden. Nach dem Mittagessen stehen Gespräche auf dem Plan. Abendbrot gibt es um 20 Uhr; Schlafenszeit ist zwischen 22 und 23 Uhr.

Hernán Rivera Letelier, der Schriftsteller, hat alle Bitten der Medien nach Artikeln abgelehnt, weil er selber Bergmann war, wie er sagt. „Über die Tragödie der Kumpel zu schreiben, damit Geld zu verdienen, wäre das Gleiche, als verfasste ich ein Gedicht am Totenbett meines Bruders“.

Celler Firma hilft Kumpel mit Hightech

Bei der Rettung der Bergleute in Chile kommt Hilfe aus Nienhagen bei Celle. Die Firma Micon Mining and Construction Products GmbH liefert ein Hightech-Gerät, das dabei hilft, den Bohrmeißel bei der 700 Meter tiefen Rettungsbohrung über die ganze Strecke auf Kurs zu halten. RVDS – Vertical Drilling System – heißt das wichtige Gerät, auf das die Bohrspezialisten der San-José-Mine im chilenischen Copiapo sehnlichst gewartet haben. Ohne diese Steuereinheit aus Celle konnte man mit der Rettungsbohrung nicht beginnen.

„Das RVDS-System ist wichtig, wenn man Zielpunkte unten im Berg sicher erreichen muss“, erklärt Micon-Geschäftsführer Rainer Jürgens. Es bringe den Bohrmeißel in die richtige Richtung, wenn dieser wegen der Gesteinsbeschaffenheit abweiche. „Das ist technisch extrem herausfordernd.“ Für die 33 eingeschlossenen Kumpel hängt vom präzisen Niederbringen der Bohrung ihr Überleben ab. Durch das Loch sollen sie später nach oben gezogen werden.

Zwei Mitarbeiter der Firma mit rund 40 Mitarbeitern sind nach Chile gereist, um den Einsatz vor Ort zu begleiten. Fotos von dem Gerät dürfen derzeit allerdings nicht veröffentlicht werden, Gespräche mit den beiden Ingenieuren vor Ort sind verboten: „Es herrscht Nachrichtensperre“, erläutert Jürgens. Zu groß sei die Angst des Minenbetreibers Codelco vor Gerüchten und schlechter Presse. Mit den RVDS-Geräten besetze das Celler Unternehmen eine Nische im Bergbaugeschäft. Das System werde bei Bohrungen für Minen oder Wasserkraftwerke in aller Welt benutzt. Zwei Geräte habe Micon nun eigens aus der Mongolei und Brasilien zurückgeholt, berichtet Jürgens.

Nun wird mit dem selbststeuernden System, das zwischen dem Bohrmeißel und dem Bohrgestänge angebracht ist, die sogenannte Pilotbohrung in das Gestein getrieben. Sie hat einen Durchmesser von rund 38 Zentimetern, doch für die Rettung der Bergleute wird mehr Platz gebraucht. Daher muss das Loch mit einer zweiten Bohrung auf 66 Zentimeter erweitert werden.

Die Bohrung ist nach Angaben von Fachleuten extrem schwierig. Am Donnerstag gab es bereits die erste Unterbrechung – nach gerade 20 Metern. Ursache war eine instabile Stelle im Gestein. Das Gestein sei sehr spröde, hart und dabei brüchig, erklärt Prof. Kurt M. Reinicke, Bohrtechniker an der TU Clausthal-Zellerfeld. Da sich die Kupfermine in einer sogenannten Subduktionszone befinde, in der sich die pazifische unter die amerikanische Kontinentalplatte schiebe, gebe es Spalten und Klüfte. Die Unterbrechung werde wohl kein Einzelfall bleiben, vermutlich müsse noch öfter zementiert werden. Das kann zu Verzögerungen von mehreren Tagen führen.

Klaus Ehringfeld und Margit Kautenburger

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