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Panorama Vier Jugendliche nach sexuellen Übergriffen angeklagt
Nachrichten Panorama Vier Jugendliche nach sexuellen Übergriffen angeklagt
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10:01 26.03.2011
Von Thorsten Fuchs
Im Haus Silbermöwe auf Ameland kam es bei einer Ferienfreizeit des Osnabrücker Stadtsportbundes zu Misshandlungen.
Im Haus Silbermöwe auf Ameland kam es bei einer Ferienfreizeit des Osnabrücker Stadtsportbundes zu Misshandlungen. Quelle: dpa
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Das Grauen folgt einer festen Ordnung. Es ist jedes Mal der gleiche Ablauf, wie bei einem Ritual. Erst suchen sich die Jugendlichen ein Opfer aus. Einen anderen Jungen, ein bisschen kleiner, ein bisschen schwächer als sie. Sie greifen ihn, legen ihn auf einen Tisch und halten ihn fest. Dabei johlen sie, heulen wie Indianer und singen ein Lied, dessen Text sie sich schon zu Hause ausgedacht hatten, zur Vorbereitung. Die Stimmung ist wild, ausgelassen. Dann ziehen sie ihrem Opfer die Hosen herunter.

So hat nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft begonnen, was im vergangenen Jahr bundesweit Entsetzen ausgelöst hat. „Horrorfreizeit auf Ameland“, so lauteten im Sommer 2010 die Schlagzeilen, nachdem ältere Jungen jüngere Teilnehmer einer Ferienreise des Stadtsportbundes Osnabrück auf der niederländischen Insel sexuell gequält hatten. Kinder missbrauchen Kinder, trotz 39 begleitender Betreuer: Das war ein Schock nicht allein für die Eltern der 177 Jungen und Mädchen, die ihre Kinder mit nach Ameland geschickt hatten – und die Ermittlungsergebnisse, die Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer am Freitag in Osnabrück präsentierte, dürften das Erschrecken nur bedingt mildern.

Demnach waren die Taten kein spontaner Einfall: Schon vor der Reise hatten sich Teilnehmer der Ferienfreizeit zu einer Gruppe zusammengeschlossen und sich einen Namen zugelegt, der an ihren Absichten wenig Zweifel ließ. Der Titel des Liedes, das sie ebenfalls schon vor dem Aufbruch dichteten, verrät zumindest eine gewisse Kenntnis des Vokabulars, das den Ermittlern sonst nur aus der Sado-Maso-Szene bekannt war. Im Jungs-Schlafsaal im ersten Stock des „Hauses Silbermöwe“, eines früheren Bauernhauses, zwei Kilometer vom Strand entfernt, setzten die Jungen dann um, was sie sich ausgemalt hatten: Nachdem sie ihren Opfern die Hose heruntergezogen hatten, cremten sie mit Sonnenmilch den Po ein und klemmten ihnen heulend und singend Flaschen und Handfegerstiele zwischen die Pobacken. „Es war“, sagte Retemeyer am Freitag, „immer der gleiche Ablauf.“

Wie oft genau er sich auf Ameland wiederholt hat, vermochten die Ermittler letztlich nicht genau zu klären. Gegen vier Jugendliche hat die Staatsananwaltschaft jetzt Anklage erhoben. Sie waren zur Zeit der Taten 14 und 15 Jahre alt und haben ihre Beteiligung auch bereits eingeräumt. Ursprünglich hatte die Polizei gegen 17 Beschuldigte ermittelt. Bei sieben von ihnen erwiesen sich die Vorwürfe offenbar als haltlos, bei sechs von ihnen wurde das Verfahren nach Ermahnungen und Auflagen der Jugendgerichtshilfe eingestellt. Offenbar war es für die Ermittler schwierig, sich anhand der Schilderungen der Kinder ein eindeutiges Bild von den Vorgängen auf Ameland zu verschaffen. „Bei jeder Vernehmung haben sich neue Widersprüche ergeben“, sagte Retemeyer. Acht Jungen sind auf Ameland zu Opfern der Übergriffe geworden – was allein schon belegt, dass es mehr als jene vier Fälle gab, wegen derer die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage erhebt.

Die vier Hauptbeschuldigten müssen sich jetzt wegen sexueller Nötigung und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten. Dem Vorwurf der Vergewaltigung geht die Staatsanwaltschaft nicht mehr nach, da den Opfern, entgegen den alarmierenden ersten Berichten, keine Gegenstände in den Körper eingeführt worden seien. „Wir wollen nichts verharmlosen“, betonte Retemeyer. Aber es gebe auch keine Hinweise darauf, dass die Jugendlichen jene Schwerverbrecher sind, zu denen sie im Überschwang des Erschreckens im vergangenen Jahr von manchen Medien gemacht worden seien. Die Jugendlichen bereuten ihre Taten, betonte er. Sie stammten „aus ganz normalen Familien“ und hätten „nicht gewusst, was sie auslösen“. Wobei einige es hätten wissen können: Drei der Beschuldigten gehörten zu den Opfern, bevor sie selbst zu Tätern wurden.

Beendet ist die Arbeit für die Ermittler noch nicht: Noch laufen die Verfahren gegen neun Betreuer wegen unterlassener Hilfeleistung. Schon bald nach Bekanntwerden der Fälle waren Vorwürfe aufgetaucht, die Betreuer hätten Hinweise auf die Missbrauchsfälle nicht ernst genommen. Ob sich diese bestätigt haben, dazu wollte Retemeyer am Freitag noch nichts sagen.

Die vier Jugendlichen müssen wohl nicht mit einer Haftstrafe rechnen: Wegen ihrer Geständnisse kämen wohl eher Sozialstunden oder soziale Therapien in Betracht, deutete Retemeyer an und betonte: „Dies ist kein Kuschelkurs.“ Solche Therapien könnten äußerst fordernd und wirkungsvoll sein.

Wie es den Opfern heute geht, konnte der Staatsanwalt nur zum Teil erklären. Körperliche Verletzungen habe es nicht gegeben. Allen sei die Hilfe von Psychologen angeboten worden. Allerdings habe seines Wissens keine der betroffenen Familien dieses Angebot angenommen.