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07:44 23.06.2014
Wer die Wahl hat, hat die Qual: Welcher Helm ist der richtige? Quelle: dpa
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Es ist jedem in Deutschland selbst überlassen, ob er beim Fahrradfahren einen Helm trägt oder nicht. Weder schreibt ihn der Gesetzgeber vor, noch gibt es eine Helmpflicht durchs Hintertürchen: Der Bundesgerichtshof (BGH) stellte am Dienstag klar, dass Radfahrern ohne Helm nach einem unverschuldeten Unfall Schadensersatz in voller Höhe zusteht, wenn sie sich dabei Kopfverletzungen zugezogen haben, die mit Sturzhelm womöglich weniger schwer oder sogar vermeidbar gewesen wären. Wer aber lieber mit Fahrradhelm fährt, für den gibt es diese Tipps:

Wovor schützt ein Helm?
Mediziner gehen davon aus, dass das Tragen eines Fahrradhelms bei Unfällen vor allem das Ausmaß schwerer Kopfverletzungen einschränken könnte. Trügen alle Radfahrer einen Helm, könnten Kopfverletzungen um ein Drittel und schwere Schädelverletzungen mit Hirnschäden sogar um zwei Drittel reduziert werden. In Deutschland sind etwa zehn Prozent der Verkehrstoten Radfahrer. Eine Studie des Spitzenverbands Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung aus dem Jahr 2008 belegte, dass ein Helm das Risiko, bei einem Unfall eine schwere Gehirnverletzung zu erleiden, um bis zu 80 Prozent senkt.

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Was macht einen guten Helm aus?
Der Helm sollte geprüft sein und der entsprechenden DIN-Norm „Helme für Radfahrer und für Benutzer von Skateboards und Rollschuhen“ entsprechen (DIN EN 1078). In qualitativ hochwertigen Fahrradhelmen findet sich neben dem CE-Prüfzeichen und der Größenangabe – meist der Kopfumfang in Zentimetern – auch das Herstellungsdatum. Das ist wichtig, weil mit der Alterung die stoßabsorbierende Wirkung der Hartschaumstoffschicht nachlassen kann. Für die Schale ist ABS-Kunststoff robuster als das dünnere, leichtere und oft für Sportmodelle verwendete Polykarbonat.

Wie findet man die richtige Größe?
Ganz wichtig: Der Helm muss perfekt zur Kopfform passen. Er darf nicht zu stramm und nicht zu locker sein und auch ohne Gurt bei Bewegung nicht verrutschen. Er sollte mittig auf der Stirn sitzen, sich also weder nach unten über die Augenbrauen noch nach oben von der Stirn ziehen lassen. Zwischen Kinnriemen und Kiefer sollte höchstens ein Fingerbreit Luft bleiben. Auch ohne geschlossenen Gurt sollte der Helm auf dem Kopf fest sitzen. Die Riemen sollten vor und hinter dem Ohr liegen und sich direkt darunter treffen – die Ohren liegen also im Dreieck der Riemen. Im Fachhandel sind Helme in den üblichen Größen S, M, L und XL erhältlich.

Was muss man noch beachten?
Damit der Kopf im Sommer nicht zu warm wird und ein Hitzestau entsteht, sind Luftschlitze sinnvoll.

Wie viel Geld müssen Radfahrer in einen Helm investieren?
Helme für unter 50 Euro bedeuten laut Gunnar Fehlau, Buchautor und Chef des branchennahen Pressediensts Fahrrad, in der Regel deutliche Kompromisse bei Qualität, Passform, Haltbarkeit und Sicherheit. Radfahrer sollten dem Experten zufolge daher für einen guten und komfortablen Helm eher um die 100 Euro kalkulieren. Aber auch günstigere Produkte mit Prüfsiegel können sicher sein.

Wann sollte man den Kopfschutz austauschen?
Wenn der Fahrradhelm bei einem Unfall auf den Boden aufschlägt oder auch einfach nur aus der Hand rutscht und auf den Asphalt knallt, sollte er ersetzt werden. Denn dabei können sich feine Risse bilden, die die Schutzwirkung verringern, selbst wenn der Helm äußerlich voll funktionsfähig erscheint. Turnusmäßig schaffen sich Radfahrer, die auf den Kopfschutz schwören, am besten alle fünf Jahre einen neuen Helm an, weil die Hartschaumschutzschicht mit der Zeit porös wird und die Dämpfungseigenschaft nachlässt. Auch Witterung, Sonne und Schweiß begünstigen die Alterung.

Können Kinder aus Fahrradhelmen herauswachsen?
Ja. Deshalb sollten Eltern ab und zu überprüfen, ob der Helm noch richtig sitzt. Bei Kindern ist die Anschaffung eines neuen Helms ungefähr alle zwei Jahre sinnvoll – und das nicht allein wegen der Größe: Viele Schulkinder hängen den Helm nach der Fahrt an den Ranzen, dann eckt er schnell mal irgendwo an und kann kleine Risse bekommen, gibt Fehlau zu bedenken. Vom Gebrauchtkauf raten Experten wegen möglicher Vorschäden, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, ab.

Braucht der Helm Pflege?
Insekten, Staub und Schweiß werden am besten regelmäßig mit Wasser und gegebenenfalls etwas milder Seife abgewaschen. Scharfe Reiniger sind ungeeignet: Sie können das Material angreifen und die Struktur schwächen.

Der HannoverHelm

Die Initiative HannoverHelm wirbt für den Gebrauch eines Fahrradhelms. Der Zusammenschluss aus Polizei Hannover, Stadt und Region, der Helmhersteller Uvex und die HAZ-Redaktion haben sich dabei auf ein Helmmodell geeinigt und bewerben es jährlich unter anderem mit einem Verkehrssicherheitsfest samt Radcodierung und Tipps von Verkehrswacht und des Gemeinde-Unfallversicherungsverbandes. FIFA-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus ist offizielle Schirmherrin des Projekts. Seit Kampagnenstart wurden mehr als 10 000 Helme verkauft – ein voller Erfolg im Namen der Sicherheit. Der Helm besteht aus Hochleistungskunststoff und wird in zwei Schalengrößen angeboten. Eine LED-Leuchte zur nachträglichen Montage sorgt für mehr Sicherheit im Dunkeln. Der Helm hat eine hohe Stabilität, und mit nur 255 Gramm und 21 Belüftungsöffnungen bietet er hohen Tragekomfort. Zudem ist er durch eine herausnehmbare und waschbare Innenausstattung pflegeleicht.

Der Helm ist TÜV-geprüft und in den HAZ-Geschäftsstelle oder im Onlineshop unter shop.haz.de für 44,95 Euro zu haben, Abonnenten mit AboPlus-Karten zahlen nur 34,95 Euro. Eine Händlerübersicht finden Interessierte unter www.haz.de/hannoverhelm.

jan

Die meisten fahren oben ohne

Wer trägt Helme?
Die Akzeptanz von Fahrradhelmen steigt zwar – über alle Altersgruppen betrachtet allerdings sehr langsam. Nach Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen (bast) trugen 2013 genau 15 Prozent aller Radfahrer einen Helm. Das waren zwei Prozentpunkte mehr als noch 2012. Dagegen stieg die Quote bei den Sechs- bis Zehnjährigen im gleichen Zeitraum von 66 auf 75 Prozent. Helmmuffel sind die 17- bis 30-Jährigen. Der Helm gilt als uncool, die Tragequote liegt weit unter zehn Prozent.

Wäre eine Helmpflicht sinnvoll?
Der Direktor des Instituts für Verkehrswissenschaften an der Uni Münster, Gernot Sieg, hat das Thema aus der Sicht des Volkswirts untersucht. Unterm Strich, so das Ergebnis, wirkt sich eine gesetzliche Helmpflicht negativ aus. Verkürzt gesagt würden zu viele Menschen dann das Rad stehen lassen, um auf Auto, Bus oder Bahn umzusteigen. Die Folge: Herz-Kreislauf-Erkrankungen nähmen zu. Sieg selber fährt je nach Strecke mit Helm – aber nicht immer.

Was machen andere Länder?
In Holland gibt es keine Helmpflicht, trotzdem ist die Sicherheit der Radfahrer dort höher als in Deutschland. Finnland schreibt als einziges Land einen Schutzhelm beim Radfahren vor. In der Slowakei und in Spanien müssen alle Radfahrer außerhalb geschlossener Ortschaften einen Helm tragen. In Spanien gilt allerdings die Einschränkung, dass der Kopfschutz auf langen Steigungen oder bei hohen Temperaturen abgesetzt werden darf. In Litauen und Tschechien besteht für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren eine generelle Helmpflicht, in Estland und Kroatien für unter 16-Jährige, in Island, Schweden, der Slowakei und Slowenien für unter 15-Jährige. Österreich schreibt den Fahrradhelm für Kinder unter zwölf Jahren vor. Die meisten Länder ahnden Verstöße gegen die Fahrradhelm-Pflicht dem ACE zufolge nicht. Bußgelder werden in Kroatien (40 Euro), Schweden (rund 55 Euro) und Spanien (90 Euro) 
erhoben.

Christoph Walter

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