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Panorama „Wir sehen und wir wissen, dass es Leid war“
Nachrichten Panorama „Wir sehen und wir wissen, dass es Leid war“
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23:04 08.03.2010
Ein sicherer Platz für Kinder? Die Missbrauchsfälle im hessischen Eliteinternat Odenwaldschule haben der Debatte um den Schutz von Schülern vor sexueller Belästigung neuen Zündstoff gegeben.
Ein sicherer Platz für Kinder? Die Missbrauchsfälle im hessischen Eliteinternat Odenwaldschule haben der Debatte um den Schutz von Schülern vor sexueller Belästigung neuen Zündstoff gegeben. Quelle: dpa
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Hannover. Am Telefon hat sie geweint. Schließlich ging es um ihre Familie – so nennen die Schüler in der Odenwaldschule ihre Klassen. Doch diese „Familie“ hat die ehemalige Schülerin des Eliteinternats im südhessischen Heppenheim jahrelang gequält. Sie wurde von ihrem Internatslehrer missbraucht. Gestern hat sich die Frau bei der heutigen Direktorin gemeldet, um nach vielen Jahren ihr Schweigen zu brechen – und sie war nicht die einzige, die sich nach den Enthüllungen der vergangenen Tage traute, über den Missbrauch in ihrer Kindheit zu sprechen. „Wir haben jetzt 24 Fälle – 23 Männer und eine Frau“, sagt Internatsdirektorin Margarita Kaufmann. Ihre Geschichten seien schlimm gewesen. Mindestens drei Lehrer stehen als Täter im Verdacht, in den siebziger und achtziger Jahren Schüler missbraucht zu haben. Jetzt tritt die Schule die Vorwärtsverteidigung an. „Das Leid können wir nicht mehr gutmachen“, sagte Kaufmann. „Aber wir können sagen, wir sehen und wir wissen, dass es Leid war.“

Die Erkenntnis der Eliteschule kommt spät. Denn die Vorwürfe gegen die Schule sind nicht neu. Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt war bereits im August 1999 eine Strafanzeige gegen den damaligen Internatsleiter eingegangen, wegen derselben Vorfälle. Zwar sind die Missbrauchsfälle in der Schule seitdem öffentlich, Ermittlungen gab es aber damals nicht. Die Vorfälle waren bereits verjährt.

Manchmal vergehen Jahrzehnte, bis die Opfer endlich sprechen. Verdrängen ist für viele die einzig mögliche Verteidigung – eigentlich „eine gesunde Reaktion“, sagt Thorsten Wygold, Chefarzt des Ambulanz- und Aufnahmezentrums im hannoverschen Kinderkrankenhaus auf der Bult. Dass dieses kollektive Verdrängen jetzt aufbricht und sich so viele Menschen melden, um von Übergriffen zu berichten, denen sie als Kinder und Jugendliche ausgesetzt waren, überrascht den Mediziner nicht: „Das Verdrängen wird oft von sogenannten Flash-Back-Situationen beendet: Die breite, öffentliche Thematisierung von Missbrauchssituationen erzwingt bei vielen Opfern ein Erinnern an etwas, das lange vergessen war.“ Dann setzt bei vielen das gute Gefühl ein, mit dem Unrecht und der Scham endlich nicht mehr allein zu sein.

Das tief sitzende Schamgefühl ist bei vielen älteren Missbrauchsopfern in der rigiden Doppelmoral begründet, die den Alltag ihrer Kindheit bestimmte. Über „so etwas“ sprach man nicht.
Es ist anders heute, sagt Catrin Lange, vor allem bei sexueller Gewalt, die von Lehrern ausgeht. Als sie vor drei Jahren den Verein „Kinder in Schulnot“ gründete, wollte sie eigentlich etwas gegen schlagende und schikanierende Lehrer tun, die es trotz der Abschaffung der Prügelstrafe auch in Deutschland immer noch gibt. Schon nach einer Woche fühlten sie und ihr Team aus Wissenschaftlern, Pädagogen und Anwälten sich zum ersten Mal etwas überfordert. „Da meldete sich das erste Opfer von sexuellen Übergriffen durch Lehrer. Seitdem haben wir nahezu jede Woche mit diesem Problem zu tun.“

Die Geschichten ähneln sich: von Sportlehrern, die nach dem Unterricht in Umkleidekabinen platzen oder gemeinsam mit den Schülern duschen. Von Mathelehrern, die Schülerinnen im Vorbeigehen durchs Haar streicheln. „Das sind typische Vorbereitungshandlungen für sexuelle Übergriffe in der Schule“, sagt die Expertin. Sie wundert sich, „dass man nun so tut, als gebe es so etwas an staatlichen Schulen gar nicht“.

In Schulen herrscht ein klares hierarchisches System. Schüler sind abhängig von ihren Lehrern, Schulleiter vom Ruf ihrer Schule. Nach Ansicht von Opfervereinen sind es diese und ähnliche Mechanismen, die es den Tätern einfacher machen, ungeschoren davonzukommen. Selbst wenn ein Fall in der Öffentlichkeit bekannt wird, ist eine Strafe nicht sicher. „Die Strafverfahren werden sehr häufig eingestellt“, sagt Lange. „Die Lehrer werden versetzt, und damit wird das Problem für eine Weile aus der Welt geschafft. Der Täter aber kann an einem anderen Ort ungestört weitermachen.“

Auch Angelika Bachmann vom bundesweit tätigen Verein „Lernen ohne Angst“ vermutet Vertuschungsaktionen, um den guten Ruf der Schulen nicht zu beschädigen. Sie kenne viele Fälle, in denen „Seilschaften“ von Lehrern, Schulen und Behörden zum Tragen gekommen seien, sagt sie. Deshalb ärgere es sie, dass Bundesbildungsministerin Annette Schavan und Familienministerin Kristina Schröder nun mit den Lehrerverbänden sprechen wollten. „Das ist ungefähr so, als wenn sich die Kuh beim Fleischer beschwert. Die Ministerinnen sollten sich lieber mit den Opfern unterhalten.“

Sexuelle Übergriffe an Schulen gibt es offenbar mehr als vermutet. In einer Studie, für die das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen Tausende ehemalige Schüler befragt hat, gaben 8,6 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer an, in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein. Nur jedes zehnte Opfer wandte sich an die Polizei. Nach Angaben des Kriminologen Christian Pfeiffer sind Lehrer verhältnismäßig oft die Täter: „Noch häufiger als die eigenen Eltern sind es Erwachsene aus dem direkten Umfeld – etwa Lehrer.“
Wie viele Fälle sexuellen Missbrauchs es in den vergangenen Jahren an niedersächsischen Schulen gegeben hat, ist aber nirgendwo dokumentiert. „Fälle, bei denen Lehrer die Täter waren, sind uns nicht bekannt“, teilte eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage mit.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sieht trotzdem dringenden Handlungsbedarf. „Jetzt müssen sich endlich mal die Kultusminister der Länder darum kümmern – am besten noch im März“, sagt der Oberstudiendirektor, der das Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg bei Landshut leitet. „Nach dem Grundgesetz stehen alle Schulen unter der Aufsicht des Staates. Die Kultusminister müssen die Frage beantworten, warum private und kirchliche Internate hiervon bisher ausgenommen waren.“ Intensiv müsse erforscht werden, warum die Schulbehörde in den vielen Fällen nicht reagiert habe. „Wo war da der Knoten? Woher rührt die Verstopfung?“ Alle Kultusminister der Bundesländer sollten nach Ansicht des Verbandspräsidenten Sonderbeauftragte benennen, die dieser Frage nachgehen. Zugleich sollten „neutrale Anlaufstellen“ entstehen. „Für viele Missbrauchsopfer und deren Eltern ist die Schwelle einfach zu hoch, sich einem Staatsanwalt anzuvertrauen oder sich an den Schulträger zu wenden.“

Naheliegender wäre es für die Schüler, sich zunächst einmal an einen Beratungslehrer ihrer Schule zu wenden. Doch es ist nicht auszuschließen, dass Schüler, die von einem Lehrer missbraucht werden, gar keinem Lehrer mehr trauen. Kraus regt an, dass ergänzend zu den Vertrauenslehrern auch Elternbeiräte bestimmt werden, die an den Schulen ein offenes Ohr für bedrängte Schüler haben.

Dass vor allem Fälle bekannt werden, die bereits viele Jahre zurückliegen, werten viele Schulexperten indessen positiv. „Zum Glück haben wir die Zeit der sexuellen Verklemmtheit, wie sie noch in den sechziger Jahren prägend war, weitgehend überwunden“, sagt zum Beispiel der Leiter des Gymnasiums Walsrode, Johannes Klapper. „Heute wird offener über die Dinge gesprochen, sodass einfach nicht mehr so viel unter den Teppich gekehrt werden kann.“ Schon in den fünften und sechsten Klassen des Walsroder Gymnasiums stehe heute im Sexualkundeunterricht auch das Thema Missbrauch auf dem Lehrplan. Die Abschaffung und Ächtung der Prügelstrafe hat aus Sicht Klappers zudem dazu beigetragen, dass kein Lehrer seine sadistischen Neigungen mehr unter dem Deckmantel der Pädagogik ausleben kann.

Gleichwohl kranke das System daran, dass es viel zu wenig Schulpsychologen gebe. „Niedersachsen ist in dieser Hinsicht bundesweit Schlusslicht“, sagt der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW), Eberhardt Brandt. „Auf 3400 Schulen kommen knapp 50 Schulpsychologen, für 26 324 Schüler steht also nur ein Psychologe zur Verfügung – das reicht einfach nicht.“

Die Einschätzung deckt sich mit einer bundesweiten Vergleichsstudie der Universität Bielefeld, bei der die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen am besten abschnitten und unter den Flächenländern Bayern und Sachsen-Anhalt führend waren. Niedersachsen sei bestrebt, die Zahl der Schulpsychologen auf 70 zu erhöhen, teilte die Sprecherin im Ministerium von Elisabeth Heister-Neumann mit. „Das hängt aber ganz entscheidend von den Haushaltsberatungen ab.“

Eltern wie Kinder suchen Hilfe außerhalb der Schulen. „Heute kommen häufig Eltern mit dem Verdacht zu mir in die Sprechstunde, ihr Kind sei misshandelt worden“, sagt Thorsten Wygold. Ein Verdacht, den der hannoversche Kinderarzt oft widerlegen kann. Aber gerade bei Kindern ist Wachsamkeit mehr als angebracht: „Oft können sie die Unangemessenheit des Verhaltens von Erwachsenen nicht erkennen. Eltern, Lehrer und Erzieher sind für Kinder Überpersonen, deren Tun sie nicht infrage stellen – vielmehr geben sie sich für das ihnen zugefügte Leid oft selbst jahrelang die Schuld.“

Heinrich Thies, Dirk Schmaler
 und Marina Kormbaki

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