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Panorama Zahl der psychisch Kranken steigt
Nachrichten Panorama Zahl der psychisch Kranken steigt
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11:31 14.08.2010
„Ich hatte keine Beziehung mehr zu irgendwem“: Zwölf Prozent der Mädchen, 18 Prozent der Jungen in Deutschland haben bereits psychische Probleme.
„Ich hatte keine Beziehung mehr zu irgendwem“: Zwölf Prozent der Mädchen, 18 Prozent der Jungen in Deutschland haben bereits psychische Probleme. Quelle: dpa
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Zappelphilipp ist alt, uralt. 163 Jahre. Erfunden hat ihn Heinrich Hoffmann, der reimend empfahl, was zu tun ist, wenn der Jüngste partout nicht still sitzen will: „Also sprach im ernsten Ton der Papa zu seinem Sohn.“
Tilman Kaethner ist zwar nicht Neurologe wie Buchautor Hoffmann, sondern Kinderarzt. Die Zappelphilippe kennt er aber gut. Er hat sie tagtäglich in seiner Praxis in Nordenham sitzen. Kleine Jungs, die unaufmerksam sind, gestresst, unruhig, schnell erregbar. Er kennt auch die anderen: die Träumer, die unter Depressionen leiden. Oder die Guck-in-die-Lufts, die nicht richtig sprechen können. Er trifft sie immer häufiger. Sein Wartezimmer ist voll von ihnen. „Mit den schweren Kinderkrankheiten haben wir kaum noch etwas zu tun“, sagt Kaethner. Dank Impfungen, einer besseren Hygiene und guter Vorsorge. „Die Hälfte der Zeit beschäftigen wir uns mit psychosozialen Erkrankungen.“

Der Doktor ist nicht nur Arzt; er ist Erziehungsberater, kundiger Beobachter, Aufklärer – für Eltern, die überfordert sind, und für Kinder, die mit ihrer Umwelt nicht klarkommen.

Das, was Tilman Kaethner in seiner Praxis erlebt, ist in unzähligen Statistiken nachlesbar. Zwölf Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen gelten nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts bereits als verhaltensauffällig oder haben psychische Probleme. Und es trifft nicht nur Kinder und Jugendliche. Depression und Co. sind mittlerweile Volkskrankheiten. Die Krankenkassen sind alarmiert; die Politik ist aufgeschreckt.

Jahr für Jahr steigt die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme. Die Techniker Krankenkasse hat ausgerechnet, dass im Schnitt bei jeder fünften Erwerbsperson mindestens einmal im Jahr eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird. 36 Prozent der Frühverrentungen sind psychisch bedingt. In den Kliniken hat die Behandlung seelischer Probleme – gemessen an der Therapiedauer – den Herzpatienten bereits von Platz eins verdrängt. Die häufigsten Diagnosen für eine Einweisung sind laut Barmer GEK Depressionen, Schizophrenie und Verhaltensstörungen durch Alkoholsucht. Kein Wunder, dass die Kosten steigen. Rund 29 Milliarden Euro gaben die Krankenkassen 2008 für psychische Krankheiten aus, fünf Milliarden mehr als 2002.

Ob allerdings hinter all diesen Zahlen tatsächlich ein dramatischer Anstieg der Erkrankungen steht, ist umstritten. Hoffmanns Zappelphilipp ging nicht zum Arzt. Die Statistik könnte also auch dafür sprechen, dass Patienten heute ihre Niedergeschlagenheit dem Arzt eher offenbaren als früher. Das Bundesgesundheitsministerium stellte jüngst lapidar fest: „Es fehlen systematische wissenschaftliche Erkenntnisse über Gründe und Zunahme.“

Frank Jacobi, Diplom-Psychologe an der Technischen Universität Dresden, könnte in zwei Jahren eine Antwort geben. Seit 2009 arbeitet er mit seinen Mitarbeitern an einer bundesweit einmaligen Studie über die psychische Gesundheit in Deutschland. Auftraggeber ist das Robert-Koch-Institut, das derzeit eine große allgemeine Gesundheitserhebung aus dem Jahr 1998 aktualisiert und fortschreibt. 2012 sollen die Ergebnisse vorliegen. Jacobi hat natürlich eine Hypothese, oder besser zwei. Die erste wendet sich gegen die notorischen Skeptiker. Psychische Erkrankungen, sagt er, seien keine Erfindung der Pharmaindustrie oder der Ärzte. Die zweite richtet sich gegen die Dramatisierer. „Es geht nicht um eine Epidemie des 21. Jahrhunderts, aber der Behandlungsbedarf steigt.“

Für Jacobi gehören psychische Störungen mehr oder weniger zum Leben dazu. Jeder Zweite könne irgendwann betroffen sein. Jacobi glaubt aber auch, dass eigene seelische Probleme heute stärker wahrgenommen werden. „Die Menschen gehen eher zum Arzt, und der Arzt schreibt eher die Diagnose.“

Zudem gebe es neue Risikofaktoren. Dazu gehörten Arbeitsdichte und Arbeitsstrukturen, die für Menschen mit psychischen Störungen besonders belastend seien. „Dienstleistungsjobs, in denen man immer freundlich sein muss, sind für manche schwer durchzuhalten.“ Nach den Statistiken der Krankenkassen erkranken vor allem Mitarbeiter in Callcentern, Sozialarbeiter, Krankenpflegerinnen und in hohem Maße Zeitarbeiter. Aber auch unter Arbeitslosen steigt die Rate. Nicht nur Arbeit macht krank, auch ihr Verlust belastet. Die Familie verliere zunehmend ihre Bedeutung als Schutzraum, sagt Jacobi.

Kinderarzt ­Kaethner formuliert dies drastischer. „Viele junge Eltern sind heute erziehungsunfähig, weil sie selbst nicht mehr erzogen wurden.“ Er vermisst klare Regeln, in der Familie und in der Gesellschaft. Früher sei der Zappelphilipp nicht aufgefallen, weil ihm früh gezeigt wurde, was erlaubt ist und was nicht. „Heute versagt er in der Schule, weil er sich nicht konzentrieren kann, stört und mit den vielen Reizen in seiner Umgebung nicht klarkommt.“ Was Kaethner vor allem sorgt: Die Problemkinder, die in seiner Praxis sitzen, sind immer jünger. „Mittlerweile sind sie bereits im Kindergarten auffällig.“

Gibt es Hilfe? Der hannoversche Psychologe Heiner Melchinger verärgerte vor zwei Jahren die Psychotherapeuten, als er in einem Gutachten Fehlentwicklungen in der Versorgung beklagte. Viel Geld werde für teure Therapien leicht Erkrankter ausgegeben, während für die Basisversorgung wenig übrig bleibe, kritisierte Melchinger. Wer auf einen Therapieplatz lange warten könne, weil sein Problem nicht besonders akut ist, werde gut versorgt. Patienten mit Borderline, Schizophrenie oder Zwangserkrankungen hätten dagegen Mühe, Therapeuten zu finden. Jacobi wiederum hält die stationäre Versorgung in Deutschland für gut. Aber es gebe Hinweise auf eine Unterversorgung bei der psychosomatischen Grundversorgung – vor allem beim Angebot für Kinder und Jugendliche.

Die Grünen im Bundestag haben kürzlich das Gesundheitsministerium aufgefordert, zu berichten, wie die Regierung auf die Zunahme psychischer Erkrankungen reagieren wolle. „Das Versorgungssystem soll weiterentwickelt werden“, heißt es kurz und bündig in der Antwort. Der Dresdener Psychologe Jacobi warnt: „Man muss diese Entwicklung sehr ernst nehmen.“