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Panorama Zivi filmt und verhöhnt Demenzkranke
Nachrichten Panorama Zivi filmt und verhöhnt Demenzkranke
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12:00 23.10.2010
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Selbst vor Aufnahmen von Toten soll der 20-Jährige nicht zurückgeschreckt sein, teilte die Braunschweiger Polizei auf Nachfrage mit. Gegen den Wolfenbütteler ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Ob der junge Mann die Filme auch ins Internet gestellt hat, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sicher geklärt.

Der Zivildienstleistende habe während seiner Dienstzeit in der ersten Hälfte des Jahres alltägliche Situationen, etwa beim Mittagessen oder während persönlicher Gespräche mit Bewohnern, mit einer Handykamera festgehalten, berichtet Torsten Dendler, in der Braunschweiger AWO-Geschäftsführung verantwortlich für den Seniorenbereich. „Das fand er wohl irgendwie witzig.“ Pflegesituationen seien aber nicht gefilmt worden. „Insgesamt sind Aufnahmen bei vier bis fünf Bewohnern entstanden“, berichtet Dendler. Betroffene und Angehörige sind bereits über die Vorfälle informiert.

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Aufgeflogen ist der 20-Jährige, weil er kürzlich bei einem Besuch an alter Wirkungsstätte einem ehemaligen Arbeitskollegen die bearbeiteten Aufnahmen auf einer CD kommentarlos hinterlassen hatte. Der Mitarbeiter hatte daraufhin seine Vorgesetzten informiert. Die AWO erstattete umgehend Anzeige.

Die Braunschweiger Polizei prüft derzeit, ob das Filmmaterial im Internet veröffentlicht wurde. „Bislang konnten wir aber noch nichts finden“, sagt Sprecher Wolfgang Klages. Am Freitag wurden bei einer Hausdurchsuchung der Computer und zwei Fotohandys des Beschuldigten sichergestellt. Zu einer Aussage sei der junge Mann im Moment nicht bereit, sagt Klages. Nach Auskunft Dendlers habe die AWO allerdings inzwischen die schriftliche Zusage des 20-Jährigen, dass er die Bilder der Bewohner keinesfalls weiterverbreiten werde.

Dem ehemaligen Zivildienstleistenden droht nun ein Verfahren wegen Beleidigung, übler Nachrede und Störung der Totenruhe. Im Pflegeheim selbst hat man unterdessen damit begonnen, die Vorfälle aufzuklären. So untersucht die AWO derzeit, ob einzelne Mitarbeiter von den Aufnahmen möglicherweise gewusst haben. „Die Angestellten erzählen, dass der Beschuldigte häufig mit dem Handy herumhantiert habe“, berichtet Dendler. Dass er aber die Hilflosigkeit der Demenzkranken so gnadenlos ausgenutzt habe, habe niemand mitbekommen.

Schock und Wut über das Geschehene säßen bei allen tief, sagt der Seniorenbereichsleiter. Inzwischen hat der Wohlfahrtsverband bei der Heimaufsicht Selbstanzeige erstattet. „Wir haben nichts zu verbergen. Uns geht es jetzt in dieser Situation um die größtmögliche Offenheit“, sagt Dendler. So etwas dürfe nie wieder passieren.

Stephan Fuhrer