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Panorama Zweitausendunglück? – die wilde (20)13
Nachrichten Panorama Zweitausendunglück? – die wilde (20)13
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19:35 30.12.2012
Von Johanna Di Blasi
Woher kommt die Angst vor dieser Zahl? Die 13 hat es nicht leicht.
Woher kommt die Angst vor dieser Zahl? Die 13 hat es nicht leicht. Quelle: dpa
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Hannover

Was wirklich zählt“, sagte der Physiker Albert Einstein, „ist Intuition.“ Die Intuition sagt vielen Menschen, 2013 könnte ein verflixtes Jahr werden. Immerhin gilt die 13 als ausgesprochene Pechnummer und Beinbruchzahl, als Hexenziffer (13 Hexen ergeben einen Hexenkreis) und Unglücksfeenzahl (die 13. Fee im Dornröschen-Märchen ist eine böse Tante) oder zumindest als chaotisch, unberechenbar und anarchisch (die „Wilde 13“ in Michael Endes „Jim Knopf“).

Auf jeden Fall blicken Triskaidekaphobe - so heißen Leute mit krankhafter Angst vor der 13 - sorgenvoll den kommenden zwölf Monaten entgegen. Nichts kann solche Menschen dazu verleiten, in 13. Etagen in Zimmern mit der Nummer 13 zu nächtigen oder in Flugzeugen in der 13. Reihe zu sitzen, sollte es die 13. Reihe überhaupt geben. Eingefleischte Triskaidekaphobe bleiben an 13. im Bett. Ein ganzes Jahr über aber dürfte das schwer durchzuhalten sein.

Einen offensiven Umgang mit dem bevorstehenden Jahr empfiehlt der Getränkekonzern Campari in seinem Kalender für 2013. Auf 13 Seiten posiert die spanische Filmdiva Penélope Cruz in campariroten Designerkleidern als Edelhexe, der kein fauler Zauber etwas anhaben kann. Im Spielkasino setzt sie konsequent auf die 13 - und zwar alles; schwarze Katzen laufen ihr gleich dutzendweise über den Weg, und Spiegel scheint die Filmdiva absichtlich zu zerbrechen.

Bob Kunze-Concewitz, der Campari-Vorsitzende, erklärte: „In unserem neuen Kalender wollten wir darstellen, dass mit genügend Selbstvertrauen alles zu schaffen ist und dass man sich von abergläubischen Ideen nicht beeindrucken lassen darf.“ Viele Leute aber lassen sich doch beeindrucken, und sei es nur ein klein wenig. In den modernsten Gesellschaften gedeiht unterschwellig Humbug, und die aufgeklärtesten Menschen erliegen der Zahlenmagie.

Der Philosophiehistoriker Wilhelm Schmidt-Biggemann von der Freien Universität Berlin ist überzeugt davon, dass Zahlen einen Einfluss auf persönliche Schicksale haben. Dass an angeblichen Unglückstagen mehr Unfälle passieren würden als an anderen Tagen, hätten Statistiken aber widerlegt, sagt der Forscher. Die Faszination von Zahlen und Codes lebt laut Schmidt-Biggemann von einer Dialektik aus Rationalität und Irrationalität: „Zahlen erscheinen uns als absolut rational, und doch erwartet man etwas Rätselhaftes.“

1913: Weltkrieg und Ecstasy

Blickt man 100 Jahre zurück, stößt man auf das relativ beschauliche Jahr 1913, das gleichwohl die Vorstufe für das Weltkriegsausbruchsjahr bildete. Florian Illies hat dem Jahr 1913, in dem Ecstasy patentiert wurde, Prada in Mailand die erste Boutique aufmachte und in Essen der Prototyp des Aldi-Supermarktes aufsperrte, ein Buch gewidmet. Schaut man 200 Jahre zurück, gerät das Völkerschlachtjahr in den Blick.

Eine halbe Million Soldaten standen einander bei Leipzig in einer der bis dato verbissensten und blutigsten Schlachten gegenüber. Napoleon soll eine ausgesprochene Abneigung gegen die 13 gehabt haben und an 13. keine Schlachttermine angesetzt haben. Die Völkerschlacht von 1813 besiegelt das Ende seiner Herrschaft in Europa - und bestätigte wahrscheinlich Napoleons Abneigung gegen die 13.

Woher kommt die Angst vor dieser Zahl? Für den vermeintlichen Unglücks-charakter der 13 gibt es mehrere Erklärungen. Das Tarotspiel wird als ein möglicher Ursprung angeführt. Die 13. Karte im Tarot ist der „Tod“. Auch der Tag der Gefangennahme der Tempelritter in Frankreich am 13. Oktober 1307 („schwarzer Freitag“) taucht als Erklärung auf, und der Verweis auf die Abendmahlsgesellschaft, mit dem Verräter Judas als 13. Mann am Tisch.

Christliche Gemeinschaften hatten indes lange Zeit kein Problem mit der 13. Eine Reihe von Klöstern wurde von zwölf Mönchen plus einem Abt gegründet. Die religiösen Brüder ängstigten sich nicht, wenn im Refektorium 13 Löffel klapperten. Im säkularen 19. Jahrhundert aber, als der christliche Glaube zunehmend verblasst war, tauchte auf einmal das Hirngespinst auf, wenn 13 zusammensäßen, müsse einer binnen Jahresfrist sterben. Der Künstler Salvador Dalí holte fremde Leute von der Straße, um nicht mit 13 Menschen speisen zu müssen.

Eine typische „Self-fulfilling prophecy“

Der 13er-Aberglaube sei ursprünglich vor allem im Kontext von Tischgesellschaften aufgetaucht, schreiben Holm Friebe und Philipp Albers in ihrem Buch „Was Sie schon immer über 6 wissen wollten“. Die beiden Autoren sind der Ansicht, dass die 13 als „Unglück verheißende Schreckenszahl“ ihre beste Zeit hinter sich habe. Die angeblich Unheil stiftende Zahl sei eine moderne „Urban Legend“ und typische „Self-fulfilling prophecy“.

Kulturhistoriker wie Nathanael Lachenmeyer oder Eric Hobsbawm haben nachgewiesen, dass es sich bei der prominentesten Pechziffer der Gegenwart um eine „erfundene Tradition“ handelt. Tatsächlich sind keine Belege der 13er-Phobie vor dem säkularen 19. Jahrhundert bekannt. Es waren literarische Quellen wie der Roman des Börsenbrokers Thomas W. Lawson („Fridway the Thirteenth“) und Filme, die die Verbreitung des inzwischen globalen Aberglaubens bewirkten.

Bereits im 19. Jahrhundert entwickelte sich in New York eine Gegenbewegung. Der legendäre „Thirteen Club“, in dem auch US-Präsidenten saßen, bewies aller Welt, dass in der Regel gar nichts passiert, wenn 13 an einem 13. Tag des Monats an einem Tisch sitzen und Salz verstreuen, auf Holz klopfen oder auf Hufeisen spucken. Und so wird es, wenn die Intuition nicht trügt, auch 2013 sein.