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Deutschland / Welt Afghanistan, noch einmal
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19:38 11.12.2013
Von Klaus von der Brelie
Bundeswehrtraining der 21. Panzerbrigade auf dem Truppenuebungsplatz Altmark, Sachsen Anhalt. Verhalten bei Ansprengung einer IED im Konvoi, sowie Verhalten bei Hinterhalt Quelle: Alexander Körner
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Letzlingen/Hannover

Es regnet fast ununterbrochen. Kälte und Wind werden von Stunde zu Stunde unangenehmer. Die Wege sind aufgeweicht. Wer hinter einem Erdwall oder in einer Mulde Schutz sucht, muss aufpassen, dass er nicht in eine Pfütze springt. Das Gefechtsübungszentrum (GÜZ) der Bundeswehr bei Letzlingen in der Altmark verlangt seinen Nutzern in diesem Herbst eine Menge ab. Triefende Nasen und kalte Füße setzen den Soldaten tagelang zu.

Dennoch sind die Grenadiere der 1.Panzerdivision offensichtlich recht gern in dem weitläufigen Trainingsgelände unterwegs. Hier werden sie von erfahrenen Ausbildern fit gemacht für den Einsatz im kommenden Jahr in Afghanistan. Auch wenn sich das Landschaftsbild zwischen Magdeburg und Stendal sehr deutlich unterscheidet von der Gebirgswelt am Hindukusch – im GÜZ sind dieselben Risiken versteckt wie im Norden Afghanistans. Heckenschützen zum Beispiel. In der Altmark allerdings wird  nicht scharf geschossen, und bei den am Wegesrand versteckten Sprengladungen handelt es sich um Pyrotechnik aus Styropor. Das ist garantiert.

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Ein langer Konvoi rollt heran, moderne Radpanzer und extrem stark geschützte Fahrzeuge folgen einander wie Perlen auf einer Kette. Die Trainer, die jeden einzelnen Soldaten und jedes Fahrzeug mithilfe von Satelliten elektronisch überwachen, haben an diesem Tag das Thema „Hinterhalt“ auf den Ausbildungsplan gesetzt. Doch die Grenadiere ahnen nicht, was an welcher Stelle auf sie zukommt. Sie wissen nur, wie sie sich in einer brenzligen, ja lebensgefährlichen Situation zu verhalten haben. Theoretisch. Heute kommt es darauf an, das im soldatischen Drill Gelernte in der Praxis richtig und manchmal gleichzeitig anzuwenden: Angriff, Verteidigung, Erstversorgung von Verwundeten zum Beispiel.

Es knallt, Rauch steigt auf. „Wir sind angesprengt worden“, meldet der Fahrer des ersten Panzers der Kolonne per Funk an die Einsatzleitung im Hauptquartier. Es folgen schnell viele Befehle an die übrigen Konvoiteilnehmer. Mit Maschinengewehrfeuer und anderen Waffen werden die schnell aufgespürten Angreifer zurückgedrängt. Während die Rundumsicherung noch aufgebaut wird, beginnen Rettungsanitäter mit der Bergung und Versorgung der bei der Explosion verwundeten Soldaten.

Alles spielt sich auf klitschnassem Terrain ab, alles wird von kritischen „Schiedsrichtern“ beobachtet. Jeder Fehler wird penibel dokumentiert, damit bei der „Manöverkritik“ in allen Einzelheiten erörtert werden kann, was nicht so gut gelaufen ist. „Die Soldaten sollen hier lernen, wie sie sich im Gefecht richtig verhalten und welche Fehler sie vermeiden müssen“, sagt ein Oberfeldwebel von der Übungsleitung, der eigene Erfahrungen in Afghanistan gesammelt hat und seine Kameraden gern davon profitieren lassen möchte.

Nach einigen weiteren Funksprüchen treffen Sanitätsfahrzeuge ein. Die „Verwundeten“, inzwischen notdürftig verbunden und mit Schmerzmitteln versorgt, werden nach vielen Minuten im kalten Gras auf eine Trage gehoben und zu gepanzerten Rettungsautos gebracht. Von den Trainern kommt der Befehl „Übungsunterbrechung“. sie ziehen sich mit den Grenadieren zurück. Am Nachmittag folgt die nächste Ausbildungseinheit. Dieses Mal ist der Hinterhalt noch perfider angelegt. Der Konvoi wird von allen Seiten unter Feuer genommen. „360-Grad-Verteidigung“, heißt jetzt die Herausforderung für die Soldaten aus Augustdorf, die zwei lange Wochen im GÜZ auf die Probe gestellt werden.

Was in der Altmark auf den ersten Blick wie ein in der Landschaft inszeniertes Computerspiel à la „battle field“ aussieht, kann schon im Januar bittere Realität für die Angehörigen der 1. Panzerdivision werden. „Wir werden als NRU (Northern Reaction Unit) in Masar-i-Scharif eingesetzt“, sagt Oberstleutnant Mathias Ehbrecht. Mit bis zu 500 Soldaten, aufgeteilt in vier Kompanien, soll er afghanischen Sicherheitskräften zu Hilfe kommen, wenn sie von Aufständischen angegriffen werden oder auf andere Unterstützung angewiesen sind.

Sechs Monate werden Ehbrecht und die meisten seiner Soldaten in Nordafghanistan bleiben, dann, im Sommer, sollen sie von Kameraden aus Munster (Heidekreis) abgelöst werden. Im Dezember 2014 endet die Arbeit der Nato-geführten Schutztruppe Isaf. Was folgt, ist offen. Die 1. Panzerdivision mit Sitz in Hannover ist der letzte deutsche Großverband, der an dem Kampfeinsatz in Afghanistan teilnimmt.

Viele Soldaten, die Mitte Januar in Hannover ins Flugzeug steigen und über Termez in Usbekistan nach Masar-i-Scharif verlegt werden, waren schon mehrfach im Isaf-Einsatz. Einige haben in den vergangenen zehn Jahren sogar sechsmal die khakifarbene Wüstenuniform in Afghanistan getragen.

Aber das hat bei der neuerlichen Einsatzvorbereitung offenbar keine besondere Rolle gespielt. Die hohen Anforderungen an die Männer und Frauen sind geblieben. „Wir haben jetzt sieben Übungsplatzaufenthalte hinter uns. Das war eine harte Zeit für uns und unsere Familien“, sagt Hauptfeldwebel Dirk M., „aber jetzt haben wir die Gewissheit, dass wir gut ausgebildet sind.“

Die Ausrüstung der Grenadiere, die nach Afghanistan geschickt werden, ist kontinuierlich verbessert worden. Einige von ihnen zeigen ihr High-tech-Equipment. Splitterschutzwesten und Helme sind längst nicht mehr so schwer wie früher, bieten aber dennoch mehr Sicherheit. Die Führungskräfte arbeiten in jeder Lage mit Tablet-PCs, egal ob im Panzer oder im freien Gelände. Die Funkgeräte sind auf dem neuesten Stand der Technik. Die Gefechtsfahrzeuge bieten den bestmöglichen Schutz gegen Beschuss und Sprengsätze, die von den Taliban verwendet werden.

„Wenn wir das alles schon vor fünf Jahren gehabt hätten“, sagt ein junger Offizier, „wäre uns vermutlich einiges erspart geblieben.“ Deutlicher will er sich nicht ausdrücken, er ist schon öfter im Auslandseinsatz gewesen, deshalb sagt er nur: „Ich weiß, wovon ich rede.“
Hinter vorgehaltener Hand geben die Soldaten vom Panzergrenadierbataillon 212 zu erkennen, dass sie das Ende der Afghanistan-Mission herbeisehnen.

„Wir haben viele afghanische Soldaten ausgebildet“, sagt ein junger Hauptmann, „damit wurde die Basis geschaffen, auf der sie jetzt aufbauen können.“ Und weil die deutschen Feldlager in den Krisengebieten Feisabad und Kundus längst aufgegeben sind, hoffen viele Bundeswehrangehörige, dass das nächste Jahr in Masar-i-Scharif für sie relativ ruhig verlaufen wird. Aber ganz sicher sind sie sich da nicht.
„Der Rückzug“, sagt ein Bataillonskommandeur, „birgt immer ein hohes Risiko.“

11.12.2013
11.12.2013