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Deutschland / Welt 1968 in Prag: Freiheit für ein halbes Jahr
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12:17 19.08.2018
Nach dem Einmarsch: Protestierer umringen im August 1968 in der Innenstadt von Prag sowjetische Panzer und stehen auf umgekippten Militärfahrzeugen. Quelle: Foto: Libor Hajsky/dpa
Prag/Berlin.

In der Nacht zum 21. August 1968 war der Traum zu Ende. Eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts besetzten das Bruderland Tschechoslowakei. Sie beendeten den Prager Frühling, ein gutes halbes Jahr voller Freiheiten und Hoffnungen mitten im sonst oft so grauen Ostblock. Vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ haben sie geträumt, von der Vorstellung eines kommunistischen Staates ohne Geheimpolizei, mit Meinungsfreiheit, vielleicht sogar mit Mehrparteiensystem. Was also blieb nach diesem Einmarsch in Prag am 21. August vom 1968 des Ostens, vor nunmehr 50 Jahren?

Für den damals 17-jährigen Ost-Berliner Toni Krahl endete an diesem Tag eine linientreue Jugend in einer SED-Funktionärsfamilie. Für die damals zehnjährige Milena Bartlová begann eine Zeit der Entwurzelung, die bis heute anhält. Beide hat der Prager Frühling ein Leben lang geprägt. Ohne die Nächte auf dem Prager Wenzelsplatz, in denen sich der langhaarige Oberschüler Krahl mit gleichgesinnten Jugendlichen aus dem Westen verbrüderte, wäre aus ihm nicht der spätere City-Musiker und Rockstar der DDR geworden.

„Dann wäre ich irgendwo ein unglücklicher Wirtschaftssekretär geworden“: City-Sänger Toni Krahl in seiner Wohnung in Berlin. Quelle: Jacqueline SchulzJacqueline Schulz

Milena Bartlová hingegen war die Tochter zweier prominenter Akteure des Prager Frühlings: Ihr Vater Zdenek Mlynár war maßgeblicher Autor des politischen Aktionsprogramms der Reformkommunisten und Redenschreiber von Alexander Dubcek, jenem starken Mann der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSC), der die freiheitlichen Reformen durchsetzte. Ihre Mutter, die Ökonomin Rita Klimová, schrieb zusammen mit Ota Sik und anderen am Wirtschaftsprogramm, dem heikelsten Teil des Reformprojekts. „Sie versuchten, die sozialistische Wirtschaft und den freien Markt zusammenzubringen. Sie hatten an das jugoslawische Beispiel der belegschaftsgeführten Fabriken gedacht. Aber sie waren noch nicht fertig mit ihren Gedanken“, sagt Bartlová heute.

Die 60-Jährige ist Professorin für Kunstgeschichte, sie wohnt in einem ruhigen Viertel der tschechischen Hauptstadt. Doch ruhig ist sie keineswegs: Sie versucht nach wie vor, linke Politik zu machen. Das ist ein mühsames Geschäft in einem Land, in dem das politische Spek­trum fast komplett von Rechten und Populisten beherrscht wird. Im vergangenen Jahr kandidierte sie auf der Liste der tschechischen Grünen fürs Parlament. Bartlová kennt die Politik seit frühester Kindheit. Sie wuchs in einem Haus auf, in dem fast ununterbrochen über Politik diskutiert wurde. „1968 wurde es dann immer intensiver“, erinnert sie sich. „Dauernd hatten wir Gäste, sie tranken viel, rauchten viel und redeten viel – immer bis spät in die Nacht.“ Das Haus brummte, das ganze Land brummte. „Der Enthusiasmus, die Euphorie wurden immer intensiver“, sagt Bartlová. Alles schien möglich. Und das mitten im Sozialismus.

Die neuen Zustände im Ostblock zogen Enthusiasten aus ganz Europa an – auch Toni Krahls Ost-Berliner Clique. Hier konnten sie Zeitschriften lesen und Platten hören, die es zu Hause in der DDR nicht geben durfte – und die ihnen von den DDR-Grenzern einkassiert wurden, wenn sie sie nach Hause schmuggeln wollten. Bei Krahl und seinen Freunden waren es nur die Zeitschriften, für die Platten fehlte ihnen schlicht das Geld. Für Krahl war Prag ohnehin eine Sehnsuchtsstadt – seine Eltern, beides jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, lernten sich dort im Exil kennen und lieben, später gingen sie zusammen nach England. „Ohne Prag hätte es mich nicht gegeben“, sagt Krahl – nicht ihn und nicht seine Karriere. „Die Geschichten aus Prag ersetzen bei uns zu Hause die Familiengeschichten, die uns fehlten, weil so viele Verwandte in den Lagern der Nazis umgebracht worden waren.“

„Man konnte das stalinistische System nicht umkrempeln“: Milena Bartlová hat den Prager Frühling als Kind erlebt. Quelle: sternberg

Bartlovás Vater Zdenek Mlynár gehörte zusammen mit KPC-Generalsekretär Dubcek zu denjenigen, die den Prozess steuern und kanalisieren wollten, so gut es ging. Die Debatten um Freiheit und Mitbestimmung aber waren nicht mehr zu stoppen. Beide hatten in Moskau studiert, beide wussten genau, wie die Sowjets ticken. Sie glaubten lange, Moskau durch strategische Zugeständnisse hinhalten zu können. Doch was in Prag passierte, war zu gefährlich. Schon wurde in den Zeitschriften die führende Rolle der kommunistischen Einheitspartei infrage gestellt. Mlynár versuchte zu bremsen, doch wie sollte das gehen in diesem wilden Jahr?

„Der Prager Frühling befreite die Gesellschaft von der Angst“, schreibt Mlynár in seinem Buch „Nachtfrost“, „und das war keine Illusion, sondern eine Realität für die gesamte Bevölkerung. Dazu war es nämlich gar nicht nötig, eine dauerhafte, stabile Veränderung des politischen Systems herbeizuführen. Es genügte eine Erschütterung der Machtstrukturen, die zu Veränderungen in wenigen Schlüsselstellungen führte, um den Rest des totalitären Mechanismus eine Zeit lang zu lähmen, durch Unsicherheit zu paralysieren.“ Doch je freier die Debatte wurde, desto stärker glaubten die Hardliner in Prag und Moskau und in den anderen Satellitenstaaten wie Ost-Berlin, Warschau und Sofia, dass dem Spuk ein Ende bereitet werden musste. Sie fürchteten den Kontrollverlust.

Die Presse in der Tschechoslowakei aber war von Dubcek freigelassen worden und traute sich immer mehr. Am 27. Juni 1968 erschien das „Manifest der 2000 Worte“ des Schriftstellers Ludvik Vaculik zeitgleich in vier Tageszeitungen und einer Literaturzeitschrift. Vaculik übte scharfe Kritik an den Kommunisten und rief zur Unterstützung der Reformer auf. Neu an dem Manifest war das Selbstbewusstsein, mit dem es geschrieben war. Die Kommunisten sollten dem Volk verantwortlich sein, der Souverän wollte seine Macht zurück.

Zdenek Mlynár (rechts) war als Redenschreiber von KP-Chef Alexander Dubcek (links) einer der führenden Köpfe des Prager Frühlings. Quelle: CTKCTK

Doch es enthielt auch eine Warnung, eine Vorahnung. „Unsere lieben Gegner“, schreibt Vaculik, „werden den Sommer nutzen, um die Verhältnisse zurückzudrehen.“

So kam es. Der Einmarsch fiel mitten in die Sommerferien. Die Truppen des Warschauer Paktes marschierten in die Tschechoslowakei ein und bereiteten der Reformbewegung ein blutiges Ende. Alexander Dubcek wurde verhaftet und unterzeichnete schließlich mit seinen Mitstreitern das „Moskauer Protokoll“, das fast alle Reformen rückgängig machte.

Den Teenager Toni Krahl verleiteten die Panzer in Prag zu seiner ersten, naiven politischen Aktion. Am Tag nach dem Einmarsch protestierte er mit ein paar Gleichgesinnten vor der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin. Krahl wurde verhaftet, saß 100 Tage im Gefängnis. Sein Vater, leitender Redakteur beim SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“, wurde wegen der Abwege seines Sohnes ins Archiv strafversetzt. Im Gegensatz zum Rest der linientreuen Familie nahm er es seinem Sohn nie übel.

„Niemand passte mehr auf uns auf“

Für Milena Bartlová begann zeitgleich zur Niederschlagung des Prager Frühlings eine kurze, atemlose Phase kindlicher Freiheit. Ihre Mutter, ihr zweijähriger Bruder und sie waren aufs Land gefahren. Die Mutter eilte nach Prag zurück, packte die Sachen fürs Exil – sie sprach hervorragend Englisch und konnte in Glasgow an der Uni unterkommen. Alle anderen Erwachsenen verfolgten die Nachrichten des Einmarschs gebannt vor dem Fernseher. Auf der Landstraße waren Militärkolonnen zu sehen. „Niemand passte mehr auf uns auf“, erinnert sich Bartlová. Dann kam ihre Mutter zurück, packte die Kinder in ihren Wartburg und fuhr mit ihnen quer durch Westeuropa. Drei Monate saß die zehnjährige Bartlová in Glasgow und passte auf ihren kleinen Bruder auf. Dann entschied ihre Mutter: Wir kehren zurück. Viele andere taten das nicht. Fast 100 000 Tschechen und Slowaken verließen nach dem Einmarsch das Land.

Auch Zdenek Mlynár ging ins Exil, nach Wien, wenn auch erst zehn Jahre später. Im November 1968 trat er aus dem Zentralkomitee zurück und arbeitete fortan in der Insektenabteilung des Nationalmuseums. „Plötzlich war er arm“, erinnert sich seine Tochter, „er trug noch zehn Jahre später die Anzüge aus der Zeit im Zentralkomitee.“ Nach der Revolution 1989 kam Mlynár zurück, immer noch Reformkommunist. Sein „Linksblock“ sammelte 1,4 Prozent der Stimmen bei der Wahl 1990 ein. Es war der Endpunkt seines politischen Einflusses.

Toni Krahl: „Wir wollten Freiheit“

„Man konnte das stalinistische System nicht umkrempeln“, sagt Milena Bartlová heute. Aber was bleibt dann? „Die Philosophie der 60er-Jahre“, sagt sie. Die freien Gedanken eines freien Sommers. Etwa, wie es Ludvik Vaculik in seinem „Manifest der 2000 Worte“ formulierte, dass auch die Wirtschaft Rechenschaft darüber ablegen muss, wie viel sie einnimmt und wie der Reichtum verteilt wird.

Toni Krahl aber wunderte sich nur über die Westeuropäer, mit denen er nächtelang friedensbewegte Lieder auf dem Wenzelsplatz sang. „We Shall Overcome“ und „If I Had a Hammer“, darauf konnte man sich einigen. Doch wenn die Westdeutschen und Franzosen vom Sozialismus zu schwärmen begannen, dachte Krahl sich seinen Teil. „Wir wollten Freiheit“, sagt er heute. „Und, wenn wir darüber nachgedacht hätten, so etwas wie Marktwirtschaft.“ Freiheit immerhin gab es genug im Frühjahr 1968 in Prag. Und auch seinen 100 Tagen Unfreiheit kann Krahl im Nachhinein etwas Gutes abgewinnen. „Sonst hätte mein Vater schon dafür gesorgt, dass ich studiere und eine DDR-Karriere gemacht hätte. Dann wäre ich irgendwo ein unglücklicher Wirtschaftssekretär geworden.“ So war der Weg frei für Krahls Weg zum Rockstar mit City – auch das eine Folge des 1968 des Ostens.

Von Jan Sternberg

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