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Deutschland / Welt Abschied vom Führungsstil Adenauers
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22:28 23.06.2014
Von Dieter Wonka
Zwei Partei-Patriarchen: Konrad Adenauer (r.), Franz Josef Strauß. Quelle: Kurt Rohwedder
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Berlin

Als Konrad Adenauer noch den Ton in der CDU angab, hätte einer wie Peter Tauber mit seinen Ideen einer umfassenden Parteireform wohl keinerlei Chance gehabt. Der Patriarch Adenauer umschrieb das Wirken der Führung in der Union gern mit dem klaren Satz: „Ich bin diktatorisch, nur mit stark demokratischem Einschlag.“ Heute macht sich der amtierende Generalsekretär Tauber, im Auftrag seiner Vorsitzenden Angela Merkel, ernsthaft Gedanken über den Fortbestand der CDU als mitgliederstarker Partei. Zu der war sie übrigens erst geworden, nachdem Adenauer als CDU-Vorsitzender schon nicht mehr im Amt gewesen war.

„Was muss sich ändern, damit die Union bei der Bundestagswahl 2017 mindestens so erfolgreich sein kann wie 2013?“, steht als zentrale Aufgabe vor der angeschobenen Parteireform. Bei den jüngsten Wahlen hat die Union erneut in den Großstädten an Einfluss verloren, in den Bundesländern gibt es nur noch sechs Unions-Ministerpräsidenten. Die eigene Mitgliedschaft ist überaltert und stark von Männern dominiert. Monatlich schrumpft die Mitgliederzahl (derzeit rund 467 000) um 500 bis 1000.

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Mit gesonderten Arbeitsgruppen unter Leitung der Vizevorsitzenden Julia Klöckner (Mainz), Thomas Strobl (Stuttgart) und Armin Laschet (Düsseldorf) sollen bis Oktober 2015 neue Schwerpunkte und moderne Formen der Mitarbeit für die Bereiche gesellschaftliches Zusammenleben und Familie, Verbraucherschutz und Nachhaltigkeit sowie Arbeit und Soziales erörtert werden. Weil rund ein Viertel der neuen Mitglieder Kontakt zur CDU über das Internet findet, dürfen auch Gremien- und Gruppentreffen im Netzkontakt miteinander kommunizieren. Praktiken, wie sie bei den Piraten längst gang und gäbe sind. Bei der jüngsten Bundestagswahl habe die Union in fast allen gesellschaftlichen Gruppen die Mehrheit hinter sich gebracht, „aber das spiegelt sich so leider nicht mehr in der CDU wider“, resümiert Tauber. Die Organisation der Partei leide darunter, dass sie zu wenig Frauen, zu wenig Migranten und zu wenig junge Leute an sich binden könne.

Von den Spitzengremien der Partei nicht diskutiert, aber von Tauber zuvor schlagzeilenträchtig in die Diskussion eingeführt, steht die Frage einer Urwahl des nächsten Kanzlerkandidaten im Raum. Tauber sieht dieses Thema „heute nicht auf der Liste der zehn wichtigsten Thesen zur Parteireform“. Drei Viertel der CDU-Mitglieder sind derzeit Männer. Im Altersdurchschnitt liegt die CDU bei knapp 59 Jahren, das sind 13 Jahre mehr als der allgemeine Altersdurchschnitt in der Bundesrepublik. Mit einem offenen Themendialog ohne bindenden Leitantrag durch den Vorstand will die CDU bereits ihren Kölner Bundesparteitag im Dezember als Musterbeispiel einer umfassenden Debattenpartei inszenieren. Schon damit will man den Grundstock für die 2017 anstehende zentrale Herausforderung legen, die Tauber als Generalmanager des nächsten Bundestagswahlkampfes mit einem klaren Anforderungsprofil beschreibt: „Unsere Struktur als Mitgliederpartei muss so bleiben, dass wir 2017 noch immer genügend Leute vor Ort haben, die rausfahren und Plakate kleben.“

Die Rheinland-Pfälzerin Julia Klöckner, ein Verbindungsglied der Führung zur jüngeren Generation, schließt eine Idee nicht aus, die bei Borussia Dortmund angewendet wird: eine Familienmitgliedschaft. Warum solle man nicht einen Familienmitgliedsbeitrag ermöglichen, der es allen Angehörigen erlaube, bei der CDU mitentscheidend aktiv zu werden? Darüber will die Union „offen und vorurteilsfrei diskutieren“.

„Wir brauchen Offenheit und Neugierde“

Jens Spahn, Gesundheitsexperte der CDU/CSU-
Fraktion im Deutschen Bundestag im Interview:

Herr Spahn, wie weit darf das revolutionäre Gefühl einer Basismitbestimmung gehen?
So revolutionär ist das alles gar nicht mehr. Basisbefragungen zu Spitzenkandidaten gab es schon häufiger, vor zehn Jahren beispielsweise in Baden-Württemberg. Es geht vielmehr darum zu zeigen, dass es sich lohnt, in einer Partei mitzuarbeiten und nicht nur Einzelinteressen im Blick zu haben. Dazu braucht es Offenheit und Neugierde sowie niedrigschwellige Angebote für Anhänger und Interessierte. Der Besuch des ersten Ortsparteitages ist für manches Neumitglied jedenfalls eher abtörnend.

Kann die Spitzenkandidaten-Urwahl erst nach Merkels Amtszeit stattfinden?
Eine Urwahl des Spitzenkandidaten ist in Zeiten des Umbruchs sinnvoll, vor allem, wenn es mehrere Kandidaten gibt. Das kann den Prozess befrieden und macht es spannend. Mit einer erfolgreichen Bundeskanzlerin an der Spitze wäre eine Urwahl aber absurd, das ist ja kein Selbstzweck.

Ist die Parteireform auch das totale Aus für die konservative Geborgenheit?
Im Gegenteil. Geborgenheit heißt, sich in der Partei auch emotional wohl und dazugehörig zu fühlen. Das wollen unsere Mitglieder in Zukunft so wie früher. Die CDU ist ja kein reines Zweckbündnis. Unsere Mitglieder, auch die älteren, leben und kommunizieren 2014 anders als 1984. Es braucht mehr digitale Angebote, die Bereitschaft zur kontroversen Diskussion auf allen Ebenen und auch eine Selbstvergewisserung im Grundsätzlichen: Wofür stehen eigentlich das „C“, das „D“ oder das „U“ heute?