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Deutschland / Welt Ärzte kassieren Kopfprämien für Einweisung von Patienten
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Ärzte kassieren Kopfprämien für Einweisung von Patienten
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00:12 03.09.2009
Die Überweisung von Patienten lassen sich Ärzte zum Teil mit Kopfprämien bezahlen. Quelle: ddp
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Wer ist Opfer, wer ist Täter? Zwischen Ärzten und Krankenhäusern ist ein heftiger Streit über verdeckte Prämienzahlungen an niedergelassene Ärzte entbrannt. Anlass ist ein Alarmruf der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), die den zunehmenden „Verkauf“ von Patienten an Krankenhäuser kritisiert. Die Einweisungspauschale sei längst Realität. Nach Auskunft von Branchenkennern geht es um Beträge von 80 bis 800 Euro, die Ärzte unter der Hand von Kliniken für die Überweisung eines Patienten kassieren. Ein Sprecher des Klinikums Hannover erklärte gestern, Kopfprämien dieser Art seien nicht tolerabel.

Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, schätzt, dass sich mittlerweile etwa jede dritte Überweisung in eine Klinik in einem „Graubereich“ bewege. In der Tageszeitung „Die Welt“ warf er den Kliniken indirekt „Bestechung“ vor. Die Verantwortung für solche Absprachen liege „in erster Linie“ bei den Krankenhäusern. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Rudolf Kösters, kritisierte dagegen, dass sich vor allem niedergelassene Ärzte immer häufiger im Verbund organisierten und den Kliniken Forderungen stellten. In Schreiben an Kliniken heiße es andeutungsvoll: „Wir müssen über die zukünftige Zusammenarbeit sprechen.“ Die Geldforderung werde dann häufig als Entlohnung für eine Leistung, zum Beispiel in der Vordiagnostik, kaschiert.

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Kösters schätzt, dass für etwa fünf Prozent aller Einweisungen bezahlt werde. Nach Angaben eines Branchenkenners gibt es nur noch wenige Disziplinen, in denen Kopfprämien keine Rolle spielten. Besonders „anfällig“ seien die Geburtshilfe, die Kardiologie und die Unfallprothetik. Das Paradoxe sei, dass diese illegale Praxis durch den guten Ansatz einer integrierten Versorgung befördert wurde. Mit Versorgungsverträgen soll eine Kooperation zwischen Klinik und Praxis verbessert werden. Statt erbrachte Leistungen zu vergüten, werden zunehmend überhöhte Preise gezahlt – oder unterm Tisch durchgereicht.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) forderte die Ärztekammern gestern in Berlin auf, den Vorwürfen nachzugehen. „Das muss geahndet werden.“ Wenn ärztliche Leistungen von den Kassen bereits bezahlt worden seien und dann noch einmal Prämien gezahlt würden, gehe das zulasten der Versicherten. „Das ist für mich Betrug“, sagte Schmidt. Franz Knieps, Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium, wies darauf hin, dass die Berufsordnung den Kassenärzten solche „Geschäfte“ mit den Krankenhäusern verbiete. Gegebenenfalls seien auch die Staatsanwaltschaften verpflichtet, solche Vorgänge zu verfolgen.

Von Gabi Stief
 und Bernd Knebel