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Deutschland / Welt Ärzte warnen vor Missbrauch von Antibiotika
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Ärzte warnen vor Missbrauch von Antibiotika
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21:52 04.06.2014
Von Karl Doeleke
 Weil zu viele Tiere auf engstem Raum gehalten werden, setzen Bauern häufig Antibiotika ein. Quelle: dpa
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Hannover

Ärzte und Tierärzte aus ganz Deutschland wenden sich in einer bundesweiten Kampagne gegen den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Die Initiatoren des Aufrufs „Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung“ sehen die Befürchtung von Wissenschaftlern bestätigt, dass die massenhafte Gabe der Mittel die Entstehung von Keimen befördere, gegen die kaum noch Medikamente wirken. Rund 250 Ärzte, Pfleger und Pharmazeuten forderten als Erstunterzeichner am Mittwoch in Hannover eine tiergerechte Haltung in den landwirtschaftlichen Großbetrieben, schärfere Kontrollen sowie Sanktionen beim Missbrauch von Antibiotika in der Tiermast. Wichtige, weil noch wirksame Reserveantibiotika sollten für die Humanmedizin reserviert bleiben.

Nach einer Studie sterben in der Europäischen Union jedes Jahr rund 25 000 Menschen, weil Antibiotika bei Infektionen nicht mehr anschlagen. Der frühere Professor an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, Siegfried Ueberschär, warnte vor einem „postantibiotischen Zeitalter“ mit verheerenden Folgen für die Menschheit. „Antibiotika stehen bald als Waffe gegen bakterielle Infektionen für Menschen und Tiere nicht mehr zur Verfügung.“

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Bereits heute verursachten resistente Keime große Probleme, sagte die Bremer Internistin Wiebke Lührs. Besonders betroffen seien ganz alte und ganz junge Patienten mit schwachem Immunsystem. Ärzte versuchten oft vergeblich, das Leben dieser Patienten zu retten. „Es kann aber jeden treffen“, warnte Lührs: etwa Unfallopfer, die auf Intensivstationen behandelt werden müssten. Auch der Institutsdirektor für Hygiene am Bremer Klinikum Mitte sprach von einem „Risiko für die gesamte Bevölkerung“. Es bereite „unheimliche Anstrengungen, dass sich die Keime in den Krankenhäusern nicht weiter verbreiten“. Den Eintrag von außen in die Krankenhäuser zu verringern sei ein Ziel der in Hannover gestarteten Initiative.

Ein Teil des Problems sehen die Unterzeichner in der unsachgemäßen Verschreibung durch Humanmediziner. Die Ärzte haben aber eigenen Angaben zufolge „gute Beweise, dass ein großer Teil der Keime aus der industriellen Landwirtschaft stammen“, wie Lührs sagte. Weil zu viele Tiere auf engstem Raum gehalten würden, seien die Bauern gezwungen, Antibiotika einzusetzen, um die Ausbreitung von Krankheiten in den Ställen zu verhindern. Von dort würden sich resistente Keime ausbreiten. Besonders gefragt sei hier Niedersachsen mit seinen großen Mastställen im Westen, sagte Ueberschär: Von den 1700 Tonnen Antibiotika, die 2011 in Deutschland verbraucht wurden, seien 800 Tonnen allein in diese Region gegangen.