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Deutschland / Welt Afghanische Polizei erhebt schwere Vorwürfe gegen Bundeswehr
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Afghanische Polizei erhebt schwere Vorwürfe gegen Bundeswehr
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18:30 10.03.2011
Bundeswehrsoldaten sollen in Kundus eine Frau erschossen haben.
Bundeswehrsoldaten sollen in Kundus eine Frau erschossen haben. Quelle: dpa
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Die Lage im nordafghanischen Kundus schien im vergangenen Sommer noch hoffnungslos. Die Taliban hatten weite Teile der Provinz unter ihrer Kontrolle, deutsche Soldaten nannten diese Gebiete „Indianerland“. Doch seit dem vergangenen Herbst haben sich erstaunliche Erfolge eingestellt. Die Taliban erlitten schwere Verluste, der Wiederaufbau wird mit Macht vorangetrieben. Der Tod einer Afghanin droht die positiven Entwicklungen nun zu überschatten. Ein Distrikt-Polizeichef sagt, Deutsche hätten die Frau versehentlich erschossen. Vieles ist dabei widersprüchlich.

Die Bundeswehr ermittelt nach eigenen Angaben „mit Hochdruck“, wie die Frau zu Tode kam, eine zweite Afghanin wurde leicht am Fuß verletzt. Noch ist nicht bewiesen, dass Deutsche für den Tod der Zivilistin verantwortlich sind. Ein Bundeswehr-Sprecher in Kundus sagte am Donnerstag, am Vortag sei im Unruhedistrikt Char Darah eine Patrouille von Aufständischen angegriffen worden, die Soldaten hätten das Feuer erwidert. Später erst hätten Afghanen einer anderen Patrouille eine Schwerverletzte übergeben - und zwar fast eineinhalb Kilometer vom Ort des Gefechts entfernt. Bei der Verletzung am Kopf der Frau habe es sich auch nicht um eine Schusswunde gehandelt.

Char Darahs Polizeichef Gulam Mahidin sagte dagegen, deutsche Soldaten hätten einen „Fehler“ gemacht. Sie hätten das Feuer eröffnet, ohne vorher angegriffen worden zu sein - was angesichts der strengen Einsatzregeln der Bundeswehr hochgradig unwahrscheinlich sein dürfte. Mahidin sagt auch, die Frau sei in ihrem Haus von einer Kugel getroffen worden und sofort tot gewesen. Nach Angaben der Bundeswehr starb die Afghanin dagegen erst im Feldlazarett im Camp. Zuvor hatte sich demnach noch eine Truppenärztin, die der Patrouille angeschlossen war, um die Schwerverletzte gekümmert.

Bei der Truppe wundert man sich über die Vorwürfe des Polizeichefs, von denen unmittelbar nach dem Vorfall noch keine Rede gewesen sei. Nach dem Tod der Afghanin waren Vertreter des deutschen zivil-militärischen Wiederaufbauteams (PRT), Angehörige und auch Mahidin im Polizei-Hauptquartier in Char Darah zusammengekommen. Der Tenor des Gesprächs sei „sehr sachlich“ gewesen, heißt es bei der Bundeswehr. „Während des gesamten Gesprächs hat er (Mahidin) keinerlei Kritik am Verhalten der deutschen Kräfte geäußert.“

Nach den Wirren um den Tod der Afghanin stand den Deutschen in Kundus am Donnerstag ein weiterer Schock ins Haus. Die Taliban sprengten einen ihrer wichtigsten Ansprechpartner in der Gegend in die Luft. Bei einem Termin in Kundus-Stadt riss ein Selbstmordattentäter den Polizeichef der Provinz Kundus, Abdul Rahman Sayedkhili, mit in den Tod. Die Taliban sind geschwächt in Kundus - geschlagen aber, das bewiesen sie nun erneut, sind sie nicht.

dpa