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Deutschland / Welt Als der Kanzler immer Helmut Kohl hieß
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12:03 01.04.2010
Helmut Kohl, der "Kanzler der Einheit".
Helmut Kohl, der "Kanzler der Einheit". Quelle: dpa
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Er war noch größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Regelrecht massig. Und er sah nicht so gemütlich aus wie im Fernsehen, eher grimmig. Ich war nun schon 19 Jahre alt und sah den Mann, der der Bundeskanzler war, solange ich denken konnte, zum ersten Mal persönlich. Helmut Kohl stand auf einer Bühne auf dem Domplatz in Münster, das riesige Kirchenschiff im Rücken. Es war einer der letzten Wahlkampftermine des NochKanzlers im Herbst 1998. Ein paar Tausend Menschen waren gekommen, viele jüngere darunter nicht als seine Fans. Sie pfiffen, johlten und riefen immer wieder in Sprechchören fast beschwörend: „Kohl! Muss! Weg!“

Ich überlegte damals, ob das überhaupt geht: eine Bundesrepublik Deutschland ohne einen Bundeskanzler Kohl.

Im Herbst 1982, fast auf den Tag genau 16 Jahre zuvor, hatte ich den letzten Geburtstag meines Lebens gefeiert, an dem ich nicht von Helmut Kohl regiert wurde. Es gab Saft, soviel wir trinken konnten. Meine Kindergartenfreunde Ulrike und Markus kamen zum Kuchenessen, und wir spielten stundenlang im Garten mit meiner neuen Schaukel. Ich war vier Jahre alt geworden, Markus und Ulrike waren drei. Eine Woche nach unserem kleinen Fest zog Helmut Kohl ins Kanzleramt ein.

Wir wurden unter Kohl eingeschult, lernten lesen und schreiben, wir wurden mehrfach Meister der Fußball-Kreisliga Emden/Aurich, die Karottenjeans kam und ging, das Privatfernsehen kam und blieb: Ein Minister namens Schwarz-Schilling ließ eigens ein neuartiges Kabelsystem verlegen. Wir wurden konfirmiert und kauften uns für das eingesackte Geld Stereoanlagen oder Mofas. Unser kleines Leben veränderte sich jeden Tag. Die Mädchen begannen bald, sich seltsam zu schminken, wir gingen in die Disko und verliebten uns. 1989 fiel die Mauer, so dass wir plötzlich viel zu oft zu unseren Verwandten an der Ostsee fuhren statt in den Heide-Park. Irgendwann verreisten wir ohne Eltern, wir feierten unser Abitur. Manche Eltern aus dem Freundeskreis hatten sich da längst scheiden lassen, Ulrike aus dem Kindergarten war mittlerweile selbst Mutter, ich fing an zu studieren. Nur eines hatte sich in all den Jahren nicht verändert: Helmut Kohl war Bundeskanzler und blieb es auch.

Sicher, wir wussten, dass es Wahlen gibt, und wir wussten auch, dass sie ein Land verändern können. Nur war dieses Wissen lange Zeit durch keinerlei eigene Erfahrung gedeckt. Es war eher angelesen. Unsere eigene Erfahrung war: Vier Jahre hört man Eltern, Nachbarn und sogar Lehrer Witze machen über die „Birne aus Bonn“, sie stöhnten über den „schwarzen Elefanten“ – und dann, nach der Wahl, regierte der dicke, alte Mann doch wieder weiter.

Es war ja auch nicht richtig schlimm. Kohl tat uns ja nichts. Er ließ uns in Ruhe machen, solange auch er in Ruhe machen konnte. Einmal im Jahr vermeldete die „Tagesschau“, der Kanzler verbringe seinen Sommerurlaub „wie schon in den Vorjahren“ am Wolfgangsee. Dann wusste ich: Nun ist es wieder richtig Sommer.

Als die ARD am Silvesterabend 1986/87 versehentlich Kohls TV-Neujahrsansprache vom Jahr davor wiederholte, statt die aktuelle zu senden, fiel das zunächst niemandem auf. Auch sonst hatten die Kohl-Jahre etwas von einer Endlosschleife, es passierte nicht viel. Reform im Sozialstaat? Hartz IV? Nichts davon. Kohl bewahrte das, was wir hatten. So wie er in seinem Arbeitszimmer neben dem Aquarium Andenken aller Art aufbewahrte, bis es aussah wie eine Wanderhütte im Schwarzwald, machte er es auch mit Deutschland. Westdeutschland führte damals noch keine Kriege, Besucher im Kanzleramt wurden von Kohl auch schon mal in Latschen und Strickjacke empfangen, und die Renten waren dank Norbert Blüm entgegen aller Mathematik sicher. Die Globalisierung, so schien es, hielt uns der biedere Mann aus Oggersheim höchstpersönlich vom Hals.

Die Kohl-Jahre waren behütete Jahre. Einen Bruch brachte nicht mal der Mauerfall im Jahr 1989, allen Turbulenzen zum Trotz. Im Fernsehen kletterten feiernde Menschen auf der Berliner Mauer herum, man sah Trabis mit Deutschlandfahnen – und mitten in all dem Wandel stand, mit Tränen in den Augen, Helmut Kohl. Plötzlich wurde unser ewiger Kanzler zum Staatsmann für alle Deutschen. Als sich der Zauber der Einheit ein bisschen zu legen begann, wurde uns gewahr, dass Helmut Kohl im Einheitstaumel der Deutschen unversehens schon wieder eine Wahl gewonnen hatte. Seitdem wussten wir: Helmut Kohl übersteht sogar Revolutionen.

Während wir uns also auf vier weitere Jahre Regieren aus Oggersheim einrichteten, ging anderswo das Leben weiter. Wir gingen gerade in die neunte Klasse und fanden Kohl, nun Einheitskanzler genannt, im internationalen Vergleich zunehmend uncool. In den USA wurde der smarte Saxophonspieler Bill Clinton Präsident. Das war 1993. Kohl ließ sich noch immer auf bunten Abenden der CDU auf der Hammondorgel etwas vorspielen. Auf linke Demonstranten, die Eier auf ihn warfen, marschierte er los, drohend mit erhobener Faust, bis ihn Sicherheitsleute bremsten.

Wir wollten auch einen Kanzler haben, auf den man beim Schüleraustausch ein bisschen stolz sein konnte. Einen, der uns musikalisch näher war. Einen, der weniger pathetisch daher kam, einen, der uns zeigte, dass Politik nicht nach dem Wohnzimmer unserer Großeltern aussehen musste. Wir suchten Hilfe bei der SPD.

Im Spätsommer 1994 besuchten wir eine Wahlkampfveranstaltung von Rudolf Scharping. Der SPD-Kanzlerkandidat kam mit dem Fahrrad angeradelt. Er trug Hosenklammern und einen bunten Fahrradhelm – was damals sonst nur unser Deutschlehrer tat – und war auch sonst nicht gerade das, was wir uns unter einem deutschen Bill Clinton vorstellten. Die Halle war halb leer, oder wie ein SPD-Mann einem Reporter damals sagte, „etwas zu groß“. Ein paar örtliche Jusos hatten in Anlehnung an Willy Brandt Sticker hergestellt, auf denen stand in gnadenlos überdrehter Traditionspflege „Rudi wählen“. Geduldig ließen wir uns trotzdem ein Autogramm geben. Nicht aus Bewunderung, sondern weil wir nicht so oft auf Menschen trafen, die man aus dem Fernsehen kannte. Das Autogramm landete im Papierkorb. In der Schule sprachen wir nach unserem Ausflug wochenlang nur noch in halber Geschwindigkeit, so wie es Scharping in seiner langatmigen Rede vorgemacht hatte. Wir wussten, Scharping würde ein Flop werden.

Kohl gewann erwartungsgemäß auch diese Wahl, und wir beschlossen, Politik Kohl sein zu lassen und uns lieber erst einmal um Fußball, Mädchen und Musik zu kümmern. Doch der internationale Druck wurde größer. Dem Saxophonisten Bill Clinton in Amerika folgte der coole E-Gitarrist Tony Blair als Premier in Großbritannien. Und auch in Deutschland standen Gerhard Schröder und Turnschuhträger Joschka Fischer bereit. Die protzten zwar nicht mit Musiker-Kenntnissen, hörten aber wenigstens Bob Dylan. Und Joschka Fischer hatte Erfahrungen im Frankfurter Straßenkampf. Das erschien uns durchaus konkurrenzfähig.

Erstmals in unserem Leben spürten wir so etwas wie Wechselstimmung. Der schwarze Riese Kohl war ins Wanken geraten, und wir, vor wenigen Monaten in den Stand der Wahlberechtigten erhoben, konnten nun daran mitwirken, ihn zu stürzen. Und ausprobieren, ob das überhaupt geht.

In Münster, im Herbst 1998, hieß es dann: Wir gegen ihn, erstmals Auge in Auge. In einem zweistündigen Dauer-Trillerpfeifenkonzert tönten meine Altersgenossen den Kanzler gnadenlos nieder. Ich stand zunächst etwas abseits, aber ich freute mich über so viel Rebellentum vor der Bühne. Es war befreiend. Kohl wirkte plötzlich nicht mehr mächtig. Eher wie ein verzweifelter Vater, der seine Jungs einfach nicht in den Griff bekommt. Der Kanzler brüllte verzweifelt: „Sie sollten mal besser zuhören, da könnten Sie noch was lernen.“ Doch wir hatten Helmut Kohl lange genug zugehört. Unser ganzes bisheriges Leben.

Dirk Schmaler