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Deutschland / Welt Amerika fürchtet rassistische Übergriffe
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Amerika fürchtet rassistische Übergriffe
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11:01 06.03.2018
Von Stefan Koch
Barack Obama: „Wenn ich einen Jungen hätte, würde er aussehen wie Trayvon. Ich fordere eine lückenlose Aufklärung." Quelle: dpa
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Washington

Der 17-jährige Trayvon Martin schaut sich am Sonntagabend im Fernsehen ein Basketballspiel an, als die Familie ihn während einer Übertragungspause bittet, ein paar Süßigkeiten im Kiosk um die Ecke zu kaufen. Der Afroamerikaner geht los - und kehrt nicht mehr zurück. Der junge Mann wird auf dem Rückweg vom Kiosk von George Zimmerman erschossen, dem Angehörigen einer privaten Bürgerwehr. Zimmerman wartet am Tatort auf die Polizei und gibt bei der Vernehmung an, dass er sich von dem Schwarzen bedroht fühlte. Dann steigt der selbsternannte Nachtwächter wieder ins Auto und fährt nach Hause. Der Täter ist bis heute auf freiem Fuß.

Dieser Vorfall ereignete sich am 26. Februar in Sanford, einem kleinen Vorort von Orlando im Bundesstaat Florida. Doch erst in diesen Tagen, seitdem einige überregionale Medien über Trayvons Tod berichten, bricht in den gesamten USA ein Sturm der Empörung los. Mehrere tausend Demonstranten wollen am heutigen Sonnabend in der Hauptstadt Washington gegen den anhaltenden Rassismus im Land protestieren und werfen der Polizei vor, bei Gewalt gegen Schwarze wegzuschauen. Auch Präsident Barack Obama schaltete sich gestern in die öffentliche Diskussion ein: „Wenn ich einen Jungen hätte, würde er aussehen wie Trayvon. Ich fordere eine lückenlose Aufklärung."

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Wie ein Echo aus der Vergangenheit brechen plötzlich wieder all die Debatten auf, die Amerika über so viele Jahre im Griff hielten. Bürgerrechtsaktivisten klagen die Polizei an, ein eindeutiges Feindbild zu propagieren: Schwarz, Teenager, mit einer Kapuzenjacke bekleidet, und in der Nachbarschaft unbekannt. „Wer in dieses Raster fällt, hat schlechte Karten", sagt Michaela Angela Davis, eine afroamerikanische Schriftstellerin aus New York, die die Protestmärsche mit anführt. Der Tod des Jungen sei ein typischer Fall von Rassismus in den Vereinigten Staaten.

Empört gingen in den vergangenen Tagen mehrere tausend New Yorker auf die Straßen, mehr als eine Million Amerikaner unterzeichneten eine Protestnote im Internet. Sie fordern eine Strafverfolgung des Täters und können es nicht fassen, dass Diskriminierungen offenbar weiterhin zum Alltag in diesem großen Land gehören. Noch vor wenigen Monaten, als in Washington ein großes Denkmal für den berühmten Bürgerrechtler Martin Luther King eingeweiht wurde, hatten viele Amerikaner den Eindruck, dass das Thema Rassendiskriminierung damit ein für allemal beendet ist. Und nun?

Fachleute warnten gestern davor, allzu schnell ein pauschales Urteil zu fällen. Tatsächlich hängt der Tod des unschuldigen Teenagers eng mit einem speziellen Gesetz des Bundesstaates Florida zusammen: Der Paragraph „Stand Your Ground" (Weiche nicht zurück) gibt Bürgern das Recht, sofort zu schießen, wenn sie sich bedroht fühlen. Das gilt insbesondere auf dem eigenen Grund und Boden. Trayvon war bei seinem Vater zu Besuch, der in der geschlossenen Wohnanlage "Retreat at Twin Lakes" lebt. Streng genommen gilt also auch der Weg vom Haus zum Kiosk als Privatgrundstück. Jeb Bush, Bruder des früheren Präsidenten George W. Bush, hatte sich einst als Gouverneur dafür feiern lassen, dass er angesichts der sich ausbreitenden Bandenkriminalität in dem Urlaubsparadies für eine Stärkung der Selbstverteidigung eintrat. In der „New York Times" heißt es nun mit Blick auf Trayvons Tod: „Dieses Gesetz ist schlicht gefährlich."

Der selbsternannte Nachtwächter Zimmerman war offenbar mit ausdrücklicher Billigung seiner Nachbarn auf Streife unterwegs, zumal mehrfach in den Häusern des Geländes eingebrochen worden war. Der 28-Jährige hatte sich schon vor Jahren bei der Polizei beworben und war durch seinen Übereifer längst aufgefallen. Nach Polizeiangaben meldete er sich seit Jahresbeginn 46 Mal bei der Notrufzentrale, um über vermeintlich gefährliche Dinge zu berichten - jedes Mal vergeblich. Als er in der folgenreichen Nacht die Notrufzentrale anrief, um über einen ihm unbekannten schwarzen Teenager mit Kapuzenjacke zu berichten, forderte die Polizei ihn ausdrücklich auf, sich zurückzuhalten und nicht an den vermeintlich Verdächtigen heranzutreten. Zimmerman hörte nicht darauf. Der hochgewachsene Mann verfolgte Trayvon, der hilfesuchend seine Freundin per Mobiltelefon anrief. Was dann geschah, lässt sich noch nicht genau rekonstruieren. Es muss zu einem Handgemenge gekommen sein. Zimmerman zog seine Waffe und erschoss Trayvon.

Aus rassistischen Gründen? In der ersten Aufregung sprachen mehrere amerikanische Medien von einem Kampf "Weiß gegen Schwarz". Mittlerweile stellt sich heraus, dass Zimmermans Mutter aus Peru stammt und seine Verwandtschaft überaus bunt gemischt ist. Nach landläufiger Einschätzung gilt Zimmerman damit als Hispanic. Für die New Yoker Aktivistin Davis besagt das nichts: "Wer selbst zu einer Minderheit gehört, muss gegenüber dem Rassismus nicht immun sein." Und Luis Martinez-Fernandes, Professor für Lateinamerikanische Geschichte an der Universität von Zentralflorida, sagte gestern gegenüber der "Washington Post": "Ob rassistische Gründe dahinter stecken, lässt sich nicht sagen, zumal manche Hispanics sich selbst als weiß betrachten, andere als schwarz und wiederum andere als Lateinamerikaner." Der Fall sei komplizierter, als er auf den ersten Blick erscheint.

Zu dieser Erkenntnis kommen auch die Behörden: Der Stadtrat von Sanford entzog dem lokalen Polizeichef am Donnerstag das Vertrauen. Die Ermittlungen hat jetzt die Bundespolizei FBI übernommen. Angesichts der Debatte um unterschwelligen Rassismus rief Präsident Obama gestern seine Landsleute auf, sich einer „Gewissensprüfung" zu unterziehen.