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21:25 17.01.2014
Von Gabi Stief
 Durchsetzungsstark: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) Quelle: dpa
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Berlin

Prominente Spitzenpolitiker und viel beschäftigte Fernsehkommissare haben eins gemeinsam. Die Menschen glauben, sie gut zu kennen. Was sich im Einzelfall als großer Irrtum erweisen kann. Wer hätte beispielsweise erwartet, dass der SPD-Linken Andrea Nahles die Religion am Herzen liegt? Als die neue Bundesarbeitsministerin kürzlich ihr Büro im Ministerium an der Wilhelmstraße bezog, hat sie ein Kreuz aus der Abtei Maria Laach, am Rand der Eifel gelegen, mitgebracht und aufgehängt. Diese Aktion sei weitaus unkomplizierter gewesen als im Willy-Brandt-Haus, erzählt sie.

Andrea Nahles, 43 Jahre, ist gläubige Katholikin. Sie war Ministrantin, bevor sie Juso wurde. Der Vater, ehemaliger Maurermeister, leitet den Kirchenchor, die Mutter sitzt im Verwaltungsrat der Pfarrgemeinde. Ihr zweiter Vorname und der ihrer zweijährigen Tochter Ella ist Maria; eine Familientradition. Maria sei ihr immer ein wenig zu brav erschienen, hat sie einmal gesagt. Aber als Ausgleich zu ihrem eigenen Temperament, das auch Ella geerbt habe, sei das vielleicht ganz gut.
Dieses Temperament ist bekannt. Nahles, bis vor Kurzem SPD-Generalsekretärin, ist impulsiv, ab und an aufbrausend, und durchsetzungsstark. Sie hat ihren eigenen Kopf. Wenn sie beschließt, ein Pippi-Langstrumpf-Lied im Bundestag zu singen, dann macht sie das – egal, wie peinlich es ist. 

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Andrea Nahles ...

... stieg 2009 zur SPD-Generalsekretärin auf. Spötter sagen, sie habe seitdem, vier Jahre lang, dem SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel hinterhergeräumt. 2005 wollte sie schon einmal für das Amt kandidieren, verärgerte damit allerdings den damaligen Parteichef Franz Müntefering. Die 43-Jährige studierte Politikwissenschaftlerin ist mit 18 Jahren in die SPD eingetreten und war von 1995 bis 1999 Juso-Bundesvorsitzende. Seit 1998 ist sie – mit kurzer Unterbrechung – Bundestagsabgeordnete. Sie ist verheiratet und hat eine zweijährige Tochter. gst

Als Ministerin wird sie sich diese Auftritte nicht mehr erlauben. Auch wird sie Merkel nicht mehr als „Wackel-Dackel der Regierung“ verspotten. Vor einer Woche, als sie als Nachfolgerin von Ursula von der Leyen erstmals die Arbeitslosenzahlen der Bundesagentur für Arbeit verkündete, wich sie den Fragen der Journalisten zur überhitzten Zuwanderungsdebatte und Äußerungen der CSU aus. Sie sagte, sie wolle ihre Worte „wohl abwägen“. Sie sagte tatsächlich: Abwägen.
Die neue Zurückhaltung ist das eine; das Tempo, mit dem Andrea Nahles jetzt ins Regierungsgeschäft eingestiegen ist, das andere. Sie ist die Erste in der Kabinettsrunde, die ein Gesetz auf den Weg gebracht hat. Es geht um eins der zentralen Koalitionsvorhaben. Im Rekordtempo hat Nahles in ihrem Haus einen Referentenentwurf für die Mütterrente und die abschlagsfreie Rente mit 63 schreiben lassen. Am 23. Dezember, am Tag vor Weihnachten, wurden bei einer Telefonschaltkonferenz mit den Mitarbeitern die Grundzüge des Konzepts besprochen. Ende Januar soll das Kabinett entscheiden; dann sind Parlament und Bundesrat gefragt. Nur mit diesem engen Terminplan ist es möglich, die Reform zum 1. Juli in Kraft treten zu lassen. Die Ministerin will Wort halten.

Nebenbei wurden in diesen vier Wochen die wichtigsten Personalentscheidungen getroffen. Nahles hat – nichts Ungewöhnliches – Vertraute ins Ministerium mitgebracht. Dazu gehört ihr früherer Büroleiter Thorben Albrecht, der mehrere Jahre beim DGB-Bundesvorstand gearbeitet hat. Er wird sich als beamteter Staatssekretär vor allem um die Arbeitsmarktpolitik kümmern. Jörg Asmussen, ehemals Direktor bei der Europäischen Zentralbank, wird als zweiter Staatssekretär für das Rententhema zuständig sein. Bereits in seiner Zeit als Staatssekretär bei Finanzminister Wolfgang Schäuble erwarb er sich den Ruf eines loyalen Dieners. Bei seiner Vorstellung im Ministerium versprach Asmussen jetzt, mit seiner Chefin immer einer Meinung zu sein.

Nahles kennt den Parteiapparat und die Fallstricke der Politik, Asmussen kennt die Ministerialverwaltung. Eins eint sie: Sie haben beide eine junge Familie, der sie sich mehr widmen wollen. In dem einzigen Interview, das die Ministerin bislang gab, warb sie für familienfreundliche Arbeitszeiten. Vollzeit müsse neu definiert werden; mit dem „Anwesenheitswahn“ müsse Schluss sein.
Nahles hat bereits angekündigt, häufiger auch mal in Bonn zu arbeiten. In der dortigen Filiale des Ministeriums sind noch 500 der 1100 Beamten beschäftigt. Der Vorteil von Bonn: Das Büro ist gerade einmal eine Autostunde von ihrem Heimatort in der Eifel entfernt. Abends könnte sie heim zur Familie fahren.

Nahles lebt auf einem alten restaurierten Bauernhof der Großeltern, in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Ihr Mann ist Kurator in einem Museum in Offenbach und ist nach der Geburt der Tochter vorübergehend im Job kürzer getreten. Zusätzlich helfen die Eltern von Nahles, die nur einen Steinwurf entfernt wohnen. Es gibt im Ort eine Kita und eine Zwergschule, die auch Andrea Nahles besucht hat. Das größte Problem sei nicht der Stress, den das Pendeln zwischen Arbeit und Familie mit sich bringt, hat Nahles einmal gesagt. Sondern die Sehnsucht, wenn man nicht zu Hause ist.

Und doch: Sie wirkt in diesen Tagen als sei sie in ihrem Traumjob angekommen. Sie juchzt, wenn sie gefragt wird, wie es ihr gehe. Sie zuckt mit den Schultern, wenn über mögliche Konflikte mit anderen Ministerien spekuliert wird. Sie weiß, dass die Rentenreform kein Sonntagsspaziergang wird – obwohl eine Große Koalition dahintersteht. Die Grünen, denen sie sich eng verbunden fühlt, schimpfen über die „sauteure Reform“ und „irrwitzige Plünderung der Rentenkasse“.  Sie weiß, dass der Vorwurf, die Rente mit 63 könnte eine neue Frühverrentungswelle auslösen, berechtigt ist. Doch was kann die Politik tun, wenn die Wirtschaft Gesetze ausnutzt?

Am 17. Dezember hat Andrea Nahles auf ihrer Facebook-Seite ein Foto ihrer Ernennungsurkunde veröffentlicht. Es ist nicht zu übersehen: Nahles ist gern Ministerin. „Saugern“ würde sie sagen.

Stefan Koch 20.01.2014
17.01.2014