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Deutschland / Welt Anklage im Fall Trayvon Martin
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Anklage im Fall Trayvon Martin
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18:50 12.04.2012
Von Stefan Koch
Trauer um Trayvon Martin. Quelle: dpa
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Washington

Der junge Afroamerikaner Trayvon Martin wurde Ende Februar von dem Mitglied einer Bürgerwehr in Florida erschossen, obwohl er unbewaffnet war. Nach sechs Wochen und Protesten in unzähligen Städten erhebt die Justiz nun doch Mordanklage gegen den 28-jährigen George Zimmerman.

Wie ungewöhnlich der Fall ist, zeigt sich auch an der Reaktion von Angela Corey, der Sonderermittlerin der Staatsanwaltschaft. Als die Juristin die Mordanklage am Mittwochabend in Jacksonville bekannt gab, erklärte sie in aller Ausführlichkeit, dass die kommenden Ermittlungen nichts mit den anhaltenden Demonstrationen und den Vorwürfen gegen die Polizei zu tun hätten. "Wir werden Gerechtigkeit schaffen und dabei nicht auf die Hautfarbe achten", sagte Corey vor Journalisten.

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Tatsächlich aber ist das Verhalten der Behörden in diesem Fall so seltsam, dass sich sogar Barack Obama einschaltete. Der Präsident wiederholte nicht den Rassismus-Vorwurf gegen die Polizei. Er ließ aber deutlich erkennen, dass im Zusammenleben von Schwarz und Weiß in den Vereinigten Staaten offensichtlich noch einiges im Argen liegt.

Ins Rollen gebracht wurde der Fall durch Martins Eltern. Sie hatten im Internet unzählige Protestaufrufe gestartet und schließlich das Interesse der überregionalen Medien geweckt. 

Empört sind viele Amerikaner vor allem über die damalige Entscheidung der Streifenpolizisten, den Todesschützen unmittelbar nach der Tat laufen zu lassen. Zimmerman hatte zu Protokoll gegeben, dass er sich durch den 17-jährigen Trayvon bedroht fühlte. Er berief sich damit auf das ungewöhnlich weitreichende Selbstverteidigungsrecht, das seit Ende 2005 in Florida herrscht und in jüngster Zeit auch in mehreren anderen Bundesstaaten eingeführt wurde.

Ob der Tod von Trayvon Martin zu einem Umdenken bei den Gesetzgebern führt, lässt sich noch nicht sagen. Zumindest aber die "New York Times" erklärte das Gesetz "Stand Your Ground" - "Weiche nicht zurück" - kürzlich für gefärlich, weil es von den Bürgern nicht mehr erwartet, einer Eskalation im Zweifelsfall aus dem Weg zu gehen. Sogar beim Raub eines Autos ist es nun in mehreren Bundesstaaten erlaubt, scharf zu schießen.

Wesentlich lautstärker werden dagegen die Fragen diskutiert, die bereits vor 50 Jahren die Bürgerrechtler umtrieb: Amerikanischen Medien berichten vor allem über das "Racial profiling" - über Fahndungen nach Hautfarben. Sie werfen der Polizei vor, schwarze junge Männer grundsätzlich für verdächtiger zu halten als gleichaltrige Weiße.

Für Aufsehen sorgt auch eine Umfrage der "Washington Post": Die breite Mehrheit der befragten Afroamerikaner geht davon aus, dass George Zimmerman schuldig ist. Dagegen stimmt nur eine Minderheit der weißen Befragten dieser Vermutung zu.
Durch die Mordanklage bestätigt fühlen sich die Eltern des getöteten Jungen. Auf einer Pressekonferenz in Washington sagte Trayvons Mutter Sybrina: "Wir wollten eine Festnahme, nicht mehr und nicht weniger."