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Deutschland / Welt Aufbruchstimmung in Disneyland
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Aufbruchstimmung in Disneyland
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08:00 21.08.2010
Von Tatjana Riegler
Checkpoint Charlie, Berlin
Folklore mit Flagge: Am Checkpoint Charlie zahlen Touristen für Fotos mit "falschen" Soldaten. Das Kontrollhäuschen ist nachgebaut; das Original steht am Alliertenmuseum. Quelle: dpa
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Mit Flagge posieren die amerikanischen Soldaten vor dem Kontrollhäuschen. Die Sandsäcke sind gen Osten gestapelt, und die Scheinwerfer schicken ihr Licht in den Berliner Nachmittag. Im Hintergrund markieren die Doppelreihen aus Kopfsteinpflaster den früheren Mauerverlauf.

Hier am Checkpoint Charlie, wo Friedrich- und Zimmerstraße kreuzen, wird Geschichte zur Gegenwart, die täglich Tausende Touristen aus aller Welt anzieht. Besucher, die den Händlern viel Geld zahlen für falsche Sowjet-Orden, Stasi-Mützen, Mauerstücke. Und dafür, sich mit den Soldaten-Schauspielern in amerikanischer Uniform fotografieren zu lassen. Hier am Checkpoint Charlie, der einstigen Nahtstelle zwischen Ost und West, vereinen sich 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung der Hauch von Disneyland und der Schauder des Kalten Krieges.

Der Übergang zwischen amerikanischem und sowjetischem Sektor, an dem sich im Oktober 1961 Panzer beider Mächte gefechtsbereit gegenüberstanden, steht wie kein zweiter für das Kräftemessen der Systeme nach dem Zweiten Weltkrieg. Er ist zum Symbol für die Freiheit geworden – für viele Berliner das größte Geschenk, das die amerikanischen Alliierten in ihrer Stadt zurückgelassen haben.

Aber bei Weitem nicht das einzige. Eine Fahrt durch den einstigen amerikanischen Sektor zwischen Kreuzberg, Neukölln und Zehlendorf offenbart das Erbe: das Denkmal vor dem Flughafen Tempelhof etwa, das an die Luftbrücke von 1948 erinnert; „Hungerkrake“ haben es die Berliner getauft, weil sie für alles ulkige Spitznamen finden. Das Schöneberger Rathaus, an dem sich US-Präsident John F. Kennedy vor Hunderttausenden Berlinern als Berliner bekannte und mit einem einzigen Satz das deutsch-amerikanische Verhältnis nachhaltig prägte – dieser welthistorische Schauplatz ist heute eine profane Kommunalbehörde. Eine Wandtafel am Hauptportal erinnert an Kennedys Besuch 1963; eine zweite Tafel erinnert an die Freiheitsglocke im Gebälk, ein Geschenk der Amerikaner an die Berliner. Jeden Sonntag konnte man sie beim RIAS läuten hören, dem „Rundfunk im amerikanischen Sektor“, auch so ein Geschenk von 1946. Der Sender ist seit 1993 Geschichte, die Glocke ertönt weiter jeden Tag um zwölf Uhr.

Dass ausgerechnet Kennedy mit seinem Bekenntnis der einzige US-Präsident war, der nicht vor der Mauer am Brandenburger Tor sprach, ist eine kuriose Fußnote. Seinen Nachfolgern Ronald Reagan und Bill Clinton wurde diese Ehre zuteil, Kennedy wurde 2004 immerhin ein Museum am Tor gewidmet – während dort Barack Obama als Präsidentschaftskandidat 2008 nicht sprechen durfte. Unausgesprochene Begründung: Man wollte ihn mit einer Redeerlaubnis am Tor nicht mit Kennedy auf eine Stufe stellen. Obama wechselte an die Siegessäule.

Doch was ist abseits der Besucherströme übrig geblieben von der jahrzehntelangen US-Präsenz? Der Henry-Ford-Bau und das Benjamin-Franklin-Klinikum dokumentieren die amerikanische Unterstützung bei der Gründung der Freien Universität 1948. Es gibt die American Academy am Wannsee, ein Brückenkopf der Intellektuellen zwischen den USA und Berlin, und eine Handvoll Straßen mit US-Namen.

Und es gibt das Alliiertenmuseum am Grunewald, das die US-Dominanz am militärischen Stützpunkt Westberlin vor Augen führt. „Wir fuhren nie in den Ostsektor – zu groß war die Angst, nicht zurückzukommen“, erzählt Bob Polyak. Der 78-Jährige aus New Jersey war von 1956 bis 1958 in Berlin stationiert, mit der „U.S. Military Veterans Association“ ist er erstmals zurückgekehrt. Nun war er im Osten, wenngleich der mittlerweile Mitte heißt. Die Prachtbauten Unter den Linden haben ihm imponiert, das spektakuläre Bürogebäude des New Yorker Architekten Philip Johnson in der Friedrichstraße erwähnt er nicht. „Thanks for the memories“, schreibt Polyak ins Gästebuch.

Das Buch, in dem Herbert Weber blättert, heißt „Wie aus Siegern Freunde wurden“. Der ehemalige Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf schaut stolz auf die Seiten, die er mitgestaltet hat: „Da wird einem schon warm ums Herz.“ Jeder Angehörige des 5. Bataillons der 502. US Infantry bekam das Buch zum Abschied am 23. April 1994 überreicht. Ein rauschendes Fest mit Konfettiparade und Feuerwerk hatte Weber organisiert, CNN berichtete live, und 250 000 Steglitzer feierten mit. „Vor allem die Älteren wussten, was wir den Amerikanern zu verdanken haben“, sagt Weber. Der 61-Jährige nennt den Truppenabzug einen „Glücksfall“, rational betrachtet, „aber ich vermisse sie dennoch“.

Etwa 12 000 Soldaten lebten mit ihren Familien im Berliner Südwesten, wo ihre Kasernen, Wohnblocks und Schulen dicht beieinanderlagen, wo sie ihre Community pflegten; zum Schluss waren es geschätzte 5000. Als sie „Goodbye“ sagten, meinte der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen: „Die Soldaten gehen, die Diplomaten kommen.“ Weber beschreibt es so: „Es wurde kalt hier.“ Weil die Amerikaner eben zum Stadtbild gehörten.

Vom Klein-Amerika ist nichts mehr zu sehen. Aus der McNair-Kaserne wurden Wohnungen im neu erschlossenen „Monroe-Park“, in den Andrew Barracks kam der Bundesnachrichtendienst unter, die Roosevelt Barracks nutzt das Bundesarchiv. Die Wohnblöcke am Hüttenweg sind modernisiert; die Hoffnung, Regierungsmitarbeiter aus Bonn würden dort einziehen, erfüllte sich allerdings nicht. Die Häuser stehen leer, das einstige Hauptquartier neben dem US-Konsulat ebenso.

Wo genau Amerika heute in Berlin liegt, ohne die Armee als Bindeglied, weiß nicht einmal die Botschaft: „Mittlerweile sind die Amerikaner über die ganze Stadt verteilt“, heißt es dort. Etwa 12 000 bis 20 000 sollen es sein; Geschäftsleute, Diplomaten, Banker, Wissenschaftler und Lehrer sowie Künstler und Lebenskünstler, die sich in Internetforen wie „toytowngermany.com“ über Jobsuche und Behördengänge austauschen. Die gerade mit der Kunstszene von Mitte nach Neukölln ziehen. Oder sich in Cafés treffen wie dem „Barcomi’s“, das ein Stück New York nach Kreuzberg bringt. „Eine völlig neue Generation Amerikaner ist gekommen“, sagt Stadtführerin Karin Krawczyk. Eine intelligente Generation, die sich von der Aufbruchstimmung, von der Kreativität und Liberalität Berlins anziehen lässt.

„Berlin hat eine Kultur, die sehr gut ist für die deutsch-amerikanische Koexistenz“, sagt David Look. Auch er, der Präsident der American Church Berlin, betont die Offenheit der Stadt, das „beeindruckende“ Zusammenwachsen. 340 Mitglieder zählt die lutherische Gemeinde in Schöneberg – „darunter sind nicht mal 40 Prozent Amerikaner“, sagt Look, „unsere Kirche ist ein Anlaufpunkt für Menschen aus vielen Ländern“. Englisch als Sprache im Gottesdienst verbindet sie, einen speziell amerikanischen Zusammenhalt hat der 57-Jährige nicht ausgemacht. Die American Church versucht sich mit Festivals, interkulturellen Tagen und der Unterstützung der „Berliner Tafel“ zu integrieren in einer Stadt, die Look als „Symbol für das freundliche Deutschland“ sieht.

Die Veränderung ist noch an anderer Stelle zu messen. Auf der Truman-Plaza an der Clayallee wird seit 50 Jahren das Deutsch-Amerikanische Volksfest gefeiert. Früher gab es vier Wochen lang Rodeo, Countrymusic und Maiskolben, und mehr als 500 000 Menschen kamen, GIs in Uniform wie Westberliner. Dann ging die Truppe und mit ihr das Flair. Heute gibt es noch immer Rodeo, Countrymusic und Maiskolben, aber die Stimmung ist anders. Es dominieren Geschäft und Folklore, und man denkt unweigerlich an den Checkpoint Charlie. Das Fleckchen in Zehlendorf finden Touristen aber selten.