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Deutschland / Welt Australier ratlos: Keine Mehrheit für rechts oder links
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Australier ratlos: Keine Mehrheit für rechts oder links
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09:27 22.08.2010
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Ein Wahlkampf ohne Visionen, zwei Wahlprogramme ohne scharfe Konturen - die 14 Millionen australischen Wähler konnten sich am Sonnabend nicht eindeutig auf einen Wahlsieger einigen. Weder die Labor-Regierung unter Julia Gillard noch die konservative Opposition unter Tony Abbott bekamen zunächst eine entscheidende Mehrheit. Alles sah am Samstag nach dem ersten „hängenden Parlament“ seit 70 Jahren aus, in dem keine der großen Parteien die Mehrheit hat und wenige Unabhängige die nächste Regierung bestimmen könnten.

Die beiden Lager haben den Wählern die Auswahl schwer gemacht: zu nah lagen die Politikprogramme beieinander, zu deutlich ähnelten sich die Wahlversprechen. Nur bei den Kandi

daten selbst hätten die Kontraste kaum deutlicher sein können: Die unverheiratete, kinderlose und atheistische Karrierefrau Gillard (48) gegen den konservativen einstigen Priesterkandidaten und Familienvater Abbott (52).

Nur in ihrem gnadenlosen Ehrgeiz ähneln sich beide: Abbott hat in den drei turbulenten Oppositionsjahren zwei Parteichefs abgesägt und sich in einer Kampfabstimmung erst im Dezember selbst durchgesetzt. Gillard war stellvertretende Regierungschefin und stürzte ihren Chef Kevin Rudd in einer parteiinternen Revolte im Juni über Nacht.

Ob Gillard oder Abbott, eines gilt unter als sicher: Während Ex-Diplomat Rudd sich mit seinem fließenden Chinesisch gerne auf internationalen Parkett tummelte, haben die Juristin und der Ex-Journalist den Blick fest aufs Innenpolitische gerichtet. Jobs, Bildung, Gesundheit waren die Wahlkampfthemen, die Vision von Australien als glücklichem Land mit endlosen Rohstoffreserven und weit weg vom Rest der westlichen Welt und ihren Problemen als Leitmotiv. Gillard und Abbott versprachen ein landesweites Breitbandnetz, besseres Wassermanagement auf dem ausgetrockneten Kontinent, Kampf gegen illegale Immigranten.

Mit Gillard hätten die Australier erstmals in ihrer Geschichte eine Frau auf den Chefsessel der Regierung gewählt. Sie hätten auch statt einer „First Lady“ erstmals einen „First Partner“ in der Regierungsresidenz bekommen, denn Gillard lebt mit dem Friseur Tim Mathieson ohne Trauschein zusammen. Auch eine ausgewiesene Atheistin wäre ein „first“ auf diesem Posten.

Abbott böte dagegen Altbewährtes. Der Ex-Priesteranwärter und Fitness-Fanatiker ist verheiratet, mit drei Töchtern, und hält konservative Familienwerte hoch. Er hat sein Macho-Image stets mit markigen Worten gepflegt und selten ein Fettnäpfchen ausgelassen. Erst als das Regierungsamt realistisch in Reichweite rückte, riss er sich zusammen und mäßigte den Ton.

Bei den Wahlen vor drei Jahren erregte noch der Klimawandel die Gemüter. Rudds Sieg über die fast zwölf Jahre regierenden Konservativen galt als Beginn einer neuen Ära. Doch hielt die Aufbruchstimmung in einem Land, das pro Kopf mehr schädliche Emissionen produziert als fast jedes andere Land der Welt, nicht lange vor. Der versprochene Handel mit CO2-Zertifikaten scheiterte erst an den Grünen, die mehr wollten als Labor, dann an den Konservativen, die weniger wollten und Kompromisse zu verhindern wussten. Als die Weltklimaverhandlungen in Kopenhagen ohne Durchbruch endeten, war die Luft raus aus dem Thema.

Gillard bekam die Hälfte der Stimmen mit dem wenig ambitionierten Versprechen, in einem Bürgerforum neu über Klimaschutzmaßnahmen nachdenken zu lassen. Die andere Hälfte der Stimmen ging an Abbott, der vor seiner Wandlung zum salonfähigen Politiker das Gerede vom Klimawandel als Mist bezeichnet hatte.

dpa