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Deutschland / Welt „Ausziehen? Nur so wird man gehört“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Ausziehen? Nur so wird man gehört“
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00:15 12.04.2013
Entblößte sich vor Putin: Alexandra Shevchenko. Quelle: oh
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Berlin

Frau Shevchenko, warum sind Sie am Montag mit freiem Oberkörper vor Putin gesprungen?
Das ist eine lustige Frage, die mir andauernd zu allen möglichen Aktionen von uns gestellt wird. Das ist unsere gewählte Strategie, der Weg, den wir gewählt haben – auch für maximale Aufmerksamkeit. Wenn wir uns dafür ausziehen müssen, ist das eben so. Nur so wird man gehört. Den Körper als Waffe einzusetzen, ohne dass ein Mann das kontrollieren kann, ist effektiv, weil es jeden irritiert. Viele lachen auch über uns. Aber mit Detailfragen brauchen wir nicht anfangen, dann beachtet uns keiner.

Sie haben Putin als „Diktator“ beschimpft.
Ich habe ihn als das bezeichnet, was er ist. Man muss sich doch nur Pussy Riot angucken, die anderen politischen Gefangenen in Russland, die alle von einem Diktator ins Gefängnis gesteckt wurden. Es gibt keine Menschenrechte in Russland, keine freie Religion, keine freien Medien, keine freie Sexualität. Und niemand sollte sich mit jemandem wir Putin umgeben. Er ist ein dummer Mann. Und gefährlich.

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Haben Sie keine Angst davor, ins Gefängnis zu kommen oder ernsthaft verletzt zu werden?
Wir haben immer Angst davor, ins Gefängnis zu kommen. Niemand will dafür bestraft werden, dass er sich für Demokratie stark macht. Allerdings mache ich mir keine großen Sorgen um ein Verfahren in Deutschland. Hier funktioniert das Justizsystem. Sorgen mache ich mir um die Zentrale in der Ukraine. Putin wird Staatschef Wiktor Janukowytsch unter Druck setzen. Aber wenn ich ins Gefängnis muss, weil ich einem Diktator die Meinung ins Gesicht sage, dann bin ich bereit dafür.

Der Protest mit unbedeckter Haut ist nicht ganz neu. Immer wieder versuchen Aktivisten aus aller Welt ihren Anliegen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ein Überblick.

Wie haben Sie sich vorbereitet?
Wir fünf haben uns in Hannover bei einer Bekannten einquartiert und sind ganz normal mit Eintrittskarten auf das Gelände gekommen. Vor Ort haben wir dann auf einen guten Moment gewartet. Der war, als gerade Fotos gemacht werden sollten. Und bis vor kurz vor der Aktion sind wir in der Menge nicht weiter aufgefallen.

Haben Sie sich verletzt?
Das ist nicht wichtig. Wir mussten mit zur Polizei und die Personalien wurden aufgenommen. Ob Anklage erhoben wird, wissen wir noch nicht. Wichtig ist: Wir haben Aufmerksamkeit erzeugt.

Ihre Mutter ist Lehrerin, ihr Vater Mitglied des Militärs. Nach Deutschland sind Sie gekommen, um „Femen“ auch hier aufzubauen.Wie viele Unterstützer haben sie mittlerweile in Deutschland?
Wir haben hier 30 Aktivisten. In Berlin sind die meisten versammelt, mehr als zehn. Aber auch in Hamburg und anderen Städten sind Frauen. Aber wir werden mehr, es gibt "Femen" in Tunesien, in Mexiko, in meiner Heimat der Ukraine, in den USA und in vielen anderen Ländern.

Von Sebastian Scherer