Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt BVG entscheidet über die Hartz-IV-Sätze für Kinder
Nachrichten Politik Deutschland / Welt BVG entscheidet über die Hartz-IV-Sätze für Kinder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:07 09.02.2010
Vier von sieben Millionen: Die Hartwigs aus Hannover leben von Hartz IV. 215 Euro stehen ihnen für den jüngeren, 251 Euro für den älteren Sohn zu. Zu wenig, um zum Beispiel die Zuzahlungen für Brillengläser zu leisten. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige

Ob das Geld reicht oder nicht, ob man in Wohlstand lebt oder in Armut, das ist manchmal auch eine Frage des Glücks. Und bei der Sache mit den Augen haben die Hartwigs einfach Pech gehabt. Sie können alle nicht gut sehen, die Mutter Yvonne nicht und Benjamin und Sebastian, die beiden Söhne. Und als Benjamin neulich eine neue Brille brauchte, da hatten sie die Wahl. Entweder die dicken Gläser, die die Augen so unwirklich vergrößern, oder die dünnen unauffälligen. „Panzergläser“ nennt Yvonne Hartwig die dicken Gläser, „so etwas kann ich meinem Kind doch nicht antun“. Das Problem ist nur, dass die dünnen Gläser 170 Euro kosten.

Das ist zwei Drittel dessen, was den Hartwigs im Monat für Benjamin zur Verfügung steht. Die Hartwigs sind eine vierköpfige Familie im hannoverschen Stadtteil Mühlenberg, neben Mutter Yvonne, 31, der Vater Markus, 37, und die Söhne Benjamin und Sebastian, elf und fünf. Seit zehn Jahren lebt die Familie von Sozialhilfe beziehungsweise Hartz IV. Normalerweise interessiert sie eher am Rande, was das Bundesverfassungsgericht im fernen Karlsruhe so entscheidet.

Anzeige

Am Dienstag aber ist das anders. Am Dienstag geht es auch um sie. Um sie und die anderen 1,7 Millionen Kinder in Deutschland, die von Hartz IV leben müssen. An diesem Dienstag nämlich wollen die Richter verkünden, ob die Sätze für Kinder mit der Verfassung vereinbar sind. Drei Familien aus Hessen haben gegen die Regelung geklagt, und das Bundessozialgericht hat ihnen bereits recht gegeben, ebenso wie in einem weniger juristischen, sondern politischen Sinne auch der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband, die Caritas oder der Deutsche Gewerkschaftsbund.

Es geht darum, ob es sich die Politiker in Berlin so einfach machen durften, die Sätze für Kinder einfach pauschal von denen für Erwachsene abzuleiten, anstatt sie aufzuschlüsseln und den genauen Bedarf zu ermitteln. Und somit ist also auch die Frage, ob man damit auskommen kann: mit 251 Euro, die Eltern für Sechs- bis 13-Jährige bekommen, und mit 215 Euro für noch jüngere Kinder. Wer allein die Zimmer von Benjamin und Sebastian betrachtet, der wird kaum auf die Idee kommen, dass hier irgendeine Form von Mangel herrschen könnte. Es gibt randvolle Spielsachenboxen, Lego-Eisenbahnen, sogar eine Spielekonsole steht bei Benjamin, wie auch sonst die Wohnung äußerlich kein Armutsklischee erfüllt.

In der Küche schmücken halbhohe blaue Gardinen und modellierte Gänsestillleben das Fenster, im Wohnzimmer ist die Sitzecke um den Fernseher gruppiert, nichts liegt herum, alles ist penibel geordnet. Nur ist es eben auch so, dass die Hartwigs zu jedem der bescheidenen Wohlstand symbolisierenden Stücke eine Geschichte erzählen können. Die Konsole? Ein Geschenk von mehr als einem Dutzend Onkel- und Tantenpaaren, „da haben alle zusammengeschmissen“, sagt Yvonne Hartwig. Der Fernseher? „Mein Schwager hatte sich nen Neuen gekauft, das ist der Alte.“ So geht es weiter. Und die kaputte Stufe an Sebastians Hochbett, das Sperrholz, das die kaputte Glasplatte im Wohnzimmertisch ersetzt hat, den Holzleim und die Bierdeckel, die die Küchenmöbel zusammenhalten, alles das sieht man ja, wenn überhaupt, erst später.

Wenn sich Yvonne und Markus Hartwig nun aber lange über die zu niedrigen Sätze beschweren, dann geht es dabei auch nicht um Spielzeug und nur kurz um Materielles. Sicher, die Kleidung kommt vor, aus der der Größere im Moment im Monatstakt herauszuwachsen scheint: „Die Hosen aus dem Spätsommer sind schon wieder zu klein“, klagt die Mutter, und mit den Fußballschuhen ist es genauso. Aber häufiger, länger, engagierter noch geht es um anderes. Um die Zahnspange für Benjamin, deren 39-Euro-Raten sie nun in den kommenden Jahren nach und nach abbezahlen sollen.

Um die Monatskarte, mit der Benjamin im Winter zur Schule und zum Schwimmbad in die Innenstadt fahren kann, damit er nicht zurückbleibt, wenn seine Freunde nachmittags losziehen. Und vor allem um die Nachhilfe, die Benjamin eigentlich bräuchte. Er geht in die fünfte Klasse einer Gesamtschule, in Deutsch und Mathe hat er Probleme. Er selbst sei mit dem Stoff schon überfordert, gibt Vater Markus zu, er könne nicht helfen. Mehr als 100 Euro, so haben die Eltern erfragt, würde es kosten, wenn Benjamin zweimal in der Woche, wie es bei vielen seiner Mitschüler normal ist, Förderunterricht bekäme.

Die Berichte der Hartwigs, sie handeln von der Sehnsucht dazuzugehören und dem Wunsch, dass zumindest ihre Söhne sich nicht mehr dafür interessieren müssen, wenn ein Gericht über Hartz-IV-Sätze urteilt. „Bei uns können sie ja von mir aus sparen“, sagt Yvonne Hartwig, „aber den Kindern sollen sie doch bitte ein normales Leben ermöglichen.“ Ein normales Leben, das heißt für sie: mit der Chance auf Aufstieg, auf Verbesserung. Es ist eine Hoffnung, die sie für sich selbst schon fast nicht mehr haben. Seit zehn Jahren leben die Hartwigs, mit kurzen Unterbrechungen, von Arbeitslosen- und Sozialhilfe oder eben Hartz IV. Yvonne Hartwig hat die Schule abgebrochen, Markus Hartwig seine Gebäudereinigerlehre. Beide ließen sich von passablen, aber kurzfristigen Jobs locken. „Jugenddummheiten“ nennt er das. Als er einmal wieder Arbeit fand, ging die Firma pleite. Unzählige Bewerbungen habe er geschrieben, und immer wieder versuche er, eine Stelle zu finden, bislang vergeblich. Auch ihre Eltern hätten schon von Hilfen gelebt. Es sei wie ein ewiger Kreis, eine Verfestigung der sozialen Position über Generationen, den sie durchbrechen würden. Aber ob das gelingt, hat nicht nur mit ihnen selbst zu tun.

Dass die Hartz-IV-Sätze für Kinder tatsächlich zu niedrig sind, da sind sich die Experten der Sozialverbände einig. Der Paritätische Wohlfahrtsverband zum Beispiel hat ausgerechnet, dass Kinder wie Sebastian, also unter Sechsjährige, 276 statt 215 Euro bekommen müssten, unter 13-Jährige 332 statt 251 Euro, 14- bis 18-Jährige 358 statt 287 Euro. Auf ähnliche Zahlen kommen auch die Grünen, die 280 bis 360 Euro für nötig halten. „Die pauschale Ableitung des Kinderexistenzminimums vom Bedarf eines Erwachsenen ist willkürlich und falsch“, sagt Caritas-Präsident Peter Neher. Doch so mächtig die Front gegen die bisherigen Sätze auch zu stehen scheint, so fraglich ist, ob die Hartwigs künftig mehr Geld für ihre Kinder bekommen werden. Zwar gilt es als wahrscheinlich, dass die Verfassungsrichter eine Neuberechnung der Sätze für Kinder anmahnen werden. Der Politik jedoch bleibt nur wenig Spielraum für Erhöhungen, wenn sie, wie vom Sozialgesetz vorgesehen, einen gewissen Abstand zu den Geringverdienern einhalten und den Betroffenen nicht den Anreiz zu arbeiten nehmen will.

Der Ökonom Wolfgang Franz zum Beispiel, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, provoziert mit seiner Forderung nach Absenkung der Hartz-IV-Sätze um 30 Prozent. Auch Markus Hartwig weiß von Menschen in seiner Nachbarschaft, „die arbeiten und kaum mehr bekommen als wir“. Das spricht zwar nicht dafür, dass die Hartz-IV-Sätze zu hoch sind, sondern für zum Teil beschämend niedrige Löhne. Nur ist das ein Problem, über das das Gericht heute nicht entscheiden wird. Wie hoch die Sätze letztlich sein müssten? Die Hartwigs zucken mit den Schultern. Daheim am Fernseher werden sie heute den Richtern zusehen und dann verfolgen, was die Politiker aus dem Urteil machen. Die dünnen Brillengläser für Benjamin haben sie jedenfalls dennoch gekauft. Sie stehen dazu, dass sie nicht viel Geld haben, aber es soll doch zumindest bitte nicht jeder auf der Straße gleich sehen können.

Thorsten Fuchs