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Deutschland / Welt Bachelor-Reform noch längst nicht am Ziel
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Bachelor-Reform noch längst nicht am Ziel
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17:31 06.05.2011
Quelle: dpa
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Hochschulreform ohne Ende: Auch zwölf Jahre nach dem Aus für das deutsche Diplom und der Einführung von Bachelor und Master sehen sich Rektoren wie Bildungspolitiker noch längst nicht am Ziel. Angesichts einer Wissensexplosion und wachsenden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sei es eine Daueraufgabe der Hochschulen, Studieninhalte wie -strukturen ständig dem Wandel anzupassen, resümierte Kultusministerpräsident Bernd Althusmann (CDU/ Niedersachsen) auf der Zweiten Nationalen Bologna-Konferenz am Freitag in Berlin.

Vor einem Jahr gingen die Studenten gegen Leistungsdruck, Stoffüberfrachtung, Prüfungsdichte in den nur sechssemestrigen Bachelor-Studiengängen und die unklaren Arbeitsplatzperspektiven auf die Straße - und zwangen die Kultusminister zu Kurskorrekturen. Nun sollte eine erste Bilanz gezogen werden. Eingeladen hatte dazu Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Der Bund finanziert zwar über den Hochschulpakt derzeit jeden zweiten neuen Studienplatz zu 50 Prozent mit. Doch bei dem, was an den Hochschulen geschieht, wollen sich die Länder seit der Föderalismusreform vom Bund nicht gern reinreden lassen.

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Als sich die Bildungsminister Europas und zahlreicher anderer Staaten 1999 bei einer Konferenz in der alten italienischen Hochschulstadt Bologna verpflichteten, ihr nationales Studiensystem auf die international bekannte, aufeinander aufbauende Bachelor- und Master-Struktur umzustellen, stand zunächst eine Vision im Vordergrund: der Traum von einem Studium ohne Grenzen und ohne lästigen Anerkennungsstreit um Leistungsscheine und Zertifikate.

Binnen zehn Jahren sollte die neue Studienstruktur realsiert werden. Doch in der Bundesrepublik wurde die Bologna-Reform mit deutscher Gründlichkeit angegangen und zudem noch mit politischen Vorgaben überfrachtet: Die Studienzeiten sollten deutlich reduziert werden, der Bachelor sollte für die Masse der Studenten als erster berufsqualifizierender Abschluss ausreichen und der Masterstudiengang vornehmlich dem wissenschaftlichen Nachwuchs vorbehalten bleiben.

Um den zunächst skeptischen deutschen Universitäten die neue Studienstruktur überhaupt schmackhaft zu machen, stellte der Wissenschaftsrat ihnen ein eigenes Studentenauswahlrecht für die aufbauenden Masterstudiengänge in Aussicht. Zugleich könnten sie separate Masterstudiengänge für die wissenschaftliche Weiterbildung entwickeln - und dafür auch Gebühren kassieren.

Rund 6000 Bachelor-Studiengänge gibt es derzeit an den Hochschulen, fast ebenso viele Angebote für Master-Studenten. Nach einer internen Übersicht der Kultusminister besteht derzeit nur für jeden vierten Masterplatz ein örtlicher Numerus Clausus. Sie folgern daraus, dass das Masterangebot zur Zeit noch ausreichend ist, halten aber Engpässe in den nächsten Jahren durchaus für möglich, wenn noch mehr Studenten den Bachelor-Titel erworben haben.

Massiv werben Wirtschaftsverbände, Bund und Länder dafür, dass der Großteil der jungen Menschen nach dem Bachelor-Abschluss zunächst ins Arbeitsleben geht - und sich vielleicht erst später für eine Fortbildung wieder zur Hochschule zurückmeldet. Derzeit wechseln erst 16 Prozent der Bachelor-Absolventen aus dem Studium direkt in den Job. Die meisten möchten auch noch den Master-Titel erwerben. Denn trotz neuerer Studien von Bundesregierung und Stifterverband halten sich die Zweifel an der Arbeitsmarkttauglichkeit des Bachelor-Abschlusses ohne ergänzendes Master-Zeugnis.

Nach Abfrage bei 28 großen und mittelständischen Unternehmen zog die Deutsche Physikalische Gesellschaft unlängst das Fazit: Die Industrie mag den Bachelor nicht. Für die Absolventen mit dem Abschluss „Physik-Bachelor“ gibt es praktisch keine Nachfrage.

Schavan wie auch Hochschulrektoren-Präsidentin Margret Wintermantel ist jedoch klar: Ein Zurück zu den alten deutschen Diplom-Studiengängen kann es nicht geben. Ihr Credo: Die Reform muss weitergehen - ebenso auch das Werben für mehr Akzeptanz. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, der die Interessen von rund 26.000 Uni-Professoren vertritt, bleibt hingegen skeptisch. Für ihn sind die neuen Studiengänge den Beweis ihrer Überlegenheit gegenüber Diplom und Magister bisher schuldig geblieben.

dpa