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Deutschland / Welt „Ich möchte, dass der Engel mich endlich holt“
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21:57 02.01.2014
Machtlos: Ärzte und Familie leiden mit den todkranken Kindern. Quelle: rtr
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Brüssel

Nathalie ist 14 Jahre alt. Sie möchte sterben, sagt sie. Am liebsten in den Armen ihrer Eltern. „Bitte machen Sie, dass der Engel kommt und mich endlich holt“, hat sie vor einigen Tagen zu ihrem Arzt gesagt, der sie seit Langem in einem Krankenhaus nahe Brüssel wegen des ständig weiter wachsenden Hirntumors behandelt. „Ich weiß, der Engel wird gut zu mir sein.“ Er habe Tränen in den Augen gehabt, erzählt der Kinder-Onkologe. „Ich möchte ihr gerne helfen, aber ihr hilft nichts mehr. Warum soll sie nicht sterben dürfen, wenn sie es will?“

Nathalie wird weiter leiden müssen. Erst kurz vor den Wahlen im Mai will das belgische Parlament einen Gesetzentwurf verabschieden, der Sterbehilfe auch an Kindern unter 18 Jahren erlaubt. Seit Monaten spaltet die Diskussion darüber das Land. „Warum soll man Kindern, die unheilbar krank sind und unerträglich leiden, nicht die gleichen Möglichkeiten einräumen wie Erwachsenen?“, fragt Jan Bernheim von der Forschungsgruppe Sterbebegleitung der Freien Universität Brüssel. „Es geht darum, dass sie entscheiden dürfen zwischen Sterbehilfe und der Verlängerung der Lebenszeit durch Palliativmedizin“, erklärt der liberale Senatsabgeordnete Jean-Jacques de Gucht, der den Gesetzentwurf mit 16 führenden Kinderärzten des Landes ausgearbeitet hat.

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Gerlant van Berlaer ist einer von ihnen. Der 45-jährige Vater von zwei leiblichen und fünf Pflegekindern sagt: „Ich will nicht Gott spielen. Ich will aber auch nicht das Leiden zum Tode geweihter Kinder, für die es keine Behandlung mehr gibt, gegen ihren Willen verlängern müssen.“

„Dr. Tod“ nennen ihn belgische Medien seither. Doch der Mediziner bleibt konsequent: Wenn Minderjährige Urteilsfähigkeit besitzen, unheilbar krank sind und unter unstillbaren physischen Schmerzen leiden, soll der belgische Gesetzgeber ihnen die Möglichkeit zur Sterbehilfe geben. Im Unterschied zu Erwachsenen werden psychische Leiden nicht als Grund anerkannt. Die Autoren der Sterbehilfe-Reform sprechen offen aus, was damit gemeint ist: Euthanasie, das bewusste und aktive Eingreifen eines Arztes, der mit seinem Handeln das Leben des Patienten beendet.

Dazu zählt die Abgabe von Medikamenten – nicht das Abschalten etwa eines Beatmungsgeräts. Rechtlich handelt es sich dabei nämlich um den Verzicht auf eine Weiterbehandlung, die in Belgien wie auch in Deutschland ohnehin längst erlaubt ist.

„Dein Schmerz ist zu Ende“

„Ein Kind kann in Belgien kein Haus und keinen Alkohol kaufen. Dieses Gesetz würde dem Kind aber erlauben, seine Tötung zu fordern“, kritisiert Carine Crochier vom Europäischen Institut für Bioethik in Brüssel. Die Mediziner halten dagegen: „Sie sind psychologisch älter und reifer als ihr Kalenderalter“, meint der Sterbehilfeforscher Bernheim. Tatsächlich berichten viele Ärzte, die betroffenen Kinder seien angesichts der Auseinandersetzung mit ihrer schweren Krankheit und dem absehbarem Tod deutlich reifer als Gleichaltrige. Deshalb könnten sie bewusst den Wunsch nach ihrem eigenen Tod formulieren. Nathalie hat vor wenigen Tagen ein Bild gemalt: Es zeigt den Engel, wie sie ihn sich vorstellt. Mit langem weißem Gewand, ausgebreiteten Armen und einem warmen Gesicht. Hinter dem Engel tut sich der Himmel auf. Dort hat sie die Worte hineingeschrieben: „Dein Schmerz ist zu Ende.“

Im Jahr 2002 hat Belgien die aktive Sterbehilfe erlaubt. 1432 Patienten bekamen 2012 die Erlaubnis, durch die Hand eines Arztes aus dem Leben zu scheiden. Das Verfahren ist kompliziert, erfordert mehrere Gutachten von Medizinern und Überprüfungen der Willensäußerung. Am Ende muss eine Kommission entscheiden – bis zu einem Jahr kann sich das Verfahren hinziehen. Und dennoch gibt es scharfe Kritik, nicht nur von Katholiken, Protestanten, Muslimen und anderen Religionsgemeinschaften. Erst vor wenigen Monaten erlaubten die Gutachter dem Häftling Frank zu sterben. Als Grund für seinen Todeswunsch gab er an, unter den unerträglichen Bedingungen im Gefängnis zu leiden.

In der Öffentlichkeit tauchte daraufhin die Frage auf, ob solche Fälle nicht dazu führten, die Todesstrafe durch die Hintertür wieder einzuführen. Für internationales Aufsehen sorgte auch das Schicksal von Nathan. Der 44-jährige Mann war als Frau geboren worden und hatte sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Als der Körper das männliche Geschlechtsteil abstieß und Nathan sich nicht wie „ein Monster“ fühlen wollte, bat er um die tödlichen Medikamente. Er bekam sie. „Belgien ist ein weltweites Beispiel, wie Euthanasie außer Kontrolle gerät“, hieß es danach von der Internationalen Koalition gegen Sterbehilfe.

Zugang zum "würdevollen Tod"

Doch das eigentliche Problem der heutigen Gesetzgebung in Belgien ist der Umgang mit der wachsenden Zahl von Demenzkranken, die nicht mehr in der Lage sind, ihren eigenen Willen zu bekunden. Die geplante Reform sollte ihnen den Zugang zu einem „würdevollen Tod“ ermöglichen. Allerdings hätte man auf eine ausdrückliche und bewusste Zustimmung des Patienten verzichten müssen. Mit diesem Argument stieß man das Tor zur Euthanasie von Kindern auf, während Erleichterungen für alte Menschen wieder fallen gelassen wurden. „Heute müssen wir die Sterbehilfe bei den Minderjährigen unter absoluter Geheimhaltung ausführen“, berichtet ein Kinderarzt. „Aber so kann nichts nachgeprüft, nachvollzogen und verbessert werden.“

Im Nachbarland Niederlande ist das aktive Herbeiführen des Todes seit einiger Zeit ab dem zwölften Lebensjahr erlaubt, bis 16 müssen die Eltern zustimmen. Danach nicht mehr. Seit 2006 gibt es keinen registrierten Fall mehr, in dem ein Kind die tödliche Hilfe von einem Arzt haben wollte. In Belgien rechnet man dagegen mit zwei bis zehn Fällen pro Jahr – falls das Gesetz im Mai eine Mehrheit im Parlament findet und König Philippe es unterzeichnet. Sein Vater Albert II. hatte 1990 die Reform der Abtreibungsgesetzgebung blockiert, weil er sich aus moralisch-ethischen Gründen weigerte, die neuen Bestimmungen zu unterschreiben.

Die Meinung in der Bevölkerung scheint klar: Bei Umfragen gab es immer wieder eine Mehrheit für die Öffnung der Sterbehilfe auch für Minderjährige. Die anderen sprechen sich stattdessen für eine Ausweitung der Palliativmedizin nach deutschem Vorbild aus. Hierzulande haben Sterbende einen Anspruch auf Begleitung, bei Kindern ist sogar eine Betreuung der gesamten Familie vorgesehen. Denn die kleinen Kranken zeigen sich nach Erkenntnissen von Sterbeforschern auf der letzten Phase ihres Lebenswegs besonders groß: Sie tragen nicht nur die eigenen Schmerzen, sondern auch das Leid der gesamten Familie.

Von Detlef Drewes