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Deutschland / Welt Ärztekammer rügt Göttinger Uni-Klinik
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00:15 26.03.2014
Foto: Der Transplantationsskandal an der Uni-Klinik Göttingen hat offenbar größere Ausmaße als bisher angenommen.
Der Transplantationsskandal an der Uni-Klinik Göttingen hat offenbar größere Ausmaße als bisher angenommen. Quelle: dpa
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Hannover

Anders als vom angeklagten Chirurgen dargestellt, dienten die Manipulationen nicht durchweg dem Wohl von Patienten, die schneller an ein Spenderorgan kommen sollten. Zu diesem Ergebnis kommt ein jetzt veröffentlichter Bericht der Bundesärztekammer (BÄK). Bei einer Reihe von Patienten, die nach Ansicht der BÄK-Prüfer gar keine Spenderleber hätten bekommen dürfen, kam es nach der Transplantation vielmehr zu einer dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

In Göttingen steht seit August vergangenen Jahres ein Chirurg vor Gericht, der durch falsche Angaben bei der Vermittlungsstelle Eurotransplant eigene Patienten auf der Warteliste besser platziert haben soll. Auf diese Weise waren Kranke, die dringender ein Spenderorgan benötigt hätten, auf der Liste zurückgefallen. Der Prozess wird heute fortgesetzt, ein Ende ist noch nicht in Sicht. Der Angeklagte hat 500 000 Euro Kaution hinterlegt und ist mittlerweile unter Auflagen auf freiem Fuß. Die Prüfungskommission der Ärztekammer hat 105 Fälle aus den Jahren 2008 bis 2011 untersucht, in denen der Angeklagte Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie war.

Bei 79 Patienten – mehr als drei Viertel der Fälle – stellten die Prüfer Richtlinienverstöße fest. Ihr Bericht listet mehr Fälle auf, als in dem Prozess verhandelt werden, und stellt die Qualität infrage. So gab es erhebliche Mängel bei der Diagnose: Befunde wurden nicht erhoben, Symptome nicht abgeklärt, bei einem Patienten wurde ein neun Zentimeter großes Karzinom übersehen. Dies sei „kaum nachvollziehbar“, heißt es im Bericht.

Die Qualitätsmängel hatten teilweise dramatische Folgen. In einem Fall hätte man die „absolut unzureichende“ Medikation verbessern müssen, heißt es. Stattdessen habe der Patient unnötigerweise eine neue Leber erhalten. Danach musste er erneut transplantiert werden und verstarb später. In einem anderen Fall sei der Patient erst durch die Transplantation sehr schwer krank geworden. Ein Patient habe eine Leber erhalten, die zu 90 Prozent verfettet war – die eigene Leber sei besser als die transplantierte gewesen. Eine Patientin, die sogar dreimal transplantiert wurde und an einem Multiorganversagen starb, hätte nach Ansicht der Prüfer nie gemeldet werden dürfen. Angesichts ihres Leidenswegs dränge sich „die Frage nach dem Sinn des ärztlichen Verhaltens“ auf.

Die Folgen des Transplantationsskandals machen den Klinken inzwischen große Sorgen: Die Spendenbereitschaft ist bundesweit um 13,6 Prozent eingebrochen, in Niedersachsen sogar noch deutlicher. Die Krankenkassen haben gefordert, die Transplantationsmedizin in Göttingen zu schließen.

Von Heidi Niemann

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