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Deutschland / Welt Bist du schwul?
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09:16 12.03.2014
Von Marina Kormbaki
„Wie hast du’s deinen Eltern gesagt?“ Workshopleiter Nico Kerski vom Schulaufklärungsverein Schlau beantwortet die Fragen der neugierigen Schüler.
„Wie hast du’s deinen Eltern gesagt?“ Workshopleiter Nico Kerski vom Schulaufklärungsverein Schlau beantwortet die Fragen der neugierigen Schüler. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Zum Frühstück gab es bei Tobias* ein Käsebrot. Pia hatte Cornflakes, Leo hatte nichts, und Arzu fragt in die Runde, was das denn jetzt soll, warum sie was über ihr Frühstück erzählen soll, das Thema heute sei doch ein ganz anderes. Schwule und Lesben nämlich. Ja, sagt Workshopleiter Nico Kerski vom Schulaufklärungsverein Schlau, stimmt; aber es wäre doch schön, wenn die Schülerin der hannoverschen IGS List bei der Vorstellungsrunde nicht bloß Namen und Alter nennt und sagt, ob sie einen Homosexuellen kennt, sondern auch ein bisschen was Persönliches verrät. Daher die Frühstücksfrage. Na gut. Arzu hatte ein Käsebrot, Schwule oder Lesben kennt sie nicht. Der nächste in der Runde kichert, die Nachbarn seien schwul; ein Mädchen erzählt von der lesbischen Tante, ein Junge von seinen beiden lesbischen Müttern. Und zum Frühstück gab’s ein Marmeladenbrot. Ganz selbstverständlich.

Deutschland diskutiert, wie es mit Homosexualität umgehen soll; im Adoptionsrecht, im Sport, in der Schule – vor allem dort. Das Thema spaltet wie kaum ein anderes. Die grün-rote baden-württembergische Landesregierung hat ein vorläufiges Papier über fünf Leitprinzipien für die anstehende Reform des Bildungsplans ins Netz gestellt – seitdem schlägt ihr heftiger Widerstand entgegen. Wegen eines dieser Leitprinzipien: die Akzeptanz sexueller Vielfalt in der Gesellschaft, die bewusste Auseinandersetzung mit Familienmodellen, die vom Vater-Mutter-Kind-Schema abweichen.

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Der Verein SchLAu in Hannover

Der Realschullehrer Gabriel Stängle, ein evangelikaler Christ aus dem Schwarzwald, startete Ende vergangenen Jahres eine Onlinepetition gegen die „Ideologie des Regenbogens“, gegen „Umerziehung“ durch eine Schwulenlobby, die „verschiedene Sexualpraktiken in der Schule als neue Normalität“ propagiere. Seine Ablehnung des neuen Bildungsplans begründet der Verfasser der Petition mit der „höheren Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen“, der „erhöhten Anfälligkeit für Alkohol und Drogen“, dem „ausgeprägten Risiko psychischer Erkrankungen“.

Es ist ein Dokument der Angst, das kaum eine Erwähnung wert gewesen wäre, wenn nicht bis zum Ende der Zeichnungsfrist mehr als 192 000 Menschen unterschrieben hätten. Und wenn nicht zwei ebenfalls recht erfolgreiche Gegenpetitionen aufgesetzt worden wären, worauf wiederum das SPD-geführte Stuttgarter Kultusministerium mit einiger Erleichterung verweist. Nein, sagt eine Sprecherin, man lasse sich nicht abbringen: Die Akzeptanz sexueller Vielfalt werde neben anderen Leitprinzipien wie mehr Verbraucher-, Medien- und Berufsbildung ab 2015 Teil des Lehrplans sein.

Akzeptanz sexueller Vielfalt – mag ja sein, dass Sozialpädagogen darunter Konkretes verstehen. Sehr viele aber macht diese Formulierung ratlos, es kommt zu Missverständnissen. So viel steht fest: Weder der baden-württembergischen noch sonst einer Kultusbürokratie in Deutschland schwebt ein Stundenplan mit der Fächerfolge „Mathe, Englisch, Schwul“ vor. Vielmehr sollen Bilder und Geschichten von schwulen, lesbischen, trans- und intersexuellen Menschen als Möglichkeiten des Andersseins behandelt werden. Das niedersächsische Kultusministerium teilt mit: „Toleranz gegenüber Homosexualität und der Vielfalt sexueller Identitäten ergibt sich grundsätzlich aus dem Bildungsauftrag des niedersächsischen Schulgesetzes und ist Aufgabe der Schule.“ Was nun auch wieder sehr abstrakt klingt.

„Sind Sie schwul?“ Das ist doch mal eine konkrete Frage. Der 13-jährige Alex richtet sie an Nico Kerski, die Vorstellungsrunde ist noch gar nicht beendet, aber Neugier kennt keine Geduld. Eine sehr persönliche Frage, die Kerski mit Ja beantwortet, denn dafür sind Kerski und drei weitere junge Ehrenamtliche vom Verein Schlau heute ja in die hannoversche IGS List gekommen: um zu erzählen, wie das so ist. Als Schwuler oder als Lesbe, als Bisexueller oder als Trans-Person. Die Schule hat die Leute von Schlau eingeladen, seit vielen Jahren arbeitet man gut zusammen. Es ist die persönliche, emotionale Ansprache, die die Arbeit von Schlau unterscheidet von konventioneller Sexualpädagogik, etwa durch Pro Familia oder den Biologieunterricht. Da geht es ja mehr um Fortpflanzung als um sexuelle Identität oder Beziehungen.

Eben dazu haben aber die 30 Siebtklässler ein paar Fragen:
„Woran hast du gemerkt, dass du schwul bist?“
„Wie hast du’s deinen Eltern gesagt?“
„Was haben deine Freunde gesagt?“
„Hast du schon mal ein Mädchen geküsst – und wenn nicht, woher weißt du dann, dass du schwul bist?“
„Woher kommt das – lesbisch sein?“
„Wollt ihr Kinder?“

Nico Kerski erzählt von dem Schlagzeuger einer Schülerband, den er einst als Achtklässler bei einem Schüleraustausch gesehen hatte und an den er sehr lange denken musste – bis er sich fragte, was das wohl bedeutet. Kerskis Teamkollegin Michelle erzählt, wie sie ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrer besten Freundin eröffnete, dass sie lesbisch ist, und sie alle recht entspannt meinten: „Das haben wir uns gedacht.“ Als beide auf die Frage nach Kindern mit Ja antworten, kichert kein Jugendlicher und keiner reißt einen Spruch. Kann sein, dass sie sich zurückhalten. Kann aber auch sein, dass sie daran nichts komisch finden.

Die Leute von Schlau wollen nicht missionieren, sie sind auch keine Selbsthilfegruppe: „Wer bei uns mitmacht, der ist mit sich und seiner Identität im Reinen“, sagt Nico Kerski. Die Auswahl der ehrenamtlichen Schulbesucher sei recht streng, jeder müsse sich professionell fortbilden. Und wer macht mit? Kerski sagt: „Es sind vor allem Leute, die sagen: ,Wenn es so was früher an meiner Schule gegeben hätte, wäre mir mein Coming-out leichter gefallen.“

Das Interesse der Schulen nimmt stark zu: Bundesweit gründen sich Dutzende Schulaufklärungsvereine nach dem Muster von Schlau. Die hannoversche Gruppe hielt im vergangenen Jahr 56 Workshops ab – für 2014 gibt es jetzt schon mehr als 30 Anmeldungen.

Schlau will Vorurteile und Halbwahrheiten ausräumen, im Gespräch mit den Schülern. Auf dem Fliesenboden, inmitten des Stuhlkreises, liegen Karten, der Reihe nach sollen die Schüler sie aufdecken und den Begriff darauf erläutern. Alex nimmt eine Karte, liest vor: schwul. Mann und Mann, die Sache ist schnell erklärt, da fragt Nico Kerski in die Runde: „Wer von euch hat ,schwul‘ schon mal als Schimpfwort gebraucht?“ Sekunden vergehen, dann sind fast alle Finger oben. „Das war aber nicht gegen alle Homosexuellen gemeint“, sagt Alex. Murren im Stuhlkreis, Alex’ Versuch einer Verteidigung fällt durch, man einigt sich darauf, dass es eigentlich nicht okay ist, „schwul“ zu sagen, wenn man „scheiße“ meint.

Nächste Karte: „Intersexuell“. Was ist das? „Wenn man sich im Internet kennenlernt“, sagt ein Mädchen und liegt damit falsch. Nico Kerski versucht es so: „Kennt ihr das Wort Zwitter?“ – „Twitter?“, fragen die Schüler zurück. Als Kerski dann erzählt, dass es Menschen gibt, die bei ihrer Geburt nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, herrscht allgemeines Durcheinander. Hä? Und wieder: Fragen über Fragen.

Die Stadt Hannover fördert den Verein Schlau. Auch andernorts gibt es öffentliche Unterstützung für Projekte gegen Homophobie – ein Indiz für ein gesellschaftspolitisches Umdenken. Und vielleicht auch ein Indiz dafür, dass die in Talkshows und Onlineforen kontrovers geführte Debatte über die Frage, wie viel schwul-lesbische Lebenswelt in der Schule sein darf, der Wirklichkeit hinterherhinkt. Ob es nun im Lehrplan steht oder nicht: Das Thema ist da. Nicht nur auf dem Schulhof, auch im Unterricht.

Ein Beispiel: Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman „Tschick“ wird bundesweit von Tausenden Schülern in der Mittelstufe gelesen, die Theateraufführungen für Schulklassen sind in Hannover und anderen Großstädten stark nachgefragt. Die Hauptfigur „Tschick“ ist schwul – und es stört offenbar niemanden. Bekannt ist auch nichts über Petitionen gegen Thomas Manns „Felix Krull“ oder den „Tod in Venedig“. Und was lesen die Siebtklässler der IGS List gerade in Deutsch? „Boy 2 Girl“, sagt ein Mädchen, „es geht um einen Jungen, der eine Wette verliert und als Mädchen verkleidet zur Schule gehen muss. Gutes Buch.“

* Namen der Schüler geändert

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