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Deutschland / Welt Bonjour Berlin, au revoir Paris!
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08:00 04.09.2010
Von Gabi Stief
Beliebtes Boule: Vor dem Schloss Charlottenburg gehen die Franzosen ihrem Nationalsport so eifrig nach wie in der Cité Guynemer. Quelle: dpa
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Maurice ist geblieben. Sind viele weggegangen? Maurice schaut leicht genervt. „Natürlich, fast alle.“ Schließlich verdienten sie ihr Geld beim Militär. „Sie mussten Berlin verlassen.“ Die Eisenkugel liegt schwer in seiner Hand; Maurice wippt in den Knien, der Arm schwingt nach vorn, und die Boulekugel rollt über die Sandbahn.

Maurice, ehemals Soldat in Frankreichs Diensten, ist geblieben. Er hat in Berlin seine polnische Frau kennengelernt, in Berlin sind seine zwei Kinder aufgewachsen – so wie er selbst, damals in den sechziger Jahren als Sohn eines französischen Soldaten. Warum sollte er in ein Land zurückkehren, das er kaum kennt? Maurice arbeitet heute als Schlosser. Es gehe ihm gut, sagt er. Zwei- bis dreimal in der Woche trifft man ihn abends auf dem Bouleplatz in der Cité Guynemer in Tegel – dort, wo einst die Offiziere spielten.

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Das Viertel, in dem bis 1994 das Personal der französischen Luftwaffe wohnte, wirkt heute trostlos. Am Bordstein wächst das Unkraut, einige Wohnungen stehen leer. Erst vor drei Jahren hat der Bund einen Teil der Siedlung an einen Investor verkauft. Einzig der Bouleplatz ist vom Feinsten; mit 33 Bahnen und einer Halle für die Wintermonate ist er der größte in Deutschland. Die Spieler des „Club Bouliste“ sind mittlerweile fast durchweg Deutsche; 400 Franzosen waren es früher, heute sind es nur noch 15. So wie Maurice, der vor ein paar Jahren deutscher Meister wurde.

Viertel wie Cité Guynemer, Cité Foch oder Cité Joffre, alle in den nördlichen Bezirken Reinickendorf und Wedding gelegen, waren bis 1994 für Berliner nur teilweise zugänglich. Unter den französischen Soldaten war Berlin beliebt. Sie wohnten mietfrei, hatten eigene Läden, eigene Kinos und Schwimmbäder. „Und wir konnten steuerfrei einkaufen“, erzählt Maurice. Dreimal die Woche fuhr ein Zug vom „Gare Francaise Berlin-Tegel“ nach Straßburg.

Die französischen Straßennamen sind geblieben, allerdings nicht mehr auf blauen, sondern auf weißen Schildern, so wie es das Berliner Straßengesetz verlangt. Die Hoffnung der Bundesanstalt für Immobilien, 1500 Wohnungen mit „französischem Flair“ binnen weniger Jahre an Bundesbedienstete zu vermieten oder zu verkaufen, hat sich nicht erfüllt. Vielerorts wurde der Sanierungsbedarf unterschätzt; noch heute stehen Einkaufszentren leer und verwahrlosen.

Die deutsch-französische Freundschaft ist jedoch ungebrochen. Im „Centre Bagatelle“, einer denkmalgeschützten Villa in Frohnau, treffen sich noch heute vier deutsch-französische Vereine. Es finden Konzerte, Lesungen und Ausstellungen statt – Gastgeber ist jedoch nicht mehr die französische Armee, sondern eine Bürgerinitiative, die das Kulturzentrum nach einem langen Kampf vor der Schließung bewahrte. Höhepunkt ist das alljährlich stattfindende Deutsch-Französische Volksfest auf dem Festplatz in der Cité Joffre – mit Boule, Wein, Pastis und Trikolore.

„Boule und Wein sind nur Klischees“, sagt Léa Chalmont. Es ist nicht ihre Welt. Die 29-Jährige aus Tour in der Touraine ist so etwas wie das neue Gesicht der Franzosen, die sich seit einigen Jahren in der Stadt niederlassen. „In Reinickendorf“, sagt sie, „leben die Franzosen, die seit 30 Jahren hier sind.“ Sie konservierten ihre Kultur. „Wir sind vielleicht nicht so begabt in der deutschen Sprache, aber neugieriger.“

Wir – das sind Tausende junge Franzosen, die am anderen Ende der Stadt, im Norden Neuköllns leben. Dort, im Cafe „Heroes“, treffen sich regelmäßig gut zwei Dutzend junge Redakteure, um die Themen für die nächste Ausgabe des französischsprachigen Kulturmagazins „Berlin Poche“ zu besprechen. „Die Resonanz ist gut, aber Geld verdient man damit nicht“, sagt Chefredakteurin Léa Chalmont. Vor zwei Jahren hatte sie die Idee, den Franzosen in der Stadt ein paar Tipps über die Berliner Theater-, Musik- und Tanzszene mit auf den Weg zu geben. Es war eine Laune, mehr nicht. Aber sie hält bis heute. Einmal im Monat erscheint der Kiez-Führer. „Ohne Kapital und ohne Büro – das geht nur in Berlin“, sagt Chalmont.

Viele junge Franzosen wie Chalmont kommen als Touristen oder Austauschstudenten; sie bleiben, weil Berlin etwas bietet, was weder in Paris noch London zu finden ist. Als angehender Maler kann man sich ein billiges Atelier mieten, als junger Musiker in unzähligen Klubs sein Publikum finden. Die Mieten sind bezahlbar, und wenn das Geld nicht reicht, dann wohnt man eben mit Freunden zusammen. „Im konservativen Paris ist dies unvorstellbar“, sagt Chalmont. Wer in Paris auftreten will, muss bereits einen Namen haben oder gute Förderer. Berlin sei die absolute Chance, die „In-Stadt“ für Kreative, sagt die 29-Jährige. „Nur verkaufen muss man wo anders – das geht in Berlin nicht.“

Wie viele Franzosen an der Spree leben? Offiziell sind es 16 000, geschätzt werden 35 000. Léa Chalmont wird erst mal in der Stadt bleiben. Wie lange? Auf ihrem Stoffbeutel steht „Berlin – arm und sexy“. „Ich liebe diesen Spruch!“