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18:42 04.12.2013
Bundesaußenminister Guido Westerwelle und Boxweltmeister Vitali Klitschko stehen zusammen in Kiew bei einer Demo auf dem Maidan, dem zentralen Platz der Stadt. Quelle: dpa
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Kiew

Ein Boxweltmeister, noch dazu im Schwergewicht, müsste einen kräftigen Händedruck haben. So denkt man sich das. Bei Vitali Klitschko ist es anders. Seine Begrüßung ist schüchtern, fast weich. Er nimmt sich zurück. Klitschko fixiert sein Gegenüber. Er hält jedem Blick Stand, ohne mit einer Wimper zu zucken.

Es ist kein Zufall, dass Sportreporter Klitschko den Beinamen „Dr. Eisenfaust“ gegeben haben. Er ist promoviert, ein Denker – und zugleich ein Kraftpaket. Genau darin liegen Chance und Risiko: für Klitschko, für sein Heimatland Ukraine und möglicherweise für ganz Osteuropa. Vitali Klitschko ist ein Kämpfer mit Herz und Verstand. Ein skrupelloser Schläger könnte ihn ausknocken, während Klitschko noch über dessen Attacke sinniert.

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Im Ring ist ihm das selten passiert. Klitschko versteht sein Handwerk. Umso mehr darf man auf einen solchen Mann hoffen, selbst in diesen nasskalten und finsteren Tagen der ukrainischen Revolution. Ist es eine Revolution? Seit zwei Wochen demonstrieren in Kiew und vielen anderen Städten des Landes Zehntausende Menschen für eine Annäherung der Ukraine an die EU. Der autoritär regierende Präsident Viktor Janukowitsch hatte es nach einer spektakulären Kehrtwende abgelehnt, ein Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Er setzt nun auf eine „Rückkehr nach Russland“.

Auch am Mittwoch versuchten etwa 1500 Demonstranten, die Zugänge zum schwer bewachten Regierungssitz zu blockieren. Zudem belagerten pro-europäische Anhänger der Opposition weiterhin den Unabhängigkeitsplatz im Zentrum Kiews.

Ungerührt von den Protesten, brach Janukowitsch am Dienstag zu einer mehrtägigen Reise nach China auf. Gleich im Anschluss spricht er in Moskau vor. Dort lockt und droht Kremlchef Wladimir Putin, der einen Westkurs der Ukraine verhindern möchte. Die Stirn bieten können Putin und Janukowitsch vermutlich nur zwei Menschen: Julia Timoschenko und Vitali Klitschko.

Timoschenko sitzt im Gefängnis. Doch selbst von dort kann sie noch den Aufmarsch der Janukowitsch-Gegner steuern. Zu Wochenbeginn rief sie ihre Landsleute mithilfe ihrer Tochter Jewgenija erneut zum Kampf auf: „Ich bin mit ganzem Herzen bei euch auf den Plätzen, ich bin stolz auf euch und euren Freiheitskampf.“

Timoschenkos Wort hat Gewicht. Im politischen Ring handeln kann sie derzeit allerdings nicht. Das kann in den Reihen der Opposition Klitschko. Er tut viel dafür, die Reihen der Janukowitsch-Gegner zu schließen. Nicht alles gelingt. Am Dienstag stellte die Fraktion seiner proeuropäischen Partei Udar (Schlag) in der Rada, dem Parlament in Kiew, einen Misstrauensantrag gegen die Regierung des Janukowitsch-Vertrauten Mykola Asarow – und scheiterte.

Es war eine klare Niederlage, die angesichts der Mehrheitsverhältnisse abzusehen war. Damit verlagert sich nun der Kampf wieder auf die Straße. Das ist der Ort, an dem ein Boxer seine volle Stärke zeigen kann. „Back on the street – zurück auf der Straße“, heißt es nicht von ungefähr in der Filmmusik zum Hollywood-Klassiker „Rocky“. Nun ist es an Klitschko, einen Kampf zu bestehen, von dem er im persönlichen Gespräch sagt: „Es wird ein schmutziger Fight. Sie werden unter die Gürtellinie schlagen. Kein Fairplay.“

Das klingt realistisch und ein wenig ängstlich zugleich. Es ist eine ähnliche Botschaft, wie sie vom Handschlag des „Dr. Eisenfaust“ ausgeht. Kontrolliert. Vielleicht kann ein guter Boxer nur so gewinnen. Was ihm droht, weiß Klitschko nur zu gut. Soeben hat die Janukowitsch-Mehrheit im Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Klitschkos Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2015 gefährden könnte. Zur Wahl antreten darf demnach nur, wer seit mindestens zehn Jahren in der Ukraine Steuern zahlt. Der Weltstar Klitschko zahlt in Hamburg Steuern, wo sein Boxstall angesiedelt ist.

Im Augenblick sind das allerdings lediglich taktische Manöver. Wirksam werden sie nur, wenn Janukowitsch bis 2015 durchhält. In Brüssel, Paris, Washington und Berlin geht man davon aus. In Moskau selbstverständlich auch.

Furcht prägt das Brüsseler Handeln. Es gibt niemanden, der sich mutig an Klitschkos Seite stellt. Also muss der Boxer allein kämpfen. Warum er das tut? „Ich will in einem demokratischen Land leben“, sagt Klitschko. Man wünscht ihm dann, dass er im entscheidenden Augenblick zupackt.

Von Ulrich Krökel

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