Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Bund fördert Spracherwerb in Kitas
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Bund fördert Spracherwerb in Kitas
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:09 03.11.2010
Von Michael Grüter
Damit es Kinder aus Migrantenfamilien in der Schule leichter haben, will die Bundesregierung die frühe Sprachförderung im Kindergarten unterstützen.
Damit es Kinder aus Migrantenfamilien in der Schule leichter haben, will die Bundesregierung die frühe Sprachförderung im Kindergarten unterstützen. Quelle: dpa
Anzeige

Der Bund will in den nächsten vier Jahren 400 Millionen Euro dafür ausgeben, dass 4000 Kindergärten jeweils eine Halbtagskraft einstellen können, die Kindern unter drei Jahren beim Erwerb der deutschen Sprache helfen. Schröder äußerte die Erwartung, dass die zusätzliche Sprachförderung mehr Migranten-Eltern motivieren werde, ihre Kinder in Kitas anzumelden. Sprachförderung ist ein Thema des Integrationsgipfels. Außerdem geht es um schärfere Kontrollen des Besuchs von Integrationskursen und die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Von Oppositionsparteien und Migrantenverbänden wurde im Vorfeld des Integrationsgipfels mit Blick auf den Tenor der Debatten vergangener Wochen Skepsis laut. Es handele sich um eine Alibiveranstaltung.

Eine „Praktiker-Tagung“ der Grünen-Bundestagsfraktion zum Thema „Integration – wer verweigert hier was?“ widmete sich weißen Flecken in der Integrationsdebatte. Der Leiter der Hector-Peterson-Oberschule in Berlin-Kreuzberg, Dietmar Pagel, benannte „die Perspektivlosigkeit von Schülern, die sich um Bildung bemühen sollen, als größten Skandal“. Seine Schule werde fast zu 100 Prozent von Schülern nicht deutscher Herkunft besucht, erläuterte der Schulleiter. Ähnlich groß sei der Anteil der Schüler, deren Eltern nicht von eigener Arbeit leben könnten.

Die Schüler erlebten Mutlosigkeit und Resignation in ihren Familien. Unpünktlichkeit, Konzentrationsschwächen, Orientierung am Misserfolg sei bei ihnen in der Regel die Folge. Die Schule schaffe es dennoch, 15 bis 25 Schüler pro Jahrgang fit fürs Gymnasium zu machen, berichtete Pagel. 40 bis 50 Prozent der Schüler schlössen mit einem mittleren Schulabschluss ab. Keiner von ihnen bekomme einen „echten Ausbildungsplatz“. Die vollschulische Ausbildung im Oberstufenzentrum sei der einzige Zugang zur Arbeitswelt.

Sylvia Selke von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg berichtete bei der gleichen Gelegenheit, dass Deutsch als Fremdsprache kein Pflichtbestandteil der Lehrerausbildung in manchen Bundesländern sei, obwohl in vielen Schulen ein hoher Migrantenanteil inzwischen zur Regel gehöre. Ein kleiner freiwilliger „Ausländerschein“ könne mit neun Stunden erworben werden.

Schüler, die in der Schule scheitern, gehören zur Klientel von Kemal Özbasi vom Verein für Straßensozialarbeit „Gangway“. Diese Schmach trügen sie lange mit sich herum, sie entwickelten die „härteste Kruste“, erläuterte er. Özbasi trifft Jugendliche auf Bürgersteigen und Plätzen. „Gewalt“ sei für sie eine ständig verfügbare kostengünstige Ressource, Macht- und Kommunikationsmittel zugleich.

Özbasi sieht Sozialarbeiter als Seismografen der Gesellschaft. Was er derzeit erlebt, bereitet ihm Sorgen. „Die aktuelle Debatte verunsichert die Jugendlichen. Sie nehmen nicht teil, spüren aber die Auswirkungen. Sie entgleiten uns.“ Wolfgang Malik vom „Boxprojekt“ im hessischen Offenbach beobachtet: „Die Helden der Szene sind die Jungs im 3er-BMW, die alles Schöne mitnehmen.“ Legale Arbeit sei oft nicht möglich, da ihnen häufig der Aufenthaltstitel fehle und sie nur geduldet würden.