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Deutschland / Welt Liegen, delegieren – und Zähne zusammenbeißen
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08:25 09.01.2014
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Krücken bei der Kabinettssitzung. Quelle: dpa
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Berlin

So ist das mit den Ratschlägen der Ärzte: Man hört sie sich an, würde sie ja auch gerne befolgen, aber leider kommt immer etwas dazwischen. Obwohl Kanzlerin Angela Merkel in den nächsten drei Wochen viel liegen soll, um ihre erst mit einigen Tagen Verspätung entdeckte Beckenverletzung nach einem Skilanglauf-Unfall auszukurieren, hat sie ständig Termine, die sie stehend oder sitzend absolvieren muss.

Am Dienstag war es der Empfang der Sternsinger im Kanzleramt, gestern die erste Sitzung des neuen schwarz-roten Bundeskabinetts und heute der Neujahrsempfang von Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue. An Krücken und dicht gefolgt von ihrem Stellvertreter, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), betrat Merkel gestern um kurz vor halb zehn den Kabinettssaal im sechsten Stock des Kanzleramts, der auf der gleichen Etage wie ihr Büro liegt. Gut gelaunt begrüßte sie einige Minister, nahm Genesungs- und Neujahrswünsche entgegen und humpelte dann zu ihrem Platz in der Mitte des ovalen Kabinettstisches, wo ihr Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) den Stuhl zurechtrückte.

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Nach dem Befinden der Kanzlerin gefragt, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert später, er habe nicht die Absicht, täglich „ärztliche Bulletins“ zu verbreiten. Es gehe Merkel aber gut. Auch zu den starken Schmerzen, die nach Auskunft von medizinischen Experten oft mit einer Beckenverletzung einhergehen, wollte er nichts weiter sagen. Bei ihren öffentlichen Auftritten mit den Sternsingern oder gestern im Kabinett machte Merkel aber – bis auf ihre Krücken der Marke „Ossenberg“ – nicht den Eindruck, durch ihr angebrochenes Becken in irgendeiner Weise beeinträchtigt zu sein.

Dass ein solcher Eindruck aber auch täuschen kann, hat vor einigen Wochen der frühere FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle bei einem Auftritt in der Talkshow von Markus Lanz offenbart. Er war Mitte Juni in einem Landhotel gestürzt und hatte sich mit einem Bruch des linken Arms und des Oberschenkels allerdings schwerer verletzt als jetzt Merkel. In der Talkshow gab er kurz vor Weihnachten zu, dass er bei seinen späteren Wahlkampfauftritten immer wieder unter sehr starken Schmerzen gelitten habe, obwohl er sich nach außen nichts anmerken ließ.

Bis auf wenige Auszeiten wegen Erkältungen war Merkel immer auf ihrem Posten. Selbst 2011, als sie nach einer Operation am Knie auf Krücken laufen musste, erschien sie zur Arbeit. Das heißt nicht unbedingt, dass die Kanzlerin nie krank war – nur gesprochen wurde darüber in der Öffentlichkeit nicht. Amtsinhaber vor ihr haben es ähnlich gehalten.

Merkel hätte die Leitung der Kabinettssitzung gestern auch ihrem Stellvertreter Gabriel überlassen können. Doch das kam für sie offenbar nicht infrage. Einen Termin zumindest hat sie aber an Gabriel abgegeben: Die Überreichung der „Sterne des Sports“ in Gold an einige Sportvereine – da befolgt sie dann doch lieber den Rat der Ärzte.

Merkel regiert ohnehin sehr viel per Handy, sodass die zusätzliche Zeit, die sie jetzt zu Hause in ihrer Berliner Wohnung am Kupfergraben im Bett verbringen muss, nicht ungenutzt bleiben wird. Wenigstens kann sie jetzt einigermaßen sicher sein, dass ihr Mobiltelefon nicht mehr vom amerikanischen Geheimdienst abgehört wird – US-Botschafter John B. Emerson versicherte das gestern noch einmal während seines Besuchs bei der CSU-Klausur in Wildbad Kreuth. Und fast zur gleichen Zeit übermittelte auch noch der US-Finanzminister Jacob Lew, der bei seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble in Berlin zu Gast war, die besten Genesungswünsche von US-Präsident Barack Obama.

Eine besondere Rolle kommt in den nächsten Tagen wohl Peter Altmaier zu. Der neue Chef des Bundeskanzleramts, ebenfalls ein Fan von elektronischer Kommunikation, wird wenig Zeit haben, sich in Ruhe an seinem neuen Arbeitsplatz umzusehen. Schon beim Besuch der Sternsinger schickte Merkel nach ihrer Begrüßung den „Chef-BK“ vor. Der ehemalige Bundesumweltminister sang mit den Gästen „Wir kommen daher aus dem Morgenland“. Es wird nicht die einzige Aufgabe sein, die seine Chefin nun an ihn delegieren muss.

Von Joachim Riecker

Wie gefährlich leben Merkels Minister?

  • Heiko Maas, Justizminister, ist in der Kabinettsrunde einsame Spitze – sportlich gesehen. Der 47-Jährige ist Triathlet. Diese Ausdauersportart setzt, wie er selbst sagt, eine gewisse Leidensfähigkeit voraus, die auch in der Politik gefragt ist. Die Verletzungsgefahr? Angeblich ist ihm mal beim Laufen ein Wildschwein in die Quere gekommen. Maas konnte durchs Gehölz entkommen.
  • Ursula von der Leyen, Verteidigungsministerin, liebt es, hoch zu Roß zu sitzen. Früher hat sie an Reitturnieren teilgenommen; heute begleitet sie nur noch gelegentlich ihre fünf Töchter zu Wettkämpfen.
  • Hermann Gröhe, Gesundheitsminister, räumte in einem Interview schuldbewusst ein, dass er zu wenig Sport treibe. Wenn das Wetter es zulasse, komme er aber immerhin zu Fuß ins Büro.
  • Andrea Nahles, Sozialministerin, reitet gern; ansonsten muss sie sich beim Sport zurückhalten. Die 43-Jährige hat ein Hüftleiden. Die Behinderung ist Folge eines schweren Autounfalls, bei dem sie im Urlaub in Schweden gegen einen Baum geschleudert wurde.
  • Manuela Schwesig, Familienministerin, joggt und tanzt. Eine weitere ungefährliche Leidenschaft: Die 39-Jährige „tobt“ gern mit ihrem sechsjährigen Sohn auf dem Spielplatz.
  • Frank-Walter Steinmeier, Außenminister, wandert gern; mit Vorliebe in den Dolomiten.
  • Sigmar Gabriel, Wirtschaftsminister, bevorzugt das Segeln.
  • Thomas de Maizière, Innenminister, hat ein gänzlich ungefährliches Hobby. Er besucht Kochkurse von Spitzenköchen, um seiner Frau ein Festmahl servieren zu können.

gst

Stefan Koch 08.01.2014
08.01.2014