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Deutschland / Welt CDU-Politiker Spahn fordert Zweitbettzimmer in Krankenhäusern
Nachrichten Politik Deutschland / Welt CDU-Politiker Spahn fordert Zweitbettzimmer in Krankenhäusern
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09:17 28.12.2010
Im Vierbettzimmer fühlen sich die meisten Patienten inzwischen unwohl. Quelle: dpa
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„Die Hölle, das sind die anderen.“ Als der Philosoph Jean-Paul Sartre diese berühmt gewordene kleine Misanthropie niederschrieb, hatte er nicht das Gesundheitswesen, sondern die Menschheit als Ganzes vor Augen. Ein Blick in das Vierbettzimmer eines gewöhnlichen Krankenhauses hätte schon genügt. Männer schnarchen, dass es Ohr­stöpsel durchdringt. Ihre Prostata zwingt sie zu geräuschvollen nächtlichen Toilettengängen. Radio und Fernsehen stellen Männer gerne laut. Jederzeit können schnatternde Großfamilien den Raum füllen. Tritt hierarchisch geordnet der Ärztetross ans Bett, sind Mitpatienten im Nebenbett an der Diagnose stets interessiert. Sollen kranke Menschen sogar in Sechsbettzimmern genesen, lebt es sich wie im Reihenmittelhaus: Wohin man sich wendet, es ist immer schon einer da.

Zustände, die der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn nach eigenem Bekunden mit der nächsten Gesundheitsreform, dem geplanten „Versorgungsgesetz“, ändern will. Der Gesundheitsexperte der Unionsfraktion hat jetzt gefordert: In Krankenhäusern soll es künftig auch für gesetzlich Versicherte nur noch Zweibettzimmer geben. Vier Betten, sagte der Politiker der „Süddeutschen Zeitung“, „das wird den Bedürfnissen der Menschen einfach nicht mehr gerecht, das ist etwa für einen Krebspatienten eine ziemliche Zumutung“. Über finanzielle Anreize will der Christdemokrat den Wandel fördern: Kliniken, die mehr Zweibettzimmer anbieten, sollten auch mehr Geld bekommen.

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Spahn liegt mit seinen Vorschlägen nicht falsch. Patientenbefragungen kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass kranke Menschen lieber in Zimmern mit weniger Betten liegen möchten. Und dass in puncto Komfort bei vielen deutschen Krankenhäusern Nachholbedarf besteht, scheint unbestritten. Für ihren Klinikführer Niedersachsen beispielsweise hat die Techniker Krankenkasse (TK) ihre Versicherten gefragt, wie zufrieden sie mit den Kliniken und der medizinischen Versorgung waren. „Bei Organisation und Unterbringung haben alle Krankenhäuser am schlechtesten abgeschnitten“, sagte TK-Sprecher Frank Seiffert am Montag. Vielleicht auch ein Grund für das Klinikum Hannover, langfristig auf kleinere Zimmer zu setzen, wie Geschäftsführer Karsten Honsel berichtet: „Patienten wünschen sich zunehmend Ein- und Zweibettzimmer.“

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) ist ein gutes Beispiel, wenn man begutachten will, was Spahns Vorschläge in der Praxis bedeuten würden. Von den mehr als 1400 MHH-Betten sind etwa 150 in Drei- bis Sechsbettzimmern aufgestellt. „Grundsätzlich hat Herr Spahn vollkommen recht, dass die Krankenhäuser in Richtung kleinerer Zimmer gehen sollten. Die Menschen haben höhere Ansprüche, und natürlich lassen sich auch Krankenhausinfektionen besser vermeiden“, sagt MHH-Vizepräsident ­Andreas Tecklenburg. „Allerdings hat Spahn nicht bedacht, dass die nötigen Umbauten von den Ländern finanziert werden müssten.“ Deutschlandweit könnte ein dreistelliger Millionenbetrag nötig sein, um alle Krankenhäuser der öffentlichen Hand umzurüsten. „Wenn die Politik es finanziert, machen wir das sofort.“

Es geht also darum, wer das Wünschenswerte bezahlt. Die MHH selbst könne das Geld jedenfalls nicht aufbringen, zumal es auch Argumente gegen den Umbau gebe, wie Tecklenburg erläutert. „Die Nachfrage nach den MHH-Leistungen ist in den letzten Jahren gestiegen. Wir sind zu mehr als 90 Prozent ausgelastet und brauchen die Betten“, sagt der ­Vizepräsident der Hochschule. „Schon jetzt gibt es wochenlange Wartezeiten. Würden wir unsere Vierbettzimmer zu Zweibettzimmern machen, müssten wir pro Station auf sechs bis acht Betten verzichten. Das würde die Wartezeiten weiter verlängern.“

Außerdem müsse die MHH dann Personal abbauen, weil mit weniger Betten auch weniger operiert werden könne. Andererseits wäre die Krankenpflege in kleineren Zimmern zeitaufwendiger und damit teurer, sagt Tecklenburg. „Das bedeutet, dass man die Fallpauschalen neu berechnen müsste.“ Hätte die MHH ausschließlich Zweibettzimmer, müssten sechs Pflegekräfte pro Station mehr eingeplant werden, rechnet der Klinik­experte vor. „Das wären zusätzliche Personalkosten von rund 300 000 Euro pro Station und Jahr.“

Derartige Summen durch das Vermeiden von Krankenhausinfektionen einzusparen, hält Tecklenburg für unrealistisch. „Die Kosten von Krankenhausinfektionen werden weit überschätzt“, sagt er. Dem Hygieneproblem setzt die MHH bereits seit 2003 ein spezielles Überwachungssystem für Krankenhauskeime entgegen. Am Programm gegen die gefährlichen MRSA-Keime nehmen auch alle 17 Kliniken der Region Hannover teil.

Grundsätzlich tendiert aber auch die MHH zu kleineren Zimmern. Bereits vor drei Jahren hat die Hochschul­klinik Pläne für „Modellstationen“ ausgearbeitet. Bisher konnten nach diesem Modell acht alte Stationen mit 2,3 Millionen Euro Landesmitteln umgebaut werden. Zuletzt waren dies die drei Stationen der Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie, deren Bettenbestand auf jeweils 28 reduziert wurde. Dort gibt es nun jeweils zwei Dreibettzimmer, zehn Zweibettzimmer und zwei Einzelzimmer. „Würden wir das mit allen Stationen machen, würden uns aber Betten fehlen, und wir müssten anbauen.“

Moderate Töne sind das. In Berlin, bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft, wählt Sprecher Moritz Quiske schärfere Worte. „Das sind wohlfeile Vorschläge ohne Unterfütterung, Herr Spahn wird offenbar von seinem schlechten Gewissen geplagt.“ Schließlich, sagt Quiske, habe die Koalition den Kliniken eine Milliarde Euro genommen und nichts gegen den Ärztemangel in Deutschlands Krankenhäusern getan, „5500 Mediziner fehlen“. Der Sprecher empfahl dem Politiker zwecks Informationsbeschaffung einen Rundgang durch die Krankenhäuser seines eigenen Wahlkreises. Zurückhaltend auf Spahns Vorstoß reagierte das Bundesgesundheitsministerium. Die Koalition sei sich einig, die ärztliche Versorgung sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich zu verbessern, erklärt ein Sprecher von Minister Philipp Rösler (FDP). Doch zuerst müsse man mit den Ländern verhandeln. Den Zusatz, jeder dürfe Vorschläge machen, könnte man auch als Herablassung verstehen.

Jens Spahn will im Versorgungsgesetz weitere Verbesserungen für Patienten festschreiben. Eine „Termingarantie“ für Fachärzte etwa, spätestens nach drei Wochen soll man seinen Arzt konsultieren können. Nach dem Besuch soll der Patient abzeichnen, was der Mediziner geleistet hat. „Lieferschein“ sagt Spahn dazu. Ob er seine Vorschläge ins Gesetz drücken kann, ist offen. Es ist, wie Tecklenburg sagt: Es geht um Geld. Davon müssen ohnehin alle Versicherten mehr zahlen, wenn von Januar an die Kassenbeiträge steigen. Eine Folge der jüngsten Gesundheitsreform.

Gunnar Menkens und Nicola Zellmer